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Bewertung und Kritik zu

PAISAJES PARA NO COLOREAR (Santiago de Chile) 
von Teatro La Re-Sentida
Regie: Marco Layera 
Berlin-Premiere: 6. April 2018 (Gastspiel FIND 2019)
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin

Zum Inhalt: Lisette Villa war elf Jahre alt, als sie in einem Erziehungsheim an Erstickung starb, weil eine 90 kg schwere Aufseherin – angeblich »zur Beruhigung« – sie am Boden fixierte und sich ihr minutenlang auf den Brustkorb setzte. Tania Águila starb mit 14 Jahren, als ihr Freund ihr in einem Wutausbruch den Kopf mit einem Stein einschlug. Florencia Aguirre war zehn Jahre alt, als ihr Stiefvater sie mit einer Plastiktüte erstickte, verbrannte und im Holzschuppen des eigenen Hauses vergrub. Nur drei Beispiele genderbasierter Gewalt aus Chile, die unerzählt blieben, weil die Opfer durch den Tod zum Schweigen gebracht wurden und die Überlebenden wenig Interesse daran zeigten, sie an die Öffentlichkeit zu bringen. So werden die Opfer im kollektiven Gedächtnis gewissermaßen ein zweites Mal vergraben.
In »Paisajes para no colorear« betreten neun Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren, allesamt keine ausgebildeten Schauspielerinnen, die Bühne, um die Realität darzustellen: zu berichten, zu kommentieren und in konkreten Situationen zu spielen, womit sie als Frauen im heutigen Chile Tag für Tag konfrontiert sind. Es sind ihre eigenen Geschichten und die von etwa 140 anderen Mädchen und jungen Frauen, die ein Team von Teatro La Re-Sentida bei Interviews und Castings für die Aufführung dokumentiert hat: eine Art empirische Feldforschung, die das Kollektiv gemeinsam mit den ausgewählten Darstellerinnen dramaturgisch zu einem Stücktext verarbeitet hat. Aber auch die Geschichten all derer, die selbst nicht mehr Zeugnis ablegen können, weil sie durch die geschilderten Machstrukturen zu Tode kamen. Die Inszenierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, verschwiegene und gesellschaftlich vertuschte Fälle ans Tageslicht zu bringen, in selbst erlebten Szenen oder auf Basis von kriminalistischen Recherchen rekonstruierte Szenarien als Reenactment nachzustellen, damit zugleich ihre realen Umstände zu überprüfen und zu hinterfragen – und so die dahinterliegenden Phänomene freizulegen, die eine ganze Gesellschaft bestimmen: machistische Gewalt, sexuelle Übergriffe, patriarchale Unterdrückungsstrukturen, genderbasiertes Mobbing und soziale Ächtung.

Mit: Elenco Ignacia Atenas, Sara Becker, Paula Castro, Daniela López, Angelina Miglietta, Matilde Morgado, Constanza Poloni, Rafaela Ramírez, Arwen Vásquez

Regie: Marco Layera
Bühne und Licht: Pablo de la Fuente
Kostüme: Daniel Bagnara
Musik: Tomas Gonzalez
Mitarbeit Dramaturgie: Anita Fuentes, Francisca Ortiz

TRAILER


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Beklemmende Brutalität und feministisches Manifest
  · 07.04.19
Stilistisch und thematisch erinnert die Arbeit von Layera an den Ansatz von Yael Ronen. Autobiographisches und exemplarische Missbrauchsfälle werden zu kurzen Szenen verwoben und mit Musik-Einlagen abgetrennt. Viele der Erfahrungen, über die sich die Mädchen beklagen, sind typische Pubertäts-Erfahrungen, die nicht auf die chilenische Gesellschaft begrenzt sind: Das Mobbing und Slut-Shaming gegen eine Schülerin, die in einer Ecke kauert und konzentriert in die Kamera spricht, während ihre Anklage auf der großen Leinwand übertragen wird, könnte so auch an deutschen Schulen in der Generation Facebook passieren. Auch die Abrechnung mit dem Vater, der sich hinter der Zeitung verschanzt, seine Frau schlecht behandelt und die Tochter ignoriert, zeigt Zustände, wie sie im deutschen Kleinbürgertum durchaus verbreitet waren und z.B. von Rainer Werner Fassbinder oft kritisiert wurden. Ein lesbisches Mädchen kritisiert, dass sie von ihren Eltern und der Gesellschaft in ein Korsett starrer Normen gepresst wird.

Drastischer und härter wird der Abend, als eine Sexpuppe herumgereicht wird und eine Spielerin von der Vergewaltigung einer 10jährigen durch ihren Stiefvater berichtet. Die anderen schlüpfen in altmodische Gouvernanten-Kleider und fordern sie auf, dass sie auf keinen Fall abtreiben darf. Bis vor kurzem hatte Chile eines der strengsten Abtreibungsverbote weltweit. Erst 2017 nach Probenbeginn ließ der Oberste Gerichtshof mit knapper Mehrheit die Abtreibung in seltenen Ausnahmen zu, falls wie hier eine Vergewaltigung vorliegt oder das Leben der Schwangeren bedroht ist.

Beklemmend wird der Abend vor allem durch das Re-Enactment des Todes von Lisette Villa. Sie wuchs in einem Erziehungsheim auf, wurde von einer Aufseherin zunächst fixiert und dann mit der geballten Wucht ihrer 90 kg erstickt. Die chilenischen Mädchen spielen diese Szene mit brutaler Eindringlichkeit nach. Die Wortführerin befiehlt Ange, sich hinzulegen. Alle anderen sollen ihre Pullover ausziehen, sie mit der „Sushi“-Methode darin einwickeln und über den Boden rollen. Alle Spielerinnen setzen sich gemeinsam auf Ange, die zunächst noch entspannt wirkt, unter der Last zunehmend japst und schließlich minutenlang wie leblos daliegt, während ihre Mitspielerinnen betroffen starren, was sie hier angerichtet haben. Im Publikum kullerten einige Tränen und spätestens jetzt war klar, warum „La Re-Sentida“ der Ruf vorauseilt, bis an die Grenzen zu gehen.

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