Cabaret

Bewertung und Kritik zu

CABARET  - Das Musical
von Joe Masteroff nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten
Regie & Choreographie: Vincent Paterson 
Premiere: 23. Oktober 2004 
Bar jeder Vernunft
Wiederaufnahme: 20. Juni 2015 
Neubesetzung: 9. August 2022 
Tipi am Kanzleramt, Berlin

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Zum Inhalt: Auf der Suche nach spannendem Stoff für einen Roman kommt der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw im Jahr 1929 nach Berlin. Er mietet sich in der billigen Pension von Fräulein Schneider ein und verbringt den Silvesterabend im Kit Kat Klub, wozu ihn Ernst-Ludwig, eine Reisebekanntschaft, eingeladen hat. Der Kit Kat Klub ist einer der vielen Amüsementtempel im Berlin der 20er Jahre. Ein Ort für Sehnsüchte aller Art, wo man die Utopie der erotischen und politischen Freiheit für einen Augenblick leben kann. Ein zwielichtiger Conférencier stellt dort die Attraktion des Abends vor: Fräulein Sally Bowles, eine englische Nachtclubsängerin. In der freizügigen, lockeren Atmosphäre des Clubs lernen sich Cliff und Sally schnell kennen. Sie sucht eine Unterkunft, er ein Lebensziel und bereits am nächsten Tag zieht sie zu ihm – trotz seiner Bedenken. 
Der freundliche Obsthändler Herr Schultz wohnt ebenfalls bei Fräulein Schneider und verwöhnt seine Vermieterin mit exotischem Obst. Eben als ihre zarte Liebesgeschichte in eine Verlobung mündet, schlägt dem Juden Schultz zum ersten Mal der Hass der aufkommenden Nazi-Bewegung entgegen; resigniert und ängstlich trifft Fräulein Schneider eine folgenschwere Entscheidung bezüglich ihrer bevorstehenden Hochzeit...

Regie & Choreographie: Vincent Paterson
Buch: Joe Masteroff nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood 
Musik: John Kander

TRAILER


WIR EMPFEHLEN

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Über die wilden 20er Jahre und den Aufstieg der Nazis
  · 27.07.17
„Cabaret“ kommt als leichte Unterhaltung für heiße Sommerabende daher: zwischen Revuegirls-Einlagen und bekannten Nummern wie „Money, Money“ lässt sich ein Urlaubstag für Hauptstadtbesucher gut ausklingen.

Das Besondere an „Cabaret“ als eines der ersten Konzept-Musicals ist, dass es mehr als Halligalli und Tingeltangel bietet. Es ist eine Zeitreise in die späten Zwanziger, als Sally Bowles (Sophie Berner) den Männern den Kopf verdreht und Clifford Bradshaw (das Alter Ego des Schriftstellers Christopher Isherwood, gespielt von Guido Kleineidam) kennenlernt.

Die ausgelassene Stimmung des Tanzes auf dem Vulkan kippt, als die Nazis mit ihrem Antisemitismus Raum greifen und die Verlobung von Fräulein Schneider mit dem jüdischen Herrn Schultz sabotieren.

Wegschauen? Weiterfeiern? Auswandern? Das sind in einem Jahr, in dem sich die rechtsextremen Angriffe häufen und die Hasswelle durch die Netz-Foren schwappt, aktuelle Fragen. Die unterhaltsame „Cabaret“-Show entlässt ihr Publikum mit beklommenen Gefühlen hinaus in die Sommernacht.

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Leben und let leben
  · 11.08.22
Inzwischen dürften zumindest kulturbeflissene Berliner - hören sie "Cabaret" - nicht mehr unbedingt an Liza Minelli denken, den Star des gleichnamigen Films, der in diesem Jahr schon sein 50-jähriges Jubiläum feiert, die Premiere am Broadway liegt noch ein paar Jahre länger zurück. In der Bar jeder Vernunft und im Tipi am Kanzleramt steht dieses Musical inzwischen schon seit fast 20 Jahren auf der Bühne und ehrlich gesagt: Wo auch sonst passt dieses Stück besser hin als nach Berlin, wird es doch sowieso mit dieser Stadt assoziiert und zeigt sie eine Geschichte nach wahren Begebenheiten aus den späten 20er Jahren.
In diesem Sommer ist die Inszenierung des Regisseurs und Choreografen Vincent Paterson nach zwei Jahren Pause endlich wieder zurück und da es Zuwachs im Ensemble gibt, war der 9. August 2022 ein ganz besonderer Tag. Das Fräulein Schneider wird nämlich neben Regina Lemnitz jetzt auch von Barbara Schnitzler gespielt. Neu ist die Rolle für sie nicht, in Halle und Kassel konnte sie mit ihr schon vertraut werden. Anders als in der Film-Version spielt die Vermieterin in der Bühnenfassung eine sehr viele größere Rolle.
Aber ungeachtet dessen überzeugt der Abend wieder in allen Belangen, das gesamte Ensemble zeigt große Spielfreude, die flotte Choreographie sitzt auf Punkt, es ist viel los auf der Bühne, die sich immer wieder schnell in unterschiedlichste Orte verwandelt, herrlich die Lok, die mal eben um die Ecke biegt oder auch das Zugabteil, in dem Clifford Bradshaw mit dem windigen Ernst Ludwig erste Bekanntschaft macht. Oder die Pension von Fräulein Schneider, in der die verschiedensten Begebenheiten stattfinden, und natürlich der legendäre Kit Kat Klub, in dem die wilden 20er toben, ganz besonders Sally Bowles, herausragend gespielt von Jasmin Eberl, die den Männern den Kopf verdreht. Und gern wird das Geschehen auch mal in's Publikum verlegt, wenn Clifford ein Tischtelefon bedient, der Conferencier ist sowieso immer mal wieder im gesamten Theaterraum unterwegs.
'Und es wird tatsächlich eine Geschichte mit Tiefgang erzählt, neben den vielen bekannten Hits wie "Maybe this time", "Tomorrow belongs to me", "Mein Herr", "Money makes the world go round" und natürlich "Cabaret" macht ganz heimlich, still und leise der aufkeimende Nationalsozialismus auch vor dieser illustren Truppe nicht halt, es tun sich finstere Abgründe auf, musikalisch eindrücklich atonal umgesetzt in dem Song "Cabaret".
Die musikalische Begleitung durch die fünfköpfige Band, die mehr ist als nur Band, überzeugt auch auf ganzer Linie, es kommen zahlreiche Instrumente zum Einsatz.
Am Ende rücken alle ganz eng zusammen, ein berührendes Schlussbild, das Publikum bedankt sich mit langem Applaus ...
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Das legendäre Musical „Cabaret“ aus dem Jahr 1966 begeistert bis heute unzählige Fans. Für die Verfilmung mit der wundervollen Liza Minelli gab es acht Oscars. Am Broadway ist „Cabaret“ noch immer ein Erfolgsgarant, mit acht Tony Awards ausgezeichnet. Über 300.000 Zuschauer sahen „Cabaret“ im Tipi am Kanzleramt und in der Bar jeder Vernunft. Nach zwei Jahren Pause wurde das bedeutendste Musical der Berliner Geschichte endlich wieder ins Programm des Tipi am Kanzleramt aufgenommen.
Und so war es selbstverständlich, dass ich auch „Cabaret“ besuchen musste. Am Freitag, den 5. August 2022, war es endlich soweit.

Die legendäre Inszenierung des amerikanischen Star-Choreographen und Regisseurs Vincent Paterson, die auf dem autobiographischen Episodenroman „Goodbye to Berlin“ von Christopher Isherwood basiert, stellt für mich das kontrastreichste Musical überhaupt dar. Man erlebt nicht nur zwei verschiedene Stimmungen auf der Bühne, sondern wird auch ein Teil der bedeutendsten Geschichte Berlins.

„Life is a Cabaret“
Der MC der Show nimmt uns auf eine Zeitreise ins Berlin Ende der 30-er Jahre mit und zeigt uns den legendären Kit-Kat-Club, in dem alles möglich zu sein scheint und selbst die Grenzen der Geschlechter verwischt werden. Wir erleben eine fröhliche Gesellschaft, die keine Grenzen und keine Sorgen kennt. Tabus wie Homosexualität, Transsexualität, Sado Maso, ungezügelter Sex und Drogen werden hier gebrochen. Hier lebt jeder, wie es ihm gefällt, schließlich hat man auch keine Konsequenzen oder Repressalien zu befürchten.

Zur selben Zeit reist Clifford Bradshaw, ein junger amerikanischer Schriftsteller, von Paris nach Berlin, um dort endlich seine Schreibblockade zu überwinden. Im Zug lernt er den deutschen Ernst Ludwig kennen, der ihm die Pension von Fräulein Schneider und den verruchten Kit-Kat-Club empfehlt. Offenbar schmuggelt Ernst Ludwig etwas nach Berlin, doch die tragische Tragweite dieses Schmuggels wird erst viel später aufgedeckt.

Im Kit-Kat-Club lernt Clifford Sally Bowles, die vulgäre und koksende Sängerin und Tänzerin des Clubs, kennen, deren Stern aber im Club zu sinken scheint. Obwohl beide aus unterschiedlichen Milieus kommen, verlieben sie sich ineinander. Sally Bowles führt den naiven Bradshaw in das Partyleben Berlins ein und lässt ihn das Schreiben vergessen.

Die rührendste Liebesgeschichte des Musicals findet aber nicht wie fast in jedem Musical zwischen zwei jungen Leuten statt, sondern zwischen der älteren Pensionsleiterin Fräulein Schneider und dem Obstladenbesitzer Herr Schultz, der seine Angebetete mit Obst überschüttet. Ihre reine Liebe wird dadurch gekrönt, dass Fräulein Schneider den Heiratsantrag von Herrn Schultz annimmt.

„Die Party ist vorbei.“
Fräulein Schneider und Herr Schultz feiern mit anderen Pensionsbewohnern und dem Kit-Kat-Club-Ensemble ihre Verlobung. Die zunächst ausgelassene Partystimmung wird aber durch den Auftritt Ernst Ludwigs gestört, der eine NSDAP-Uniform trägt. Dem Publikum wird klar: Die Zeit der Nationalsozialisten ist angebrochen und ihr unmenschlicher Aufstieg ist damit unaufhaltsam.
Die Verlobungsfeier wird unterbrochen, weil Ernst Ludwig Fräulein Schneider indirekt droht, ihr den Gewerbeschein zu entziehen, falls sie Herrn Schultz, einen deutschen Juden, heiraten sollte.
Eine dunkle Zeit bricht über Berlin herein, die Party und damit die ausgelassene Stimmung sind zu Ende.


Jasmin Eberl spielt fantastisch das leichte Mädchen Sally Bowles, das keine Sorgen kennt und ihr Leben einfach in vollen Zügen genießen will. Eberls Stimme ist unfassbar stark und voluminös, ihre Mimik sehr ausdrucksstark. Wenn sie mit dem älteren Paar mitleidet und an ihren Beziehungsproblemen mit Clifford zerbricht, dann nimmt man ihr als Zuschauer das alles ab. An ihre Stimme habe ich noch das ganze Wochenende gedacht.

Luca Schaub verkörpert auf eine sehr überzeugende Weise den etwas naiven und in das Gute im Menschen glaubenden Clifford Bradshaw, der zum Schreiben in das weltoffene Berlin kommt und die Auffassung vertritt: „Mensch ist Mensch“. Im Laufe seines Aufenthalts wird er, bedingt durch die geschichtliche Entwicklung in Berlin, aber maßlos von der Stadt enttäuscht.

Barbara Schnitzler und Dirk Schoedon schaffen es auf Anhieb, mit ihrer herzlichen und sympathischen Darstellung der Fräulein Schneider und des Herrn Schultz und ihrem einzigartigen Charisma sich in die Herzen des Publikums zu spielen. Wir freuen uns für ihre Liebe und leiden mit ihnen, wenn ihre Liebe vor unüberwindbare Hindernisse gestellt wird. Meine Lieblingsszene im Musical findet zwischen den beiden Sympathieträgern statt: Herr Schultz bringt Fräulein Schneider eine Ananas mit, über die sich die ältere Dame aufrichtig freut, weil die Frucht zu der damaligen Zeit ein Luxusgut war.

Michael Kargus, dem MC, haben wir es zu verdanken, dass eine solch erschreckende Geschichte der Stadt Berlin auch in einem Musical gezeigt werden kann und den Zuschauer nicht erstickt, denn er bricht durch seine ständigen verdorbenen Gesangs- und Tanzperformances das Ganze auf und unterhält den Saal, wenn dieser gerade dabei ist, seine Tränen zu trocknen. Kargus hat als Darsteller und als Sänger das Publikum auf ganzer Linie überzeugt.

Jacqueline Macquala entlockt den Zuschauern mit ihrer Darstellung der Fräulein Kost, die ständig Matrosen in ihrem Zimmer empfängt und damit Fräulein Schneider an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt, ein breites Grinsen im Gesicht. Hervorragend von Macquala verkörpert!

Überhaupt sollte man an dieser Stelle das ganze Ensemble und die aus vier Mann bestehende Live-Band, die durch ihre schnellen Tanznummern und ihr Entertainment für einen unvergesslichen Abend sorgt, loben! Damian Omansen hat mit seiner musikalischen Leitung eine sehr gute Arbeit geleistet. Die Musik von John Kander und die Gesangstexte von Fred Ebb (ins Deutsche von Robert Gilbert übersetzt) werden sehr gut interpretiert. „Maybe This Time“, „Money-Money“, „Mein Herr“ und „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ - alle beliebten Evergreens kommen im Musical vor.
Die choreographische Einstudierung durch Paulina Plucinski, die Kostüme von Stefanie Krimmel und das Maskenbild von Beatrice Steppa sorgen dafür, dass Musical nicht nur eine geschichtliche Bedeutung hat, sondern auch sehr verführerisch wirkt.


Mein Fazit: Das Musical „Cabaret“ ist eine „Musical-Legende“ und ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte. Man sollte daher das Musical unbedingt einmal in seinem Leben besucht haben. 2,5 Stunden lang (mit einer 30-minütigen Pause) wird das Publikum auf höchstem Niveau unterhalten und zum Nachdenken gebracht, ohne einen aufdringlich zu belehren. Vor allem die Tatsache, dass die Geschichte in Berlin, am Nollendorfplatz, spielt, lässt einen nicht kalt.
Die Besetzung der kleinsten Rolle ist sowohl im schauspielerischen als auch im gesanglichen Bereich perfekt. Die Musik und die Evergreens sind meisterhaft schön. Man empfindet in dem Musical so viele unterschiedliche und intensive Gefühle auf einmal. Zudem ist „Cabaret“ eines der erotischsten und verführerischsten Musicals.
Also nichts wie hin! Lasst Euch wunderbar unterhalten! Das Musical läuft noch bis zum 25. September 2022 im Tipi am Kanzleramt und ist ein Must-See!


© E. Günther (Blogseite "Mein Event-Tipp")
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