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Bewertung und Kritik zu

FEHLER IM SYSTEM (OLIVER 2.0)
von Folke Braband
Regie: Folke Braband 
Premiere: 4. März 2017 
Schlosspark Theater Berlin

Endlich hat Emma ihren Oliver vor die Tür gesetzt. Doch kurz danach steht er wieder da und sondert monotone Begrüßungsfloskeln ab: Oliver Vierpunktnull. Hallo. Guten Tag. Bald ist klar, dass Oliver 4.0 eine künstliche Intelligenz ist, ein menschenähnlicher Computer, der über die Agentur Partnercook.com als Haushaltsroboter für Emma ermittelt wurde. Im Laufe des Geschehens entwickelt die virtuelle Haushaltshilfe ungeahnte Fähigkeiten, nimmt zusehends menschliche Züge an und erweist sich immer mehr als perfekter Ersatz für den echten Oliver. Es funkt zwischen Emma und dem künstlichen Oliver. Doch was passiert, wenn ein Roboter plötzlich die Liebe entdeckt? Hat er Kontrolle sowohl über das, was er tut, als auch über seine Gefühle?  Und welche Auswirkungen hat wohl ein noch so kleiner Fehler im System?

mit Jasmin Wagner, Tommaso Cacciapuoti, Jürgen Tarrach & Guido Hammesfahr

Regie: Folke Braband
Bühnenbild: Tom Presting
Kostümbild: Jakob Knapp
Musik: Felix Huber


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Screwball like
  · 06.03.17
Das Bühnenbild verrät es bereits. Diese Inszenierung wird in der Zukunft spielen und so dauert es auch gar nicht lange, bis Oliver 4.0 die Bühne betritt, eine künstliche Intelligenz, die auch sogleich HASY vorstellt, ihr Hand-Arm-System. Mit der sie bzw. er ab nun den Haushalt von Emma schmeißen wird, die soeben ihren Lover Oliver vor die Tür gesetzt hat. Und dem der neue Mitbewohner frappierend ähnlich sieht.
Dieser Umstand sorgt im weiteren Verlauf dann auch immer wieder für Verwechslungen, Regisseur Folke Braband hat sein eigenes Stück zu einer ziemlich klassischen Screwball-Komödie inszeniert. Die sehr kurzweilig daherkommt, wofür auch die Schauspieler sorgen, denn neben Jasmin Wagner als Emma und Tommaso Cacciapuoti, der den Spagat seiner Doppelrolle als Oliver (4.0) gut meistert, sorgt Emmas Vater, der gerade inmitten einer Geschlechtsumwandlung steckt und herrlich komisch von Jürgen Tarrach verkörpert wird, für gute Unterhaltung. Dann ist da noch Chris, als Guido Hammesfahr kaum mehr wiederzuerkennen in seinem Kostüm, ein Roboterfänger, vor dem Oliver 4.0 auf der Flucht ist, und der sich dann Lea, Emmas Vater annimmt, oder umgekehrt? Jedenfalls ein weiterer Umstand, der viel Trubel ins Geschehen bringt, abgesehen davon natürlich, dass es zwischen Emma und Oliver 4.0 längst gefunkt hat, sehr schnell übrigens, das hätte vielleicht etwas mehr Zeit gehabt.
Und gerade als man sich fragt, ob bei diesem Thema nicht ein bisschen mehr Tiefgründigkeit zum Einsatz von künstlichen Intelligenzen möglich gewesen wäre, nimmt das Stück nochmal Fahrt auf, in genau diese Richtung. Oliver 4.0 entpuppt sich nämlich ganz plötzlich nicht mehr als Mann im besten Sinne, sondern zeigt sein wahres Ich, ein Fehler im System eben. Superintelligenzen sollten vielleicht doch erst kontrolliert werden, bevor man sie baut ... sagt Chris.
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Notfalls zu Tante Google
  · 05.03.17
Es war ein weiter Weg von der frühen Faszinationskraft jener Automatenwesen in Menschengestalt nach Art von „Coppélia“ oder „Hoffmanns Erzählungen“ bis zur leicht schaurig angehauchten Attraktivität des Begriffes „Künstliche Intelligenz“ in unseren Tagen. Gerade mal ein Jahr alt ist das Stück „Fehler im System“, das Folke Braband bearbeitet und jetzt als Regisseur  im Berlin-Steglitzer Schloßpark-Theater zur deutschen  Erstaufführung gebracht hat. Dabei geht es nicht, wie man vielleicht anhand des Titels argwöhnen könnte, um eine Mängelrüge an Schwächen unseres Systems der parlamentarischen Demokratie. Stattdessen liegt der Angelpunkt mehr im Vordergründig-Hintergründigen. Eine gewisse Duldsamkeit gegenüber Science-Fiction-Stories erleichtert dabei den Zugang und das ungetrübte Vergnügen. Weitere Vorkenntnisse sind aber nicht erforderlich.

Das Verhältnis von Menschen zu Maschinen macht inzwischen ein eigenes Literaturgenre aus. Seit sich diese Beziehung nicht mehr auf mechanische Analogien beschränkt, sondern durch die Fortschritte der Computertechnik immer pseudo-humanoider wurde, fragt sich der Fantasiebegabte natürlich, wohin diese Entwicklung noch führen kann und wo möglicherweise ihre Grenzen sind. 

Aus diesem komplexen Stoff, der voller Fußangeln steckt, eine funktionierende Komödie zu machen, ist  eine Aufgabe, die Intelligenz und Feingefühl erfordert. Folke Braband ist dies dadurch gelungen, dass er eine Handvoll lebensnaher Typen konstruiert und sie mit treffend ausgesuchten Schauspielern besetzt hat. So folgt man der flotten Handlung, ohne zwischendurch abzuschalten, und die Palette der Charaktere bietet dem Publikum mannigfache Identifikationsmöglichkeiten. 

Der jungen Frau Emma (Jasmin Wagner) wird eines Tages der menschenähnliche Haushaltscomputer Oliver 4.0 geliefert, der äußerlich aufs Haar ihrem Freund Oliver gleicht, den sie gerade im Streit aus der Wohnung komplimentiert hat. Einziger Unterschied: Im Gegensatz zu ihrem kiebigen Lover ist der automatische Oliver (Tommaso Cacciapuoti sehr gewandt in einer sorgsam differenzierten Doppelrolle) die Liebenswürdigkeit selbst, offeriert ständig in merkwürdig cooler Weise seine Dienste und zeigt sich in Küche und Wohnzimmer gleichermaßen anstellig. Dann kommt noch Emmas Vater Lea (Jürgen Tarrach) zu Besuch, der gerade mitten in einer Geschlechtsumwandlung steckt und sich in diesem Zustand  unter dem Jubel des Publikums gekonnt von Pointe zu Pointe hangelt. Endlich den gewünschten Körper einer Frau zu erlangen, nach dem er sich sein ganzes Leben lang gesehnt hat - kein operatives Opfer wäre ihm dafür zu hoch. Der „echte“ Oliver taucht wieder kurz auf und erweist sich als das alte Ekel, das nichts hinzugelernt hat. 

Schliesslich stürmt noch der Kundendiensttechniker Chris (Guido Hammesfahr) auf die Szene, der von der Herstellerfirma ausgesandt ist, um aus der Rolle fallende Haushaltscomputer einzufangen und zur Wartungszentrale zu bringen. Dieser übereifrige Helfer hält nun den wirklichen Oliver für einen ausgeflippten Computertypen und transportiert ihn ab zum Service. Bis sich der Irrtum aufklärt, ist Emma mit ihrem Oliver 4.0 allein, und nun kommt alles, wie es kommen muss: der hochentwickelte Haushaltshelfer mit einer Software, die permanent hinzulernt, nähert sich den heimlichen Erwartungen Emmas immer mehr an, entwickelt regelrechte Gefühle und ist dann sogar auf sexuellem Gebiet („nicht so mechanisch“) ein geradezu idealer Partner. 

Vater Lea wird aus der neuesten Geschlechtsüberarbeitung zurückgeliefert, nun vollends erblondet und mit allen Attributen einer etwas fülligen Matrone ausgestattet.  Der Ex-Oliver meldet sich noch einmal über Videotelefon, kann aber Emma nicht umstimmen. Oliver 4.0 glänzt dagegen mit seiner „Sprachentwicklungs- und Stimmerkennungssoftware“, und wenn er etwas nicht weiss, dann „fragt er Tante Google“.  Trotz aller Perfektion kommt er aber schliesslich an die Empfindungsgrenzen seiner Bauart und entscheidet sich in einer kurzen depressiven Phase, seinen gesamten Speicher „auf Werkseinstellungen zurückzusetzen“ - die völlige Angleichung an ein menschliches Wesen ist ihm nicht gegeben. Aber, mit den Worten von Servicetechniker Chris, „die Frage ist nicht, ob eine Maschine Mensch wird, sondern wann.“ Sie bleibt natürlich unbeantwortet - einstweilen rettet uns Menschen dieser kleine Unterschied. 

Das ganze Spiel wird auf der Bühne mit einem hilfreich simplen Bühnenbild, wandlungsfähiger Lichtregie und präzise eingespielten Videoprojektionen flink in Gang gehalten. Das Publikum bedankt sich mit einem wahren Jubelsturm für zwei komödiantisch treffsichere Stunden, die kaum merklich  auch ein Quantum Nachdenklichkeit in sich tragen. 

http://roedigeronline.de
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