Is This A Room

Bewertung und Kritik zu

IS THIS A ROOM (New York) 
von Tina Satter
Premiere: 4. Januar 2019 (The Kitchen, New York - Off-Broadway) 
Broadway-Premiere: 11. Oktober 2021 (Lyceum Theatre New York) 
Deutschland-Premiere: 31. März 2022 (Gastspiel FIND) 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 

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Zum Inhalt: Die 25-­jährige ehemalige Air­-Force-­Linguistin Reality Winner wird zuhause vom FBI überrascht, verhört und beschuldigt, Beweise für eine russische Einflussnahme auf das amerikanische Wahlsystem an die Presse weitergeleitet zu haben. Sie wird zu einer Haftstrafe von mehr als fünf Jahren verurteilt. 2021 wird sie wegen guter Führung vorzeitig entlassen und unter Hausarrest gestellt, in dem sie sich bis heute befindet.
Als Grundlage für Tina Satters Stück diente das FBI-­Protokoll eines realen Falls. Es ist der 3. Juni 2017: Die Yoga-Lehrerin, Katzenliebhaberin und Farsi, Paschtu und Dari sprechende Reality Winner kommt gerade vom Einkauf, mit Tüten voller Lebensmittel. Mehrere bewaffnete FBI­-Agenten stehen vor ihrer Tür. Sie lassen sie ihre Einkäufe wegräumen und plaudern mit ihr, bis sie ihr  das Handy wegnehmen und mit dem Verhör beginnen. Im August 2018 erhielt Reality Winner nach dem Spionage­gesetz die längste Haftstrafe, die jemals von einem Bundesge­richt für das Weitergeben von geheimen Regierungsinformationen an die Medien verhängt wurde.

Mit: Becca Blackwall, Will Cobbs, Katherine Romans, Pete Simpson. Bühne: Parker Lutz Kostüme: Enver Chakartash

Regie: Tina Satter
Musik: Sanae Yamada
Licht: Thomas Dunn
Requisite: Amanda Villalobos
Produktion und Inspizienz: Randi Rivera
Produktionsleitung: Mariana Catalina
Technik: Jørgen Skjaervold


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Verhör-Reenactment als Broadway-Hit
  · 31.03.22
Regisseurin Tina Satter und ihre vier Spieler*innen stützen sich auf den Wortlaut des Verhörprotokolls am Tag der Verhaftung von Reality Winner im Juni 2017, ein halbes Jahr nach Trumps Wahlsieg. Inklusive aller Ähs, Ausflüchte und Ablenkungsmanöver, vor allem aber aber auch inklusive aller geschwärzten, als geheim klassifizierten Stellen, die den Abend mit Schwarzblenden immer häufiger unterbrechen, zeigen sie ein Re-Enactment dieser Befragung. Langsam treiben die Männer die Frau in die Enge, anfangs stellen sich beide Seiten betont naiv, doch die Polizei weiß wesentlich mehr als sie vorgibt. Obwohl sie betonen, dass alles hier auf Freiwilligkeit beruhe, zieht sich die Schlinge um den Hals der Beschuldigten immer enger, bis sie unter Tränen gesteht.

In seinem Minimalismus und in seinem Verzicht auf Requisiten ist „Is this a room“ eine typische Off-Off-Broadway-Show. In „The Kitchen“ hatte das Stück bereits im Januar 2019 Premiere und lief dann so erfolgreich am Vineyard Theatre am Off-Broadway, dass die Ruhrtriennale und das FIND-Festival der Schaubühne darauf aufmerksam werden. Dort sollte dieses Whistleblower-Drama bereits im September 2020 bzw. im Oktober 2021 gastieren. Ersteres verhinderte Corona, zweiteres der Umzug der Produktion an den Broadway ins Lyceum Theatre: in all seinem Minimalismus hat der 65 Minuten kurze Abend alle Qualitäten, die ein Broadway-Hit braucht, die von New York Times bis Time Out empfohlen wird: die klare Zugänglichkeit für das Mainstream-Publikum jenseits der Nerdhaftigkeit, die für deutsche Off-Produktionen so typisch ist, und vor allem die großen Emotionen mit dem tränenreichen Zusammenbruch der Hauptfigur.

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Zwei beklemmende Stücke über staatliche Gewalt - I
  · 03.04.22
''Das Doku-Stück Is This A Room? ist ein Reenactment der originalen Verhörmitschnitte der ersten Vernehmung Winners durch das FBI 2017 in ihrem Haus in Augusta, Georgia. Das FBI tauchte damals mit einem ganzen Kommando von Polizeibeamten auf ihrem Grundstück auf. Im Stück sind es lediglich drei, die von Becca Blackwall, Will Cobbs und Pete Simpson gespielt werden. Zwei mimen die netten Kerls von nebenan, während einer mit einem Walkie-Talkie Kontakt zu offensichtlich in Fahrzeugen wartenden Kollegen hält. Auch so wird aber schnell klar, wie hier die Kräfteverhältnisse gelagert sind, obwohl die junge Winner, gespielt von Katherine Romans, zunächst noch recht souverän der Situation und den Fragen der Ermittler begegnet. Ein Schlagabtausch in Worten, der mit allen Räusperern und Hustern der Beamten zunächst einen recht unbeholfen und sogar komisch wirkenden Small Talk über Einkäufe, Wohnung, Haustiere und Fitness darstellt. Die gerade vom Einkauf zurückgekehrte Winner in weißem Hemd, kurzen Hosen und Turnschuhen ist nebenbei noch Yogalehrerin und besitzt eine Katze und eine Hündin, die, wie sie sagt, keine Männer mag.

Der lockere Plausch, bei dem die Beamten aber immer wieder ihren Durchsuchungsbefehl erwähnen und Fragen nach der Wohnung und eventuell darin befindlicher Waffen stellen, zielt aber mit der Zeit immer direkter auf Winners Tätigkeit für die Air Force und den NSA. Die Schlinge zieht sich langsam zu und schließlich legt sie doch ein Geständnis über das von ihr ausgedruckte und aus dem Gebäude geschmuggelte Papier ab. Das Publikum, das in der Schaubühne auf zwei gegenüberliegenden Tribünen vor der kleinen, nur mit zwei Podesten bestückten Bühne sitzt, erfährt allerdings kaum etwas über den wahren Grund der Vernehmung, da im veröffentlichten Transcript des FBI-Mitschnitts die Stellen, wo es um den Inhalt des Papiers geht, geschwärzt sind. Die Lehrstellen werden mit einem elektronischen Ton und dem Aufblitzen von Scheinwerfern überbrückt. Das wird mit der Zeit immer bizarrer, wenn außerdem die Beamten sich teils wie in Zeitlupe bewegen und sprechen. Das recht minimalistische Setting und Spiel hinterlässt dabei einen zunehmend beklemmenden Eindruck.'' schreibt Stefan Bock am 3. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
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