Das Rheingold

Bewertung und Kritik zu

DAS RHEINGOLD 
von Richard Wagner
Regie: Dmitri Tcherniakov 
Premiere: 2. Oktober 2022 
Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Zum Inhalt: Der Nibelung Alberich raubt den Rheintöchtern das Rheingold, um daraus den Ring zu schmieden, der »maßlose Macht« verleiht. Unterdessen gerät Göttervater Wotan in Zugzwang: Um die Riesen Fasolt und Fafner für den Bau der Götterburg Walhall entlohnen zu können, raubt er mithilfe des listigen Feuergotts Loge den Nibelungenschatz. Alberich verflucht den Ring und alle seine künftigen Besitzer – die Tragödie nimmt ihren Lauf.

»Das Rheingold« bildet das Fundament von Wagners epochaler »Ring«-Tetralogie, die über einen Zeitraum von rund einem Vierteljahrhundert entstand. Wesentliche Themen werden während dieses pausen- und atemlosen »Vorabends« exponiert, im Blick auf die Handlung wie auf die Musik. Aus einem tiefen Es der Kontrabässe heraus entfaltet Wagner seine eigene mythologische Welt, deren Aufstieg und Untergang mit großer Eindringlichkeit vor Augen und vor Ohren geführt werden. Es ist eine Welt der Götter, Riesen, Zwerge und Naturwesen, streng hierarchisch auf verschiedenen Ebenen beheimatet, mit mancherlei Konfliktpotential. Und obwohl das »Rheingold« durchaus Züge einer Fantasy-Story trägt, entwickelt sich aus dem Geschehen viel mehr: ein wahres Weltendrama von gewaltigen Ausmaßen und universeller Bedeutung, das auch unserer Gegenwart jede Menge zu sagen hat. Wagners große Familiensaga wird zum allumfassenden Epos über Macht und Liebe, Krieg und Frieden und die segens- wie verhängnisvolle Wirkung von Leidenschaften.

Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung, Bühnenbild: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Elena Zaytseva
Licht: Gleb Filshtinsky
Video: Alexey Poluboyarinov
Dramaturgie: Tatiana Werestchagina, Christoph Lang


 
Meinung der Presse zu 

„Das Rheingold“

Staatsoper Unter den Linden


Die Welt
★★★☆☆

FAZ
★★★★★



Tagesspiegel

★★★☆☆

tip
★★★★☆

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Forschungsinstitut E.S.C.H.E.
  · 03.10.22
''Ein Bühnenprospekt zeigt noch vor dem eigentlichen Vorspiels den innenarchitektonischen Aufriss eines so genannten "Forschungsinstitus E.S.C.H.E." Das scheint aller Wahrscheinlichkeit nach der von Dmitri Tcherniakov konzipierte Handlungsort zu sein, wo sich am Ende höchstwahrscheinlich alles Weitere - bestimmt auch in den anderen drei Teilen - abspielt. Zum Finale sieht man dann auch die in Walhall (= "Forschungsinstitut E.S.C.H.E.") einziehende Götterfamilie in einem Vestibül mit angeleuchteter Weltesche, einem Ledersitzrund und einem Lift dazwischen.

Die Rheintöchter/Alberich-Szene am Anfang spielt in einem STRESS-RAUM mit elektroschockerzeugenden Apparaturen, mit denen der Zwerg zwecks eines an ihm verübten Menschenversuchs verkabelt ist und wo er sich von drei medizinisch-technischen Assistentinnen zutexten lässt - bei der Gelegenheit erfährt er diese Goldgeschichte, rastet aus und haut den STRESS-RAUM in Klumpen...Und auch in Nibelheim finden gewisse Experimente statt; eine Etage oberhalb sieht man zig Käfige mit allerliebst herumhoppelnden Versuchskaninchen (in echt natürlich).

Die abschließenden Bauverhandlungen zwischen Wotan/Fafner & Fasolt ereignen sich im Konferenzsaal seines von den Riesen errichteten neuen Domizils; man sieht nie Gold; und kurz nach der Auslösung Freias knallt Fafner seinen Bruder mit einer Pistole über den Haufen und tritt unbehelligt ab mit jenem fluchbeladnen Ring. Bei Alberich ist eine (durch Elektroschocks verursachte?) Demenz beobachtbar, d.h. ihn nimmt ringsum niemand für voll, doch alle gehen halt zum Schein auf seine Hirngespinste ein. Neugier auf Walküre.'' schreibt Andre Sokolowski am 3. Oktober 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Die Legende von der Allmacht des Goldes
  · 30.10.22
Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach, wir Armen! (Goethe,"Faust")

Richard Wagner hat mit der Handlung seiner Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" auch eine Chiffre für die fatalen Nebenwirkungen des Kapitalismus ersonnen - ein Aspekt, der allerdings erst in Bayreuther Nachkriegs-Inszenierungen deutlicher herausgearbeitet wurde. Die Uraufführung fand noch ohne Billigung des Komponisten 1869 in München statt, 1876 eröffnete dann der "Vorabend" die erste Bayreuther Präsentation des gesamten "Rings".

Die neue "Ring"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper Unter den Linden stammt von Dmitri Tcherniakov. Premiere dieser Version war am 2. Oktober 2022. Am Pult der Staatskapelle Berlin steht Christian Thielemann.

Das ungewöhnlich ausführliche Vorspiel vermittelt ein Gefühl für die "Ursuppe" des Rheins, in der die Rheintöchter Flosshilde(Anna Lapkovskaja), Wellgunde (Natalia Skrycka) und Woglinde (Evelin Novak) in aller Unschuld den Schatz des Rheingolds hüten. Doch der Nibelung Alberich (Johannes Martin Kränzle) nähert sich auf der Suche nach Liebe. Die Wassernixen lassen ihn abblitzen, verraten aber das eigentliche Geheimnis ihres Goldschatzes: daraus kann man einen Ring schmieden, der "maßlose Macht" verleiht. Die Bedingung: der Ringträger muss der Liebe entsagen.

Alberich überlegt nicht lange, schwört der Liebe ab, raubt das Gold und entkommt unter dem Protestgeschrei der Rheintöchter. Sein Ziel ist das unterirdische Nibelheim, wo er mit dem neugeschaffenen Ring  das dort hausende Volk der  Nibelungen zur Zwangsarbeit verdonnert.

Auf der Erdoberfläche haben inzwischen die Riesenbrüder Fasolt ( Mika Kares) und Fafner ( Peter Rose) wie vereinbart die Götterburg Walhall errichtet. Göttervater Wotan (Michael Volle) hatte ihnen zum Lohn die göttliche Freia ( Anett Fritsch) versprochen, die als einzige die Äpfel aus dem Garten der Jugend pflücken kann, denen die Götter ihre Unsterblichkeit verdanken. Wotan sucht nach einem Ersatz für Freia und bittet Loge (Rolando Villazon) um Rat. Der hört unterwegs von Alberich und seinem Ring. Die Riesen sind interessiert, behalten aber einstweilen Freia als Geisel.

Wotan und Loge reisen nach Nibelheim und luchsen Alberich den Nibelungenschatz samt Tarnhelm und Ring ab. Alberich schäumt vor Wut und verflucht den Ring. Urmutter Erda taucht auf, warnt vor dem unheilvollen Ring und prognostiziert eine "Götterdämmerung", das Ende der Götter. Wotan gibt den Riesen den Schatz mit Tarnhelm und Ring, und sogleich zeigt der Fluch seine Wirkung: Fafner erschlägt Fasolt im Streit um die Beute.
Die Götter nehmen Walhall in Besitz, aber die unheilvolle Wirkung des vermaledeiten Rings steht erst am Anfang.

Tcherniakovs szenische Imaginationskraft ist mit Wagners zaubrischer Götterwelt gänzlich unverwandt. Hier tragen die Götter moderne Strassenanzüge, und die Aufgabe, einen Hauch von Wagners ursprünglichen Vorstellungen ins Hier und  Jetzt zu holen, fällt gänzlich Christian Thielemann und seiner Staatskapelle zu, die diese ihre Kunst allerdings auch auf höchst überzeugende Weise unter Beweis stellen.

Die Eingangsszene zeigt nicht etwa schwimmende Nixen, sondern drei Krankenschwestern, die vor einem Stresslabor promenieren, in dem Alberich an einen Patientensessel gefesselt ist. Die Stimmen der Pflegerinnen sind gut abgeglichen. Wie entwendet Alberich nun das Gold ? Aha, er reisst sich los und verflucht die Liebe. Er nimmt das Inventar einfach mit und läßt das Pflegepersonal ratlos zurück.

Drei Damen im Diskussionsraum, die Projektion einer Planskizze von Walhall führt weiter in der Handlung. Wotan (Michael Volle) und Fricka (Claudia Mahnke) im Dialog über den Neubau. Aber was ist mit Freia ? Sie ist in der Gewalt der Riesen.  Freia stürzt herein. Wotan will Loge konsultieren. Erst einmal rühmen sich die Riesen ihrer Bauleistung. Froh (Siyabonga Maqungo) stellt sich schützend von Freia. Loge (Rolando Villazón) im Cordanzug   weiss Rat: Er bringt die Sache mit dem geraubten Gold ins Gespräch, dazu den machtverleihenden Ring. Die Riesen wollen sich statt Freias mit dem Nibelungenhort zufriedengeben. Wotan verfügt: Auf nach Nibelheim ! Eine Fahrstuhltür öffnet sich.

Grandios: zwei Ebenen tiefer liegen die Arbeitsräume der Zwangsarbeiter von Nibelheim. Alberich drangsaliert seinen Bruder Mime (Stephan Rügamer). Schrittweise entlocken Wotan und Loge dem Alberich, wie sein Machtgefüge funktioniert. Per Tarnhelm will er sich in eine Riesenschlange verwandeln(die man sich hinzudenken muss). Loge verlangt, dass er auch eine Kröte werde. Dann wird er gefesselt.  Per Fahrstuhl gehts wieder nach oben, vorbei an den Kaninchen, die schon Tierschützern ein Dorn im Auge waren.
Dem Alberich wird sowohl der Tarnhelm wie der Ring entrissen. Mit einem erneuten Fluch legt er die Wurzeln künftiger Verwicklungen. Die Riesen erhalten den Hort, Urmutter Erda (Anna Kissjudit)  spricht ihre Prophezeiung, die Riesen bekommen auch noch den Ring und werden durch Pistolenschuss erste Opfer des Fluchs, der ihm anhaftet.

Summa summarum muß man wohl etwas Abbitte leisten, was die Regiekonzeption angeht. Tcherniakov hat immerhin eine handfeste  Krimihandlung zustande gebracht, wie sie in unseren Tagen auch im  Fernsehen angeboten wirdDas versöhnlich-verbindende  Band ist Thielemanns bewunderungswürdige Orchesterleitung, kraftvoll und transparent zugleich, ein Wunder an imaginativer Kreativität. Hervorzuheben ist wohl die sängerische und darstellerische Leistung von Alberich (Johannes Martin Kränzle), die in seinem letzten Fluch gipfelt, der überzeugend zum geheimen Motor der gesamten  Handlung wird.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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