Jenůfa

Bewertung und Kritik zu

JENŮFA 
Leoš Janáček
Regie: Damiano Michieletto 
Online-Premiere: 13. Februar 2021 
Staatsoper Unter den Linden, Berlin 

Zum Inhalt: Die rigiden Moralvorstellungen einer Dorfgemeinschaft setzen eine junge Frau unter Druck: Jenůfa ist schwanger von ihrem Geliebten Števa, der sich jedoch von ihr abwendet und sein Heiratsversprechen zurückzieht. Nachdem das Kind das Licht der Welt erblickt hat, bangt auch ihre Stiefmutter, die Küsterin des Dorfes, um Jenůfas Ruf und ihre eigene Zukunft. Als sich mit Laca ein weiterer Heiratskandidat anbietet, kommt ihr der Gedanke, dass ein Leben ohne das Kind für sie alle besser wäre …

Leoš Janáčeks dritte Oper wurde durch ihre Anklänge an die Volksmusik aus der Heimat des Komponisten zu seinem ersten wirklichen Erfolg und zur »mährischen Nationaloper«. Daneben wohnt Janáčeks Musik eine besondere Eigenschaft inne: Auch wenn sie psychologische Extremzustände auslotet, die zu Gewalt und Kindsmord führen, und das Innenleben der Figuren schonungslos offenlegt, richtet sie nicht über sie. So beglaubigt die Musik sogar das finale Verzeihen – eine nach den ganzen grausigen Enthüllungen und Schuldeingeständnissen am Ende der Oper fast unmöglich scheinende Botschaft von Janáčeks Humanismus. Mit der Staatsoper Unter den Linden verbindet »Jenůfa« (auf Tschechisch »Její pastorkyňa« – »Ihre Stieftochter«) eine besondere Beziehung, denn die Berliner Erstaufführung 1924 brachte dem Werk den endgültigen Durchbruch auf deutschen Bühnen. Nach »Aus einem Totenhaus«, »Katja Kabanowa« und zuletzt der »Glagolitischen Messe« findet nun Simon Rattles künstlerische Auseinandersetzung mit zentralen Werken Janáčeks mit »Jenůfa« eine Fortsetzung.

Musikalische Leitung: Simon Rattle
Inszenierung: Damiano Michieletto
Bühnenbild: Paolo Fantin
Kostüme: Carla Teti
Mitarbeit Kostüm: Giulia Giannino, Carsta Köhler
Licht: Alessandro Carletti
Choreographie: Thomas Wilhelm
Einstudierung Chor: Martin Wright
Dramaturgie: Benjamin Wäntig


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Herlitzius!!!!!
  · 14.02.21
''Der Staatsoper Unter den Linden - genauso sehr wie alle anderen Musik- und Sprechtheater dieser Welt unter der anhaltenden Pandemie-Fuchtel verzweifelt leidend - ist mit dieser (vorerst bloß auf virtuelle Weise per TV oder per Internet erlebbaren) Eigenproduktion ein sensationeller Extra-Wurf gelungen! Und das nicht allein, weil Simon Rattle hier dirigierte und weil unter seiner Leitung wieder mal die Staatskapelle Berlin zu exzessiver Höchstform auflief und weil außerdem der im Parkett und in den Rängen aufgestellte Staatsopernchor (Choreinstudierung: Martin Wright) geradezu perfekt und punktgenau mit dem doch ziemlich weit von ihm entfernten "Restgeschehen" im Orchestergraben oder auf der Bühne harmonierte und auch weil zudem eine Besetzung aufgeboten war, die nichts zu wünschen übrig ließ - nein, nicht nur daher, sondern wegen der (am Bildschirm/ unter Kopfhörern) erlebten und erfühlten insgesamten kollektiven Wuchtigkeit, dieser gesamtkunstwerkigen Besonderheit an sich!

Es ist kein Schöngesang, der einem durch die Ohren geht - aber die von ihm ausgehende und fast einschneidende Klangintensität wirkt derart überzeugend, dass bei den nicht einmal 2 Stunden Hör-/ Zusehdauer wahrhaftig kein Auge trocken bleibt. Herzrasen, unaufhörlich. Danke!'' schreibt Andre Sokolowski am 14. Februar 2021 auf KULTURA-EXTRA
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Charakterstudien zweier Frauen
  · 14.02.21
Leoš Janáčeks Oper von 1904, in Berlin inszeniert von Damiano Michieletto. Am Pult der Staatskapelle Berlin Sir Simon Rattle. 
Noch immer prägen Corona-Maßnahmen unsere Theaterlandschaft. Eine Premiere gibt es deshalb nur als Livestream vor leerem Zuschauerraum zu sehen. Diesmal wird das Ereignis schwerpunktmäßig über 3Sat verbreitet.
Jenůfa (Camilla Nylund, Rollendebut)  liebt Števa (Ladislav Elgr), von dem sie ein Kind erwartet. Nur die Heirat könnte sie aber vor der uferlosen Schande einer unehelichen Geburt bewahren. Die Küsterin (Evelyn Herlitzius), moralische Autorität in der Dorfgesellschaft, verbietet diese Heirat, weil Števa ein gewalttätiger Trunkenbold sei. Jenůfa bringt ihr Kind heimlich zur Welt, und die Küsterin versteckt es im Haus. Števa will Jenůfa nun nicht mehr heiraten, weil sie ihm fremd geworden ist. Števas Stiefbruder Laca (Stuart Skelton) liebt aber Jenůfa und will sie ehelichen. Die Küsterin möchte Jenůfas Zukunft retten und wird das Kind ertränken, wobei sie dann behaupten wird, der Knabe  sei gestorben. 
Am Hochzeitstag von Laca und Jenůfa wird ein toter Knabe im Eis des Flusses gefunden. Die Küsterin bekennt sich schuldig. Jenůfa vergibt ihr, weil sie die fehlgeleitete gute Absicht hinter der Mordtat erkennt.  Am Ende schreitet sie ins Licht der Ehe mit Laca.
Regisseur Damiano Michieletto unterstreicht mit einem asketischen Bühnenbild (Paolo Fantin), das durch Lichtakzente (Alessandro Carletti) seine suggestive Wirkung erreicht, das szenische Konzept der Konzentration auf die Psychologie  der handelnden Personen. Wir bewegen uns in der engmaschigen Sittenstrenge einer zutiefst konservativen Dorfgemeinschaft, in der jeder Bewohner gefangen bleibt. 
Was an dieser Inszenierung wirklich fasziniert, sind die eindrucksvollen Charakterstudien zweier Frauen aus dem engen Dorfmilieu. Die Handlung wird zum bewegenden Abbild widerstreitender Gefühle in den beiden Frauen. 
Camilla Nylund realisiert ihr Rollendebut mit Hingabe und differenziertem Ausdruck. Sowohl die enttäuschte Liebe zu Števa wie die spätere Neigung zu Laca gelingen ihr überzeugend. Die stimmlichen Qualitäten sind gänzlich präsent und erlauben ihr sowohl anteilnehmende Wärme wie den expressiven Angstschrei. Besonders eindringlich gestaltet sie das Mariengebet vor dem Hausaltar. 
Wenn es allerdings noch eine Steigerung dieser Leistung gibt, dann gelingt sie Evelyn Herlitzius in der Rolle der Küsterin Buryjovka. Bei makellosem stimmlichen Ausdruck entwickelt sie in Gestik und szenischer Aktion ein Charakterbild, das die scheinbar widersprüchlichen Züge dieser Frau plausibel werden läßt und ein Mitgefühl generiert. Wie sie nach dem Kindsmord die Szene wieder betritt und mit aufgelöstem Haar verkündet, der Junge sei gestorben, ist höchst einprägsam. Am Ende das Schuldbekenntnis und der Satz zu Jenůfa "Jetzt sehe ich, dass ich mich mehr liebte als Dich" - die überzeugende Darstellung einer bemühten, aber irrenden Person.
Hanna Schwarz zeichnet bei bester stimmlicher Präsenz die Rolle der Großmutter, der alten Buryjovka, die immer bemüht ist, begütigend in die Auseinandersetzungen einzugreifen. 
Die beiden Tenöre gestalten überzeugend die Antipoden in der Heiratskonkurrenz. Ladislav Elgr ist Števa, der die rettende Verbindung mit Jenůfa ausschlägt. Den Gegenpol Lara verkörpert Stuart Skelton mit wuchtiger Gestalt und strahlender Stimmgewalt. 
Am Pult der perfekt intonierenden Staatskapelle Berlin beweist Simon Rattle seine intime Vertrautheit mit Janàčeks farbkräftiger Musik, die von einschmeichelnder Harmonik bis zu schrill expressivem Ausdruck reicht. Ein hübscher Einfall, den kommentierenden Chor im ersten Akt in den ansonsten leeren Zuschauerraum zu platzieren. Von hier kommt dann am Schluß auch der Sound des applaudierenden Chores. Insgesamt eine sehr überzeugende Aufführung, die noch eine Weile in der Mediathek und im weiteren Jahresverlauf auch live auf der Bühne der Staatsoper zu sehen ist. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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