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Theaterkarten gewinnen

Bewertung und Kritik zu

ADEL VERPFLICHTET
nach dem Roman von Roy Horniman
Regie: Anatol Preissler 
Premiere: 7. September 2019 
Schlosspark Theater, Berlin 

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Zum Inhalt: London, 1907. Wenn Victor Lopez eines hasst, dann ist es Ungerechtigkeit. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Sicherlich, er hat so einiges auf dem Kerbholz, aber ausgerechnet den Mord, für den er am nächsten Morgen hingerichtet werden soll, hat er nicht begangen.
Himmelschreiendes Unrecht. Das findet auch sein Henker, auch wenn es diesen ausgesprochen freut, endlich mal einen echten Blaublütigen unter das Fallbeil zu bekommen. Denn obwohl Victor in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, entstammt er doch mütterlicherseits dem berühmten Adelsgeschlecht Gascoyne.
Von seinen Verwandten sträflich ignoriert, träumte Victor seit seiner Kindheit davon, sich Graf Gascoyne nennen zu können, nicht zuletzt, um seiner großen Jugendliebe Sibella zu imponieren. So beschloss er, dem Glück ein wenig nachzuhelfen, und beseitigte raffiniert und mit viel Fantasie einen Anverwandten nach dem anderen.
Zwischen Henker und Delinquent entspinnt sich ein leidenschaftlicher Diskurs unter Fachleuten über die vielfältige Kunst, jemanden um sein Leben zu erleichtern, bis schließlich der Morgen graut ...

mit Dieter Hallervorden, Johannes Hallervorden, Otto Beckmann, Oliver Nitsche, Jantje Billker, Annika Martens & Tommaso Cacciapuoti

Regie & Bühne: Anatol Preissler
Kostüm: Viola Matthies
Choreographie: Kerstin Ried
Sound-Design: Andreas Harwath, Anatol Preissler
Video: Axel Martin

TRAILER


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3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ein Mordsvergnügen
  · 08.09.19
Es ist eine mehrfach genutzte Spielvorlage, dieses "Adel verpflichtet", hier von Dogberry & Probstein (Pseudonyme von Übersetzer und Autor Anatol Preissler und Co-Autor und Schauspieler Otto Beckmann) nach dem Roman "The Autobiography of a Criminal" von Roy Horniman aus dem Jahre 1907. Der Roman lieferte bereits die Drehbuchvorlage für den Film von 1949, in dem Alec Guinness sämtliche Mitglieder der D'Ascoyne-Familie spielt, die er entlang der Erbfolgelinie aus dem Wege räumen muss, um selbst des ihm zu Unrecht vorenthaltenen Adelstitels teilhaftig zu werden. Schon aus diesem Ansatz wird deutlich, worum es hier geht: serviert wird ein  Destillat tiefschwarzen britischen Humors mit einer Menge zündfähiger Knalleffekte und im Wechsel mit versonnen-versponnener, etwas sarkastisch getönter Lebensphilosophie.

Regisseur Anatol Preissler püriert die Romanhandlung zu einer kurzweiligen Folge wirkungsvoller Szenen, in denen die erstaunlichen Verwandlungsmöglichkeiten der kleinen Bühne im Verein mit flottem Licht- und Sound-Design vorteilhaft zur Geltung kommen.

Victor Lopez( Otto Beckmann) sitzt hinter Gittern und harrt seiner Hinrichtung, weil ihm der Mord an seinem Rivalen Lionel Holland (Tommaso Cacciapuoti) zur Last gelegt wird, den er aber nicht begangen hat. Die Wartezeit verbringt er im Dialog mit seinem Henker William Calcraft (Oliver Nitsche) beim Verfassen seiner Memoiren. Die fördern eine beispiellose Karriere zutage: Victors Vater ist ein etwas windiger mexikanischer Schlagersänger (ebenfalls Tommaso Cacciapuoti), der sich zum Vergnügen des Publikums immer wieder mit geplärrten Extempores in Erinnerung bringt. Die Mutter aber (Jantje Billker) stammt aus dem Adelsgeschlecht derer von Gascoyne, und sie setzt ihrem Sohn den Floh ins Ohr, er sei damit etwas Besseres. Der Sohn hat daraufhin nichts Eiligeres zu tun, als diejenigen Adligen ins Jenseits zu befördern, die in der Gascoyne-Erbfolge vor ihm rangieren, um selbst ein Gascoyne zu werden. Er tut dies ebenso unauffällig wie ingeniös, so dass ihm bei seinen Mordtaten niemand auf die Schliche kommt.

Auf der Szene wird diese Meuchel-Rallye nun mit viel Fantasie und schauspielerischem Geschick vorgeführt. In Erinnerung bleiben davon vor allem die Auftritte der Hallervordens: Vater Dieter glänzt als bärbeißiger Bankbesitzer, als Schauspieler (was in ein hinreissendes Grotesk-Video mit Stummfilmeffekt mündet), als Pater und als Hundeliebhaber, dessen gedopte Huskies den Schlittenfahrer so lange über den zugefrorenen See ziehen, bis der selbst zum Eiszapfen erstarrt ist. Sohn Johannes steht ihm in seinen Verwandlungen keineswegs nach: sowohl als Schachspieler wie als Tante Ughtretta Gascoyn hat er die Lacher auf seiner Seite. Wenn die Tante, von kleinster Sünde belastet, in den Beichtstuhl wankt, der mit elektrisch (über Fahraddynamo) gezündeten Knallkörpern bestückt ist, hat die Mordserie einen Höhepunkt erreicht. Als smarter Graf Simeon Gascoyne beendet er schliesslich sein Dasein bei einem Jagdunfall während einer Fuchsjagd.

Victor ist am Ziel, wäre da nicht diese vertrackte Mordanklage. Aber da kommt Sibella Holland (Annika Martens) ins Spiel, die einen Abschiedsbrief ihres Mannes verwahrt, der Viktor entlastet. Dummerweise hat der aber beim Gang in die Freiheit sein Manuskript mit den Memoiren in der Zelle liegen lassen. Der Henker triumphiert. Nun darf er doch noch seines Amtes walten.

Das Publikum folgt der Story mit Begeisterung und spendet am Ende dem gesamten Ensemble reichen Applaus.  Allein das Vergnügen, dem unverändert vitalen Didi Hallervorden bei seinen Gratwanderungen zwischen Parodie und Klamotte zu folgen, lohnt diesen Theaterabend auf jeden Fall.

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das ist mächtig fein ...
  · 09.09.19
Wer die Stücke Shakespeares kennt, dem dürften die Namen Dogberry und Probstein durchaus etwas sagen: Beide verkörpern Narren in zwei von seinen Werken. 
Das Autorenteam Anatol Preissler und Otto Beckmann veröffentlicht unter diesen Namen seine Theaterstücke, was schon ein bisschen darauf hinweisen könnte, dass ihnen der Humor nicht ganz fern ist.
Was seinen Ausdruck unbedingt in der Komödie „Adel verpflichtet“ findet, frei nach einem Roman von Roy Horniman aus dem Jahr 1874 und der Filmfassung mit Alec Guinness von 1949, die gerade im Schlosspark Theater zur Aufführung kommt. Entsprechend zeitgemäß ist auch die Ausstattung der Bühne und der Kostüme, die Regie hat praktischerweise Preissler selbst übernommen. Dabei hat er Erfahrung und Schauspieler aus seiner Inszenierung am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater an die Spree mitgebracht, wo das Stück im letzten Jahr seine Uraufführung erfolgreich feierte.
Kurz zum Inhalt: Victor Lopez (Otto Beckmann) geht unentdeckt über Leichen, um endlich seiner Herkunft Rechnung tragen zu können und den Grafentitel tragen zu dürfen, nicht zuletzt, um endlich seine Jugendliebe Sibella für sich gewinnen zu können. Entstammen seine Wurzeln doch wenigstens einigermaßen einer blaublütigen Familie, wie ihm seine Mutter eingeschärft hat, wenn man mal von seinem Vater absieht, der als mexikanischer Straßenmusiker immer wieder über die Bühne fegt. Endlich in der Erbfolge ganz oben und somit geadelt, landet er aber im Gefängnis für einen Mord, den er ausnahmsweise nicht begangen hat und verbringt seine letzte Nacht zusammen mit dem Henker William Calcraft (Oliver Nitsche), mit dem sich eine intensive Unterhaltung entspinnt, die sie fast Freunde werden lässt. Schräg genug, seine Memoiren zu schreiben und gleichzeitig seinem Henker ausführlich zu den vielen Morden zu berichten, die nun in Rückblenden dargestellt werden. Aber das ist nicht alles. Die Morde selbst entbehren auch keiner Absurditäten, Preissler und Beckmann bespielen die Komödienklaviatur in voller Breite, sodass Wortwitz, Slapstick und eine hochkomische Überzeichnung der Figuren dem Publikum einen kurzweiligen und witzigen Abend bescheren.
Neben den vielen kreativen Regieeinfällen tragen aber auch die Schauspieler die Inszenierung. Otto Beckmann spielt seine textreiche Rolle äußerst souverän, ebenso sein Gegenpart Oliver Nitsche, beide harmonieren gut miteinander. 
Herrlich exaltiert, sowohl in Gestus als auch Sprache, agiert Annika Martens, die Jugendliebe Victors, die durch ihre Beziehung zu Lionel Holland (Tommaso Cacciapuoti) „ihren“ Victor auf für das Publikum sehr komische Weise immer wieder neu provoziert.
Auch Jantje Bilker überzeugt mit ihrem Spiel, nicht nur als Victors Mutter.
Dieter und Johannes Hallervorden übernehmen in jeweils mehreren Rollen die unterschiedlichen Adligen, die nacheinander das Zeitliche segnen, also jeweils drei bis fünf Rollen. Hallervorden Junior kann dabei sein komisches Talent unter Beweis stellen, der Senior hat die ganze Zeit Sprüche auf Lager, die sich allesamt auf die Wasserwelt beziehen („Der Dorsch ist forsch, aber die Qualle schafft alle“), die auch noch an anderer Stelle Bedeutung auf sehr plakative Weise bekommt.
Das Ende ist dann doch noch überraschend, Victor kommt frei und dann wieder doch nicht, dank ... Dies soll hier nicht verraten werden, schließlich hat das Stück ja schon auch was von einem Krimi ...
Das Publikum ist sehr angetan und dies vollkommen zu Recht, es gibt langen Beifall.
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