White Passing

Bewertung und Kritik zu

WHITE PASSING 
von Sarah Kilter
Regie: Lars Georg Vogel
Premiere: 12. März 2022 
Vaganten Bühne Berlin 

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Zum Inhalt: Es ist der 01. November, Geburtstag der Protagonistin in White Passing und algerischer Tag der Revolution. Eine Dopplung, die sie immer etwas triggert. Und so sitzt sie, wie so oft, allein im Einsteincafé am Savignyplatz und fühlt sich stärker als sonst mit ihrer geheimen, zweiten Seite verbunden: ihrem Migrationshintergrund, den man bei ihr nicht sieht und niemand am Namen vermutet. Als sie nach Hause kommt und vor der Haustür den geleasten Plug-in-Hybrid-SUV von Jule und Thomas sowie Max' Rennrad entdeckt, flieht sie vor der Überraschungsparty in die Badstraße im Wedding und in ihre Vergangenheit.

Mit Melissa Anna Schmidt, Natalie Mukherjee, Urs Stämpfli, Julian Trostorf

Regie, Bühne & Kostüme: Lars Georg Vogel
Dramaturgie: Fabienne Dür
Regieassistenz & Abendspielleitung: Alexander Schatte
Regiehospitanz & Ausstattungsassistenz: Antonia Siems
Technische Leitung & Licht: Malte Hurtig


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Schlimm schlimm …
  · 14.03.22
White Passing - dieser Begriff lässt sich übersetzen mit "als weiß durchgehend". So empfindet sich auch die Autorin Sarah Kilter, die mit ihrem gleichnamigen Theaterstück ihre Erfahrungen und Empfindungen deutscher Lebenswirklichkeit als Heranwachsende und Erwachsene mit algerischen Wurzeln zum Ausdruck bringt, die äußerlich aber nicht sichtbar sind, sie als "biodeutsch" durchgehen lässt. 
Und das nun in der Vagantenbühne Premiere hatte, Regisseur Lars Georg Vogel hat dem Umstand des White Passing doppelt und dreifach Rechnung getragen, indem er die Schauspielerin Melissa Anna Schmidt "Sie" spielen lässt, nordeuropäischer aussehend geht nicht. "Sie" mimt dann auch eine junge Frau, die, aufgewachsen in der Weddinger Badstraße und großer Fan von Bushido (kräftige Arbeiterhände), nun in einer Luxuswohnung in Charlottenburg lebt, es "geschafft" hat, jetzt täglich 23 schöne Stunden mit Böhmermann (zierliche 'Mädchen'-Hände) verbringt, auch wenn keiner, im speziellen ihre hippen Freunde Jule, Max und Thomas, weiß, was sie eigentlich so treibt. Dies wird auch nicht aufgelöst, leider bleibt die Hauptfigur ein wenig oberflächlich. Die Inszenierung wechselt zwischen den Monologen von "Ihr", in denen sie in ihre Lebenswirklichkeit Einblick gibt, den Aneinanderreihungen zum deutschen Wesen vom gesamten Ensemble und den Ambivalenzen ebendessen ("Woran erkennt man einen Deutschen, der nichts gegen Ausländer hat? Er wird es dir sagen") und Szenen, die ihre drei "biodeutschen" Freunde in ihrer Wohnung in Unterhaltung und Auseinandersetzung zeigen, aus der sie wegen ihres Geburtstages geflüchtet ist. Der nämlich mit dem algerischen Tag der Revolution zusammenfällt und sie deshalb innehalten, aus dem klischeebeladenen Charlottenburg in ihre alte Heimat Wedding fahren lässt, wo das Leben schon ein anderer Schnack ist, wo aber auch noch alte Sehnsüchte schwelen. Dann sind da noch eine Lehrerin und ein Arzt, die sich unterhalten, kennenlernen, anbaggern ("Irgendwie sieht man das nicht bei ihr, das Migrantische. Sonst hätte man doch ganz anders, sonst wäre man natürlich mit mehr Verständnis..."). Herrlich zynisch, erfrischend komisch, wenn auch bitter. Und großartig gespielt von Natalie Mukherjee und Urs Stämpfli.
Diese vier Handlungsstränge ziehen sich durch den Abend, sind versatzstückartig ineinander verflochten.
Vielleicht wäre weniger ein bisschen mehr gewesen, "Deutschland in Spiegelstrichen" kommt streckenweise nicht enden wollend daher, wirkt dadurch auch etwas inflationär und eindimensional, es tut sich die Frage auf, ob viele der Aussagen wirklich ausgesprochen deutsch sind oder ob sie nicht einfach nur Stereotypen entsprechen, die sich auf viele (europäische/globale) Gesellschaften übertragen ließen, in denen es das beschriebene Gefälle und die inneren Widersprüchlichkeiten gibt, was es natürlich nicht besser macht, wo aber gibt es sie nicht? Und was ist es, das diese "Sie" dieses hippe Leben bei den "Biodeutschen" leben lässt, wenn sie dort doch gar nicht wirklich ankommt, ihre tiefen Sehnsüchte sie immer noch in ihre Lebenswirklichkeit mit ihren Kindheitserinnerungen ziehen? Dieser Widerspruch bleibt leider unbetrachtet, dabei liegt es auf der Hand, sich gerade beim Thema White Passing auch diesem Aspekt zu widmen.
Auf alle Fälle legt Kilter ihren Finger in viele Wunden, erzählt treffend, was den widersprüchlichen Umgang der Menschen miteinander, wo immer sie leben könnten, anbetrifft. Wenn ein Hitlergruß unkommentiert bleibt: "War halt ein Idiot, noch dazu besoffen, was sollen wir machen, vielleicht wird er aggressiv, wenn ich was sage. Außerdem habe ich gerade die kleine Nele dabei." "Schlimm schlimm ..."
Und mit dieser Produktion wird dem Umstand des White Passing überhaupt Rechnung getragen, eine Situation, die nicht unbedingt bekannt ist und die für die Betroffenen ein Thema ist, das wert sein sollte, es einer größeren Öffentlichkeit bewusst zu machen.
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