TORNADO

Bewertung und Kritik zu

TORNADO 
ein Klima-Theater-Desaster von Tobias Rausch
 
Premiere: 12. September 2020 
Theaterdiscounter Berlin

Zum Inhalt: An dramatischem Potenzial fehlt es dieser Welt nicht: Dürren, Fluten, Stürme nehmen zu. Riesige Ökosysteme werden durch den schmelzenden Permafrost instabil. Die Evolution kann mit den rasanten Veränderungen nicht Schritt halten: unbewohnbare Zonen breiten sich aus. Verteilungskämpfe nehmen zu. Das Zeitfenster, das zum Handeln bleibt, ist winzig. Wann kommt der Wirbelsturm, der alles hinwegfegt?
TORNADO verdichtet die Fakten, die uns aufrütteln und durcheinanderwirbeln sollten: unsere Gesellschaft, unser Sicherheitsgefühl, unser kolonialistisches Wirtschaften und Denken. Der Abend stürmt gegen die Behauptung von Alternativlosigkeit, gegen die Entfremdung von der Natur und wirbelt den Sand des Jetzt und Hier auf, in den wir noch immer unsere Köpfe stecken. Was, wenn die Natur endlich selbst das Wort ergreifen würde?
Begegnen Sie einem wirklichen, einem echten Tornado! Gemeinsam mit einem unfassbar anschwellenden Wind bevölkern Stimmen von Dürre- und Sturmbetroffenen und von Klimaaktivist*innen den Theaterraum. Ihre Not, Verluste und Verstrickungen, ihre Durchbrüche und Schicksalsschläge sind das Material für ein Theater, das der Klimakatastrophe ins Auge sieht.

Mit Bettina Grahs / Florian Hertweck

Künstlerische Leitung: Tobias Rausch
Dramaturgie: Luzia Schelling
Bühne: Thomas Rump
Musik: Matthias Herrmann
Regieassistenz: Lucia Kan-Sperling
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann


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Klima-Krisen-Simulation mit Experten-Interviews
  · 01.07.21
Corona-konform in Kleingruppen wird das Publikum bei den ersten beiden Stationen im Frontal-Unterricht über die Klimakrise aufgeklärt. Ein Tornadojäger und eine Polarforscherin des Alfred Wegener-Instituts berichten aus ihrem Arbeitsalltag und wollen aufrütteln. So weit, so bekannt – doch anders als bei Rimini Protokoll oder zuletzt bei „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“ stehen die Expert*innen nicht real auf der Bühne, sondern Schauspieler*innen sprechen ihre Texte: an diesem Abend Bettina Grahs, die aus vielen Inszenierungen der Freien Szene bekannt ist, und Dramaturg Manuel Rivera, der sich mit Florian Hertweck abwechselt.

Doch wie nah geht uns das schon so oft Gehörte? Dass es allerhöchste Zeit ist, nun gegenzusteuern, wurde x-fach in den Medien und von Wissenschaftler*innen dargelegt. Doch genauso unbestritten ist, dass bisher viel zu wenig passiert ist, um den Klimawandel zu stoppen. Als die „Krise der Imagination“ beschreibt Bettina Grahs in ihrer Doppelrolle als Performerin und Klimaaktivistin die zentrale Herausforderung, vor der dieser Abend steht.

Nach dem Frontal-Unterricht versucht das Team im letzten Raum deshalb, mit Windmaschine und Bühnennebel zumindest einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln, welche Folgen der Klimawandel hat. Doch zuvor kommen vom Stimmen aus einem Schweizer Bergtal: Geröllmassen bedrohten die Dörfer, die Natur schlug zurück. In Interviews mit „Ende Gelände“ und anderen Aktivist*innen erfahren wir von den Schikanen der polnischen Polizei, die Demonstrant*innen gegen ein Kohlekraftwerk einkesselte, sie zwang, sich auszuziehen, und ihnen Häftlingsnummern mit Edding auf die Arme malte.

Im Schlussbild wütet kurz die Tornado-Simulation durch den Raum, bevor draußen Fragebögen des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) ausgeteilt werden. Gelingt es dem Abend, bleibende Bilder zu hinterlassen? Oder muss das Theater mit gut gemeinten Projekten zwangsläufig scheitern? Den tieferen Eindruck hinterließen bei mir jedenfalls die TV-Aufnahmen vom abgedeckten Dach der Stuttgarter Oper nach dem ganz realen Unwetter vom Dienstag.

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