Hiob

Bewertung und Kritik zu

HIOB 
von Joseph Roth
Regie: Jasmina Hadžiahmetović 
Premiere: 13. September 2019 
Vaganten Bühne Berlin 

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Zum Inhalt: Ein jüdisches Schtetl im zaristischen Russland: Inmitten von heißen Sommern und bitterkalten Wintern führt der Lehrer Mendel Singer ein Leben, das von Armut und Entbehrungen, von Ritualen und Gottesfurcht geprägt ist. Dann trifft den frommen Mann ein Schicksalsschlag: Sein viertes Kind, der Sohn Menuchim, kommt mit einer Behinderung zur Welt. Als Mendel Singer in der Hoffnung auf ein besseres Leben beschließt, nach Amerika auszuwandern, muss die Familie den kranken Sohn schweren Herzens zurücklassen.
Die bohrenden Zweifel an dieser Entscheidung sind erst der Beginn von Mendels Leidensweg. In Amerika bleibt er ein Fremder und Außenseiter. Nach und nach stürzen die Grundpfeiler seiner Existenz ein, als er seine Söhne, seine Frau und schließlich die Tochter verliert. Er beginnt zu zweifeln. Was ist das für ein Gott, der ein solches Unglück zulässt? Mendel gerät an die Grenzen seiner bislang unerschütterlichen Duldsamkeit. Plötzlich hinterfragt er die letzte Konstante seines Lebens: das Vertrauen in seinen Gott.
Der österreichische Schriftsteller Joseph Roth erzählt in seinem 1930 erschienenen Roman eine Geschichte, die bis heute gültige existenzielle Erfahrungen in den Blick nimmt: Emigration und Heimatlosigkeit, Verzweiflung und Glaube, Tradition und Identitätsverlust. In einer Sprache, die Kargheit und Poesie auf unnachahmliche Weise vereint, macht Roth aus der biblischen Hiobs-Vorlage eine berührende Geschichte des 20. Jahrhunderts.

mit Magdalene Artelt, Christian Dieterle, Senita Huskić, Florian Rast

Regie: Jasmina Hadžiahmetović
Ausstattung: Hella Prokoph
Dramaturgie: Lars Georg Vogel


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Gottes gewundene Wege
  · 14.09.19
Ein erstaunlich ernsthafter, ernstzunehmender Abend, Theater, wie es vielleicht früher einmal war und wie man es an unseren grossen Bühnen inzwischen kaum mehr findet. Hier wird auf der Basis eines ungemein poetischen Romantextes ein erkenntnistheoretischer Konflikt bis zur letzten Konsequenz durchgespielt. Keine Ausflüchte, keine Appetithäppchen für ein übersättigtes Publikum, kein Kokettieren mit Gags oder Videotechnik. Einfach nur gute, ehrliche Bühnenarbeit.

Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović, die auch die Bühnenfassung von Joseph Roths Roman aus dem Jahre 1930 übernommen hat, hält sich im gesprochenen Text sehr weitgehend an diese Vorlage, wodurch die überaus bildhafte, poetische Sprache dieses Autors ihren spezifischen Reiz entfalten kann. Hella Prokophs unprätentiöse Ausstattung der Bühne mit einfachen Lampengirlanden unterstützt die Konzentration auf die dargestellte Fabel. Einen besonderen Akzent setzen die weißen Papierbahnen, die zunächst an den Wänden befestigt und von den Schauspielern dann Zug um Zug mit gebetsartigen Anrufungen Gottes beschriftet werden.

Zwei weibliche und zwei männliche Darsteller übernehmen die Aufgabe, Joseph Roths Romangestalten lebendig werden zu lassen. Im Mittelpunkt steht Mendel Singer, Tora-Lehrer für jüdische Kinder im russischen Zuchnow (Christian Dieterle). Gemeinsam mit seiner Frau Deborah (Magdalene Artelt) hat er zwei Söhne: Jonas und Schemarjah sowie eine Tochter Mirjam, deren Rollen im Wechsel von Florian Rast und Senita Huskić übernommen werden. Als viertes Kind wird ihnen Menuchim geboren, der mit einer schweren Entwicklungsstörung zur Welt kommt. Daraus ergibt sich für die Familie eine belastende Prüfung, der Mendel und Deborah auf unterschiedliche Weise begegnen.

Mendel ist der Typus des tief gläubigen Juden, der ein sehr enges Verhältnis zu "seinem" Gott hat und alle Erfahrungen als unmittelbare Äußerungen von Lob und Tadel Gottes erlebt. Die beiden Söhne Jonas und Schemariah werden zum Militär einberufen, der pfiffigere Schemarjah setzt sich nach Amerika ab und schickt von dort Geld, damit die Eltern ebenfalls ins "freie Land" jenseits des Atlantik übersiedeln. Die zögern anfangs, weil es bedeutet, den behinderten Menuchim bei einer Pflegefamilie zurückzulassen. Schließlich machen sie sich zu Schiff auf den Weg.

Schemarjah, der sich jetzt Sam nennt, und sein Freund Mac melden sich beim Kriegseintritt Amerikas 1917 zum Militär. Sam fällt an der europäischen Front, und seine Mutter Deborah stirbt vor Kummer über die Todesnachricht. Bruder Jonas, der in Russland geblieben war, wird dort als verschollen gemeldet, und Tochter Mirjam erleidet eine Psychose und wird in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Mendel wird durch diese Kette von Schicksalsschlägen an seiner Gläubigkeit irre, lästert Gott und gerät selbst in einen Zustand der Raserei, und nach seinem wütenden Aufbegehren verlassen ihn die Kräfte. Wie im Traum bekommt er noch die Wende zum Guten mit, die im Roman von Joseph Roth noch sehr viel ausführlicher dargestellt wird. Eines Tages steht Menuchim im Flur, groß, stark und erfolgreich, und die anderen Familienmitglieder scheinen Mendel liebevoll zu umringen und im Ableben zu begleiten.

Das Premierenpublikum folgt dem "Roman eines einfachen Mannes", wie der Untertitel von Joseph Roths Werk lautet, mit nie nachlassender Aufmerksamkeit, ungeachtet des grüblerischen Naturells der Hauptperson, und am Ende belohnt reicher Applaus das Ensemble und das Regieteam für eine außergewöhnlich beeindruckende Leistung.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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Intensiv und berührend
  · 15.09.19
Für viele ist die Geschichte von Hiob eine Parabel davon, dass Gott dem Menschen eine Chance gibt, sich in Prüfungen zu bewähren. Auch wenn er ihm viele Leiden auferlegt, solle der Mensch doch nicht seinen Glauben an das Gute, an seinen Gott, verlieren.
Joseph Roth hat zu diesem existentiellen Drama 1930 einen Roman geschrieben, in dem er das von Schicksalsschlägen geprägte Leben des jüdischen Bibellehrers Mendel Singer und seiner Familie erzählt. Orte der Handlung sind das fiktive Schtetl Zuchnow im zaristischen Russland und New York im ausgehenden 19. Jahrhundert bis nach dem Ende des ersten Weltkriegs.
Jasmina Hadžiahmetović hat nach diesem Buch eine Bühnenfassung erstellt und diese an der Vagantenbühne zur Premiere gebracht, gleichzeitig auch die Regie übernommen.
Und eine schnörkellose Inszenierung erarbeitet, die durch die Klarheit des Spiels der Schauspieler besticht. 
Christian Dieterle verkörpert den Familienvater Mendel Singer, dessen glückliche Zeiten nur noch als Vergangenheit erzählt werden können, geht ihm seine Familie doch nacheinander verloren. Den jüngstgeborenen Sohn Menuchim, nicht als Person auf der Bühne, der behindert auf die Welt kommt, lässt die Familie zurück, als sie ihrem Sohn Schemarjah (Florian Rast) in die USA folgt, in der vergeblichen Hoffnung auf ein besseres Leben. Sohn Jonas, der die Familie ebenfalls nicht begleitet, weil er als einberufener Soldat sein Vaterland verteidigt, und die Tochter Mirjam werden beide von Senita Huskić gespielt, die Mutter von Magdalene Artelt.
Auch wenn der Abend nicht nur eindrücklich von den Schicksalsschlägen handelt, die die Familie Singer erdulden muss, sondern auch von den Folgen der Immigration, die sich hier allerdings hauptsächlich auf das schlechte Gewissen der Eltern für den bei einer Pflegefamilie zurückgelassenen behinderten Sohn beziehen, bleibt das persönliche Unglück des Familienvaters Singers in fast allen Momenten unbedingt vorherrschend. Die anderen Familienmitglieder bilden dazu einen gewissen Kontrapunkt, auch wenn sich bei ihnen selbst in scheinbar glücklichen Momenten noch Verzweiflung zu mischen scheint, etwa wenn Mirjam sich mit einem Liebhaber vergnügt. Alle Handlungen sind existentiell inszeniert.
Die Sinnhaftigkeit dieser Parabel bleibt fragwürdig, vor allem wenn Mendel sich selbst im Angesichts des Todes noch bedroht fühlt und verständlicherweise an seinem Gott verzweifelt, übrigens eindrucksvoll inszeniert und dargestellt, so wie auch alle anderen Schauspieler intensiv und berührend spielen. Da kann auch das Ende, wenn im Prozess des 
Sterbens Mendel Singer noch einmal wundersame Dinge erscheinen, ihn die gesamte Familie gesund und erfolgreich in ihre Mitte nimmt, nicht wirklich versöhnen. Aber dies kann auch nicht gewollt sein, wenn man sich diesen Stoff für eine szenische Umsetzung vornimmt.
Das Publikum war konzentriert und hat das hervorragende Ensemble mit reichlich Applaus belohnt.
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Gott- oder hilflos?
  · 14.09.19
''Die Hiob-Taschenbuchausgabe von KiWi kommt auf etwas über 200 Seiten, ich hatte sie zuletzt vor zirka 25 Jahren in der Hand... Jetzt blättere ich in ihr hin und her, ja und da fallen mir die einen oder anderen Stellen auf, welche ich gestern Abend (rein akustisch) wiederzuerkennen meinte, und ich konnte mich fast nicht mehr an das Buch im Ganzen rückbesinnen, andere Romane Roths blieben mir ungleich stärker in Erinnerung. Interessanter daher waren (jedenfalls für mich!) die von den Machern praktizierten Neu-Textierungen (sprich Fremdtexte) zur aktuellen Lage und/oder nicht allzu weit zurückliegenden jüngeren Vergangenheit: Ausgrenzungen, Verfolgung & Vertreibung, Flucht, Exil, Emigration/Imigration... Die Liste der Begriffe, die sich um die großen Themen unverarbeiteter, unbewältigter Geschichtsschreibung(en) dreht, ist lang und ohne jedes Ende - und das exemplarische Auffinden eines Einzelschicksals, anhand dessen "man" diese unfassbare(n) Tragödie(n) als ein beispielhaftes Mitfühlstück auf dem Theater kneten müsste, macht nicht unbedingt dann Sinn, besonders dann nicht, wenn "man" sich (wie heutzutage üblich) aus dem Fundus aufgeschriebener Roman-Literatur bedient. Und das wie zufällig Herbeizitierte bleibt bloß Stückwerk, falls "man" nicht ein eigenständig-neues Werk zur Werkvorlage schafft und sodurch etwas wirklich Neues (und von mir aus auch als neues Stück) kreiert.

Der Plot (aus dem Roman) ist halbwegs nachvollzogen worden - die fantastisch-märchenhafte Fortentwicklung und Verwandlung des von seiner Epilepsie geheilten Hiob-Sohns zum musikalischen Wunderkind blieb freilich außen vor; obgleich gerade diese Kitsch-Wendung nach theatralischer Bemühung hätte schreien wollen. Irgendwie schon halbherzig, teilweise sogar hohl.'' schreibt Andre Sokolowski am 14. September 2019 auf KULTURA-EXTRA
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