Bewertung und Kritik zu

MOSCA UND VOLPONE
von Stefan Zweig
Regie: Thomas Schendel 
Premiere: 2. Dezember 2017 
Schlosspark Theater, Berlin                     

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Zum Inhalt: Volpone, ein vermeintlich reicher Venezianer, ledig und ohne Nachkommenschaft, lässt durch seinen Diener Mosca ausstreuen, dass er im Sterben liege. Bald schon stellen sich „alte Freunde“ ein, die sich ihm durch kostbare Geschenke in Erinnerung rufen. Die Erbschleicher wollen sich gegenseitig mit ihren Zuwendungen übertrumpfen. Selbst eine Ehefrau wird zum Bettgeschenk und Volpone greift zu. Alle wollen ihn beerben und Volpone nimmt sie aus. Jedem einzelnen verspricht er, ihn zum Alleinerben zu machen und lässt Mosca die Fäden ziehen.

Turbulenzen sind unvermeidlich: Eifersucht, Rache, Gericht, Zähneklappern und Todesangst. Mosca versucht zu retten, was zu retten ist, aber Volpone bekommt den Hals nicht voll. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf: Volpone muss außer Landes fliehen. – Wer erbt nun am Schluss das liebe Geld? Und was macht er wohl damit?

mit Dieter Hallervorden, Franziska Troegner, Anja Gräfenstein, Karsten Kramer, Jonathan Kutzner, Oliver Nitsche, Mario Ramos, Thomas Schendel & Georg TryphonRegie: Thomas Schendel

Regie: Thomas Schendel
Bühne & Kostüm: Daria Kornysheva
Mus. Leitung & Sounds: Philippe Roth


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3.7/5 Insgesamt 3 Bewertungen (3 mit Rezension)
3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Freigebigkeit schlägt Habgier
  · 03.12.17
Die Ahnenreihe des Stückes reicht weit zurück: der „Erfinder“ der Volpone-Figur, der englische Bühnenautor und Dichter Ben Jonson, war ein Zeitgenosse William Shakespeares und lebte von 1572 bis 1637. Eine Bearbeitung von Stefan Zweig wurde 1926 zu dessen größtem Bühnenerfolg. Im Berliner Schloßpark-Theater hatte jetzt eine wiederum freie Bearbeitung der Stefan Zweig-Vorlage von Thomas Schendel Premiere. Schendel führte auch Regie. Die Zeichnung der einzelnen Personen wie auch der szenische Stil orientieren sich konsequent an der italienischen Commedia dell’Arte. Die verbindende Musik, die sich geradezu ideal in den Ablauf des Stückes einfügt, stammt von Jacques Offenbach.

Volpone (Mario Ramos) ist ein venezianischer Kaufmann, der es sich in den Kopf gesetzt hat, seine im Kaufmannsleben erworbenen Schätze zu verwenden, um die unverhohlene Habgier einiger seiner Mitbürger zu entlarven. Dabei soll ihn sein Diener Mosca (Dieter Hallervorden) als raffinierter Strippenzieher  unterstützen, der die notwendigen Aktionen ersinnt und seinem Herrn die ausgesuchten Opfer in die Arme treibt. 

Das Stück hebt an, indem der Thespiskarren einer Schauspielertruppe auf die Bühne rollt und der spätere Mosca die Akteure vorstellt. Volpone hat zuerst Gelegenheit, verächtliche Äußerungen über die schlechten Eigenschaften venezianischer Prominenz vorzutragen, und Mosca, der ihm ewige Treue und Ergebenheit gelobt hat, unterbreitet erste Vorschläge, wie man die ausgesuchten Opfer vorführen könnte. Es klopft an der Tür, und schon nimmt der Tanz der Habgierigen seinen Anfang. 

Volpone liegt scheinbar sterbenskrank zu Bett, und Mosca verbreitet die Legende, jeder der Besucher könne gegen eine angemessene Gabe im fälligen Testament zum Alleinerben Volpones bestimmt werden. Moscas Raffinesse erreicht es, dass jeder Bewerber in dem Glauben ist, der einzige zu sein, dem diese Chance geboten wird, und demzufolge ein angemessenes Investment für den Schlüssel zu dieser Erbschaft zu halten. Der Notar Voltore (Oliver Nitsche) geht als erster auf den Leim. Der Pfandleiher Corbaccio (Thomas Schendel) zögert nicht, seinen Sohn zu enterben, um der Schatztruhe Volpones habhaft zu werden. Der Kaufmann Corvino (Karsten Kramer), eigentlich die Inkarnation der Eifersucht, zögert nicht, seine Frau Colomba (Anja Gräfenstein) dem Volpone zuzuführen, um mit Moscas Hilfe zum Alleinerben aufzusteigen. Die Kurtisane Canina (Franziska Troegner) wiegt sich in der Hoffnung, auf ihre alten Tage Volpone ehelichen zu können, um an sein Geld zu kommen. 

Corbaccios Sohn Capitano Leone (Jonathan Kutzner) erfährt von seiner Enterbung, und Mosca schleust ihn bei Volpone ein, damit er sich heimlich von dem dortigen Geschehen überzeugen kann. Corvino bringt seine Frau Colomba zu Volpone, und sie legt ihre Hand auf seine Stirn, was seine sofortige Gesundung zur Folge hat und alle Lebensgeister weckt. Der lauschende Leone wittert Verschwörung und versuchte Vergewaltigung. Nach einigem Hin und Her ziehen alle vor den Richter Tafano (Georg Tryphon), der anhand der Zeugenaussagen feststellt, dass niemand Colomba zu nahe getreten ist. 

Volpone will all den Erbschleichern einen Streich spielen und setzt Mosca als Alleinerben in das Testament, das dem Richter übergeben wird. Als sich die Täuschung offenbart, zweifeln zunächst alle die Gültigkeit des Testaments an, bis Mosca verspricht, alle Geprellten zu entschädigen, wenn sie die Gültigkeit des Testaments anerkennen. Mosca seinerseits stellt keine Ansprüche, sondern verschenkt das geerbte Kapital an die Armen.

Thomas Schendels Inszenierung läuft flott und ist ausgesprochen unterhaltsam. 
Hausherr Dieter Hallervorden ist nicht nur der (ungeachtet seines Alters) springlebendige und pfiffig-verschlagene Diener, der gelegentlich mit seinem Herrn hadert wie Leporello in Mozarts „Don Giovanni“. Er ist auch ein kundiger Maître de plaisir, der im rechten Moment immer mit einer Handvoll Konfetti einen bezaubernden Akzent liefert. Seine Schlußsequenz setzt im Geiste Charlie Chaplins das Negative außer Kraft und stellt ihm großzügige Menschlichkeit entgegen. 

Viel Beifall vom begeisterten Premierenpublikum. Man muss kein Prophet sein, um dieser Aufführung eine lange Laufzeit vorherzusagen. 


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Habgier in reinster Form
  · 06.12.17
Die liebe Habgier – ein wiederkehrendes Thema, im richtigen Leben, aber auch auf der Theaterbühne. Derzeit nimmt sich das Schlosspark Theater dieser nicht so angenehmen Eigenschaft an, verpackt in seine jüngste Inszenierung Mosca und Volpone. Nach einer Grundlage von Ben Jonson aus dem Jahr 1607 hat Stefan Zweig das Stück mit dem ursprünglichen Titel Volpone 1926 sprachlich bearbeitet, Geschichte und Figuren verändert und ihr ein neues Ende verpasst. Nun hat Thomas Schendel nochmal nachgearbeitet und die Regie übernommen. Die Merkmale der Commedia dell’arte aber sind geblieben, und in diesem Sinne ist das Stück auch inszeniert, die Namen der Figuren sind übrigens dem Tierreich entliehen, nicht zufällig bedeutet Volpone Fuchs.

Der Beginn ist furios, alle Protagonisten stehen der Größe nach aufgereiht auf der Bühne, Dieter Hallervorden als späterer Mosca kündigt in einem Prolog das Theater an, dann erst werden Bühnenteile, Requisiten und Schauspieler auf die Bühne geschafft. Allen voran Mario Ramos in Gestalt des verschlagenen Volpone, der durch seinen Diener Mosca das Gerücht verbreiten lässt, er liege im Sterben. Dies mit einer Energie, die alles andere als dem Tode nahe daher kommt. Mit der Folge, dass sich jede Menge alter Freunde einfinden, um sich mit kostbaren Geschenken die Gunst des vermeintlichen Schwerkranken und damit sein Erbe zu sichern. Mosca zieht die Fäden herrlich durchtrieben, mit fast jugendlicher Energie, zum Beispiel wenn er die junge Colomba (Anja Gräfenstein) vom Beischlaf mit seinem Herrn mit den Worten zu überzeugen versucht, sie wäre doch keine Seife, würde „davon“ nicht kleiner werden. Franziska Troegner agiert als nicht mehr ganz junge Kurtisane, die Volpone noch zu ehelichen hofft, Karsten Kramer als Kaufmann Corvino und Ehegatte von Colomba, Oliver Nitsche mimt den windigen Notar Voltore, Georg Tryphon den Richter Tafano und Thomas Schendel hat sich die Rolle des Pfandleihers Corbaccio überlassen. Es fällt nicht schwer, den Schauspielern ihre erbschleicherischen und anderen Eigenschaften abzunehmen, auch die Kostüme sind gelungen, unterstützen sie doch die Charaktereigenschaften der einzelnen Figuren treffend und mit gutem Humor.

Mosca bringt die Erbschleicher jedenfalls auf Spur, in Gestalt erfrischender Dialoge, die auf den Punkt gespielt werden. Auf kleine Ausreißer in den Slang unserer Gegenwartssprache hätte dabei gut und gern verzichtet werden können, die klangvolle Originalsprache wäre sich genug gewesen. Ebenfalls überrascht der sehr wenig kritische Umgang mit Frauen, die nur als billige Sexobjekte präsentiert werden, was sich in zotigen Witzen und unangenehmen Gesten überdeutlich niederschlägt, von großen Teilen des Publikums auch noch gustiert. Vor dem Hintergrund der neuerlichen Bearbeitung durch Thomas Schendel hätte man sich diesbezüglich eine zeitgemäßere Fassung mit mehr Feingefühl diesem Thema gegenüber wünschen können, natürlich ohne das historische Original außer acht lassen zu müssen.

Dafür sind die eingebauten Kampfszenen in Slow Motion sehr ansehnlich und auch die Habgier wird physisch interessant deutlich gemacht.

Es kommt dann, wie es kommen muss, die Situation läuft aus dem Ruder und Volpones Sohn Leone (Jonathan Kutzner) klagt alle an, erwirkt eine Gerichtsverhandlung. Mosca brennt vom vielen Lügen die Zunge und schließlich trickst er alle aus. Am Ende macht er – oder ist es schon Dieter Hallervorden persönlich – das Stück mit einem Epilog rund und es wird noch alles gut. Für das Publikum auch, es gibt begeisterten Beifall.
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Irritierend und rätselhaft
  · 04.12.17
'Es sind sexistische Sprüche, geifernde Altherren-Witze, demütigendes Macho-Gehabe, das Frauen erniedrigt und Frauen nur als billiges Opfer und williges Spielzeug männlicher Gelüste und Fantasien gelten lässt. Natürlich muss man das Stück im historischen Kontext betrachten, darf und soll es nicht zensieren, aber immerhin hat Regisseur Schendel den Text gerade noch einmal frisch überarbeitet und modernisiert. Da hätte man ein bisschen mehr Sorgfalt erwarten können oder zumindest eine kommentierende Meta-Ebene, um - in Zeiten von "MeToo" - den offenen Sexismus zu entlarven und zu entschärfen. Aber nichts da: Kurtisane Canina (Franziska Troegner) muss sich ständig begrapschen  und als "Kloake Venedigs" titulieren lassen, und die Kaufmanns-Gattin Colomba (Anja Gräfenstein) wird mit Gewalt dem lüstern lechzenden Volpone ins Lotterbett gelegt. In den Augen der Männer sind die Frauen zu nichts anderem gut, als ihnen Freude zu schenken, und die Frauen lassen es widerspruchslos geschehen, um des vergifteten Scheinfriedens willen und um auch etwas vom Kuchen des vermeintlichen Reichtums abzubekommen.

Besonders irritierend und für mich rätselhaft war, dass bei diesen aus der Zeit gefallenen sexistischen Zoten die Frauen im Publikum besonders laut gelacht haben.'' schreibt Frank Dietschreit auf kulturradio.de
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3.5
Durchschnittsnote aller Stücke
5 7
4 12
3 10
2 5
1 2
Kritiken: 22
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