Outside

Bewertung und Kritik zu

OUTSIDE (Moskau) 
von Kirill Serebrennikov
Premiere: 16. Juli 2019 (Festival d´Avignon) 
Berlin-Premiere: 30. September 2021 (Gastspiel FIND 2021) 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 
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Zum Inhalt: Der chinesische Fotograf Ren Hang fotografierte Stadtlandschaften, die Natur und vor allem die nackten Körper junger Männer und Frauen in seiner Pekinger Wohnung. Hangs Fotos zeigen eine neue chinesische Generation in ihrem rebellischen Lebenswillen und einer unangepassten Schönheit, die im scharfen Kontrast stehen zum staatlich verordneten Bild der Jugend. Seine weniger bekannten Gedichte sind dunkler, handeln von Sex, Einsamkeit, Depressionen, der Liebe und dem Tod. Die Kunst von Ren Hang faszinierte den Regisseur Kirill Serebrennikov, beide planten eine gemeinsame Zusammenarbeit. Nur 48 Stunden vor einem verabredeten Treffen der beiden nahm sich der damals 29-jährige Ren Hang in Peking das Leben. Serebrennikov entschied sich unter dem Schock des Verlusts, Hang ein Denkmal zu setzen, und in seiner Inszenierung seine eigenen Erfahrungen im Leben und Werk von Ren Hang zu spiegeln. Nur wenige Monate später wird Serebrennikov selbst Opfer politischer Repressionen in Russland: Man wirft ihm Steuerbetrug vor und verordnet einen mehrere Jahre dauernden, vor kurzem aufgehobenen Hausarrest. So ist »Outside«, das Serebrennikov aus dem Gefängnis der eigenen Wohnung heraus schrieb und inszenierte, und das in Abwesenheit des Regisseurs beim Festival d’Avignon 2019 uraufgeführt wurde, auch das Ergebnis einer dramatisch abgebrochenen Begegnung zweier Künstler. In ihren Biografien und in ihrem Schaffen verteidigen sie vehement Themen wie Identität, Sexualität, Schönheit und den Platz des Einzelnen in totalitären Systemen – mit Humor, Poesie und einem ungebrochenen Willen zur Freiheit.

Mit: Odin Lund Biron, Yang Ge, Georgy Kudrenko, Nikita Kukushkin, Julia Loboda, Andrey Petrushenkov, Evgeny Romantsov, Anastasia Radkova, Evgeny Sangadzhiev, Igor Sharoyko sowie Alexey Bychkov, Daniil Orlov, Andrey Polyakov (Musiker)

Regie: Kirill Serebrennikov 
Choreografie: Evgeny Kulagin, Ivan Estegneev
Komposition Musik: Ilya Demutsky

TRAILER


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Hommage und imaginiertes Zwiegespräch
  · 04.10.21
''Serebrennikov zeigt in "Outside" nicht nur Sprechtheater, sondern eine Mischung aus Choreografie, Bildertheater und Musik. Keyboards und Synthesizer kommen live zum Einsatz – zwischendurch klingt das wie asiatischer, knalliger Synthie-Pop aus den 80ern. Das hat inhaltliche Gründe: "Outside" ist eine Hommage an den chinesischen Fotografen und Poeten Ren Hang. Der hatte wegen seiner provokanten Kunst ebenfalls unter Repressionen zu leiden. Serebrennikov und Hang planten, zusammen zu arbeiten – doch zwei Tage, bevor sie zum ersten Mal telefonieren wollten, stürzte sich der Fotograf mit nur 29 Jahren aus dem Fenster. Serebrennikov konnte die Idee der Zusammenarbeit trotzdem nicht loslassen.

"Der Tod reicht als Grund nicht aus, um aufzuhören zu kommunizieren", sagte er. Und so verweist alles in diesen beiden Theaterstunden auf Fotografien und Gedichte von Hang, auf Gefangenschaft und Isolation – und ist zudem ein imaginiertes Zwiegespräch der beiden Künstler.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Outside von Kirill Serebrennikow
  · 03.10.21
''Die Begegnung lässt Serebrennikov nun posthum in seinem Stück stattfinden, indem er zwei Schauspieler zu einem fiktiven Gespräch auf der Bühne zusammentreffen lässt. Vor der mit einem Foto von Hang tapezierten Bühnenrückwand ist ein bewegliches Fenster aufgebaut, Sinnbild für Serebrennikovs Hausarrest sowie den Rückzug- und Todesort des an Depressionen leidenden Fotografen. Hang ist zuerst wie der Schatten des Regisseurs, der über sein Gefangensein sinniert. Wie der Regisseur in Russland hatte auch Hang Probleme mit der chinesischen Staatsmacht und wurde wegen Pornografie verhaftet. Serebrennikov lässt zu Beginn die Polizei an die Tür klopfen und entwickelt daraus eine surreale, fast ballettartig choreografierte Verhörszene.

Hang möchte ein Samenkorn sein, „gerade geboren und schon begraben“. Diese Verse düsterer Poesie setzt Serebrennikov in farbenfrohe Bilder um. Sie sind inspiriert von den Fotografien Hangs. Es ist aber vor allem ein Fest des nackten Körpers. Drei Performer und zwei Performerinnen nehmen immer wieder neue Posen ein, bis hin zu einer Szene im Darkroom des Berliner Techno-Clubs Berghain. Dazu wird Musik gespielt, gesungen und aus Hangs Leben erzählt. Seiner Mutter hatte er immer nur gesagt, er würde ins Büro zur Arbeit gehen. Über sein Leben als Künstler wusste sie nichts. Viele der Tanz- und Performanceeinlagen lassen sich kaum entschlüsseln. Es geht um einen Tänzer mit dickem Hintern, oder es tauchen Symbole des chinesischen Staats auf. Es ist oft die Rede von Freiheit, einem schönen Ort, wo das Leben besser wird. Und den hat Serebrennikov nun in der Kunst gefunden.'' schreibt Stefan Bock am 2. Oktober 2021auf KULTURA-EXTRA
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Assoziative Hommage und Feier der Schönheit
  · 01.10.21
Die Trauer um die verpasste Gelegenheit, Ren Hang auch persönlich kennenzulernen und mit ihm künstlerisch zu arbeiten, durchzieht den knapp 100minütigen Abend. Alter Egos von Serebrennikow (Odin Lund Biron) und Hang (Evgeny Sangadzhiev) tauschen sich über ihre Erfahrungen aus, sprechen über Repression und entwürdigende Schikanen bei Hausdurchsuchungen. Diese Auftakt-Szene setzt einen düsteren Grundton, der jedoch oft durch Slapstick und Comedy aufgebrochen wird. „Outside“ ist ein ruheloser Abend, dem eine klare Mitte fehlt und der oft unvermittelt zwischen ganz unterschiedlichen Tonlagen pendelt: assoziativ reiht sich Szene an Szene, Trauer schlägt in Herumalbern um.

Zu frisch scheint oft noch der Schmerz über den Verlust, zu wenig verdichtet sind viele Erfahrungen und Ideen. Der Hausarrest und die Tatsache, dass Serebrennikow nur über Boten mit seinem künstlerischen Team kommunizieren konnte, machten es sicher nicht einfacher. Unter diesen extrem erschwerten Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass „Outside“ deutlich hinter Serebrennikows Meisterwerk „Machine Müller“ zurückbleibt, an dem er ein halbes Jahr feilen konnte und das seit Jahren im Moskauer Gogol-Repertoire läuft.

„Outside“ ist kein streng komponierter Abend, sondern eine Skizze, die oft ausfranst und durch die man sich treiben lassen kann. Zu Beginn des Abends führt uns ein gedanklicher Ausflug vom Kudamm ins Berghain am anderen Ende der Stadt, wo die Alter egos von Serebrennikow und Hang einen dritten „Seelenverwandten“ treffen: Robert Mapplethorpe, der 1989 an AIDS starb.

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