La fanciulla del West

Bewertung und Kritik zu

LA FANCIULLA DEL WEST 
von Giacomo Puccini
Regie: Lydia Steier 
Premiere: 13. Juni 2021 
Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Zum Inhalt: Kalifornien, zu Hochzeiten des Goldrauschs: Der Sehnsuchtsort stellt sich als unerbittliche Einöde heraus, in der das Gesetz des Stärkeren gilt. Als Ort friedlichen Miteinanders fungiert allein die Bar von Minnie, die von allen Goldsuchern verehrt und vom raubeinigen Sheriff Rance leidenschaftlich begehrt wird. Als sich Minnie jedoch in einen Fremden verliebt, der als der lang gesuchte Bandit Johnson entlarvt wird, wird die ohnehin schon fragile Ordnung auf den Kopf gestellt.

Eigentlich gehören Giacomo Puccinis Werke, allen voran seine Trias aus »La Bohème«, »Tosca« und »Madama Butterfly«, zu den meistgespielten Opern. Die 1910 an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführte »La fanciulla del West« steht dagegen so im Schatten seiner übrigen Opern, dass sie erst jetzt zum ersten Mal Unter den Linden erklingt. Zwar bietet Puccinis Wild-West-Oper, in der die Outcasts der Gesellschaft auf der Suche nach Reichtum und ein bisschen Glück aufeinandertreffen, dem rauen Schauplatz entsprechend auf den ersten Blick weniger Lyrik und Wohlklang als die meisten seiner Opern. Dafür gelang ihm ein Porträt einer Welt voller Entbehrungen und geplatzter Träume. Zu Recht war der Komponist stolz auf die klangfarblichen Finessen seiner Partitur. So äußerte der ansonsten nicht gerade für seine Affinität zur italienischen Oper bekannte Anton von Webern anerkennend: »Eine Partitur von durchaus originellem Klang. Prachtvoll. Jeder Takt überraschend. Ganz besondere Klänge.«

Musikalische Leitung: Antonio Pappano
Inszenierung: Lydia Steier
Bühnenbild, Kostüme: David Zinn
Licht: Olaf Freese
Video: Momme Hinrichs
Stunt-koordinator: Ran Arthur Braun
Einstudierung Chor: Martin Wright
Dramaturgie: Benjamin Wäntig


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17 Männer und 1 Frau
  · 26.06.21
''Die hemdsärmlige Anja Kampe ist fast wie geschaffen für die Rolle, sie singt kräftig und vor allem frei aus sich heraus und ist auch nicht darauf erpicht, mit irgendwelchem Schöngesang die Hörerschaften einzulullen. Ihre aufgesetzte Rampensäuigkeit und (mehr noch:) ihre gnadenlos sich gebende Beselbstmitleidung à la "Keiner hat mich wirklich lieb, was will ich eigentlich noch hier" prägen sich als ein Anlassstiftendes nachhaltig ein, weswegen diese Produktion auch einen echten Daseinsgrund zu haben scheint.

Michael Volle (der inzwischen an der Staatsoper so ziemlich alles, was man Hauptrolle zu nennen pflegt, absingt) ist als Jack Rance erlebbar. Und mein insgeheimer Muntermacher-Favorit: Stephan Rügamer, der als Nick eine der besten Transen, die ich jemals auf der Bühne sehen konnte, auf die Bretter legt; grandios gespielt!

Aus dem Orchestergraben klingt die Staatskapelle Berlin so frohgemut und forsch wie lange nicht "in echt" - und das, obgleich sie immer noch vom Personal her (lt. Corona-Abstandsregeln) reduziert am Musizieren ist. Blieb leider nur, aus rein gesundheitlichem Krampfgrund, bis zur Pause - das lag also nicht am Mädchen.'' schreibt Andre Sokolowski am 26. Juni 2021 auf KULTURA-EXTRA
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Kraftvoll bebilderte Inszenierung
  · 26.06.21
''Lydia Steier bot eine kraftvoll bebilderte Inszenierung im Wildwest-Milieu - mit Pommesbude bei Sonnenuntergang, Schneesturm, Mini-Wohnung und Showdown auf der Ladefläche eines Transporters. Schöne Idee: der eintreffende Fremde als Außenseiter mit Anzug und Krawatte. Kein Geniestreich, aber ansehnlich.

Sängerisch war das eine weitgehend gute Besetzung: Anja Kampe konnte in der Titelpartie mit Durschlagskraft punkten, Michael Volle als Sherriff wie gewohnt mit darstellerischer Präsenz, Marcelo Álvarez kompensiert das, was ihm inzwischen an Leichtigkeit fehlt, mit kraftvollem Fundament. Antonio Pappano hält am Pult das alles zusammen, handwerklich grundsolide, wenngleich auf Kosten der Sänger viel zu laut und klanglich unentschieden. Das Stück kann man ins Repertoire nehmen, das tut nicht weh. Gebraucht hätte man es nicht.'' schreibt Andreas Göbel auf rbbKultur
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Minnie rettet ihren Banditen
  · 14.06.21
Giacomo Puccinis Ausflug in das modische Goldrausch-Land des Wilden Westens kam 1910 an der Metropolitan Opera in New York City mit Enrico Caruso als Johnson und Arturo Toscanini am Pult heraus. Die Minnie sang damals Emmy Destinn. Die deutsche Erstaufführung gab es drei Jahre später unter Ignatz Waghalter am Charlottenburger Deutschen Opernhaus, der heutigen Deutschen Oper Berlin. 

Die Neuinszenierung an der Berliner Staatsoper besorgte Lydia Steier, und in Zeiten abklingender Pandemie-Gefahr findet diese Premiere gewissermassen auf zwei Ebenen statt: vor Publikum im Hause Unter den Linden und im kostenlosen Livestream, was die Freude des Zuschauens noch steigert. (Den Livestream konnte man auch in einem Pop-up-Autokino am Flughafen Tempelhof verfolgen, mit Tonwiedergabe übers Autoradio).

Am Pult der Staatskapelle Berlin steht diesmal Sir Antonio Pappano aus London, der Musikchef des Royal Opera House.

Minnie (Anja Kampe), Schankwirtin ihres Zeichens im Saloon “Polka”, ist die einzige Frau in der rauen Männerwelt eines Gold Rush Districts weit draussen im kalifornischen Wilden Westen. Die Männer achten sie alle, begehren sie aber auch. Besonders deutlich zeigt das ein ausgesprochenes Raubein, der Sheriff Jack Rance (Michael Volle).

Der 1. Akt greift beherzt ins volle Milieu. Das Lagerleben besteht am Abend aus Kartenspiel und Whiskytrinken. Auf den Tischen wird getanzt, einer spendiert Zigarren, ein anderer “Whisky für alle”. Sentimentales Heimweh grassiert. Das Bühnenbild schafft reizvolle optische Fixpunkte. Falschspielern geht’s ohne viel Federlesens an den Kragen. Minnie schlichtet einen Streit mit der Knarre in der Hand. Trinkfest ist sie ausserdem. Und gibt Bibelunterricht. 

Ein Postillon kommt. Eine zwielichtige Frau soll behauptet haben, das Versteck des gesuchten Banditen Ramirez zu kennen. Der Sheriff bekennt, dass er Minnie liebt, aber sie weist ihn ab. Rance holt weit aus, seinen Lebensweg mit vollem stimmlichen Einsatz zu schildern. Minnie tut’s ihm gleich, hier die Stimme aufs Äusserste forcierend. 

Ein Fremder tritt ein, erzeugt zunächst Befremden. Er und Minnie sind sich schon früher begegnet. Dieser Mr. Johnson (vorzüglich: Marcelo Álvarez) stösst auf Ablehnung, aber Minnie bürgt für ihn. Beide tanzen zusammen. 

Minnie und Johnson allein zu zweit. Ihr gegenseitiges Vertrauen wächst. Minnie bewacht das dort deponierte Gold der Lagerinsassen. Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein. 

Der zweite Akt spielt in Minnies häuslicher Umgebung. Sie macht sich fein, um ihren Besuch zu empfangen. Johnson kommt. 

Sie schildert ihr Leben. Beide diskutieren über die Liebe. Ein Kuss wird gewährt. Schüsse ertönen draussen. Johnson: “Ich will dich für immer ! “ Sein Name sei Dick, sagt er. Jack Rance kommt herein und sagt, Johnson sei der gesuchte Ramirez. Kellner Nick (Stephan Rügamer) will ihn auf dem Weg zu Minnies Haus gesehen haben. Minnie ist gewarnt. 

Johnson verlässt das Haus, und draussen trifft ihn ein Schuss. Er flieht verwundet zurück zu ihr, sie verbirgt ihn auf dem Dachboden.  Jack Rance sucht ihn und erkennt an einem Tropfen Blut, wo er steckt. Sie schlägt absichtsvoll eine Pokerpartie um das Leben von Johnson vor. Er willigt ein. Sie spielen, Minnie gewinnt. Mit einer falschen Karte. Und triumphiert. 

Schneegestöber. Sehr fantasievolle Projektion. Dritter Akt. Hasstirade von Jack Rance. Ein Gehenkter baumelt von der Decke. Ein Pickup rollt herein, und die Verfolger von Ramirez jubeln: der Gesuchte ist gefunden! Ein mächtiger Wirbel mit Feuerwerk: Ramirez soll hängen. Jack Rance verspottet ihn. Dessen Schlusswort, dann senkt sich die Schlinge herab. Aber Minnie gebietet Einhalt. Sie erwirkt allseitige Verzeihung und enteilt mit ihrem Geliebten in ein neues Leben. 

Die Stimmen der Hauptakteure  werden, von einigen anfänglichen, der Dramatik geschuldeten Forcierungen abgesehen, ihrem darstellerischen Ausdruck absolut gerecht. Ein plausibles Bühnenbild und vorzügliche Lichtregie unterstützen die szenische Wirkung. Eine insgesamt überzeugende Aufführung, die auch für die streckenweise kolportagehafte Handlung einen guten, einleuchtenden und bewegenden Ausdruck findet. 

Antonio Pappano am Pult der Staatskapelle erreicht vom ersten Takt an die optimale Balance zwischen vitalem Auftrumpfen und feinsinnig-sensibler Melodik. Das Ganze ist schönster Puccini in einer überaus sorgfältigen Interpretation. 

Reicher, verdienter Applaus, ein erlösender Abend: endlich wieder vor wirklichem, wenn auch hygienebedingt vermindertem Publikum.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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