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Bewertung und Kritik zu

BONJOUR TRISTESSE
von Françoise Sagan / Ulrich Waller
Regie: Dania Hohmann
Berlin-Premiere: 13. September 2017 
Renaissance Theater, Berlin

Zum Inhalt:Mitte der 50er Jahre machte der Erstling der französischen Schriftstellerin Furore. Er wurde das Kultbuch einer ganzen heranwachsenden Generation, wie es Goethes "Werther" war. Die Verfilmung durch Otto Preminger war der Vorlauf der Nouvelle Vague. Der Spur des Nichterwachsenwerdenwollens oder-könnens geht auch die Theaterfassung nach. Ein Problem, das das Buch zeitlos modern macht. Fünf Schauspieler erzählen die Geschichte. Im Mittelpunkt Cécile. Sie bleibt die Erzählerin und die Vertreterin einer Generation, die materiell alles hat, die um nichts kämpfen musste und in ihrer Jagd nach dem Glück die große Leere und Langeweile spürt und dabei dem Lebensgefühl einer Generation, die sich nicht mehr spürt, ganz nahe kommt. "I’ve lost me", singt Juliette Greco im gleichnamigen Song "Bonjour tristesse" für die Verfilmung von Preminger und man hat das Gefühl, sie beschreibt einen gegenwärtigen Befund.

mit Josephin Busch, Anika Mauer, Anneke Schwabe, Uwe Bohm, Metin Turan

Regie: Dania Hohmann
Bühne: Georg & Paul
Kostüme: Susann Günther
Musikalische Leitung: Joscha Farries

Ein Gastspiel einer Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und dem St. Pauli Theater Hamburg.


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Charmantes Monster
  · 17.09.17
Auf der Bühne herrscht unverkennbar Sommer, auch wenn er sich anfangs nur hinter einem Gazevorhang erahnen lässt. Eine malerische Meeresbucht auf Fototapete, ein paar Strandhausmöbel und vor dem halbdurchsichtigen Vorhang lässt uns die 17-jährige Cécile (Josephin Busch) wissen, was für ein schönes Gefühl es sei, traurig zu sein. Und sie erklärt uns die Figuren der Geschichte, bevor sie ihren Vater Raymond (Uwe Bohm) bittet, "den Tag gemeinsam zu riechen" – und sie sich einen langen Kuss auf den Mund geben.
Begeitend lauscht man „Bonjour tristesse“, von Elsa (Anneke Schwabe) melancholisch in´s Mikro gehaucht, kurze Zeit später pellt sie sich verbrannte Haut von der Schulter und dann wird auch schon mehr als deutlich, wie sorglos man in den Tag hinein lebt, was auch die Beziehungen zueinander einschließt. Céciles Vater wechselt selbige alle sechs Monate. Nur die zu seiner Tochter steht nicht in Frage, die beiden sind ein eingespieltes Team, mit inzestuösen Anwandlungen. Sie verbringen ihren Urlaub an der Côte d’Azur und Elsa, gerade mitten drin im Sechsmonatszeitraum, darf auch dabei sein. Baden im Meer, Abende in Strandcafés, Geld spielt keine Rolle, was die Sorglosigkeit einfacher macht bzw. überhaupt erst möglich und das einzige, was Cécile will, ist zu lernen, sich zu amüsieren.
Dann jedoch bricht Anne (Anika Mauer) aus Paris ein in diese Idylle, im Gegensatz zu allen anderen ist sie bodenständig und nimmt sich auch des Lebens von Vater und Tochter an, was Cécile zunehmend weniger gefällt, "sie wird uns unsere sorglose Wärme nehmen". Dabei meint Anne es gut mit ihr, versucht, Ehrgeiz bei Cécile zu entfachen, sie aus ihrer Lethargie zu holen, bis sie sich dann allerdings zu mütterlich-übergreifenden Maßnahmen hinreißen lässt. Und sie hat die Absicht, Raymond zu heiraten.
Cécile fürchtet um ihren sorglosen Lebensstil, schmiedet eine Intrige, die Anne am Ende zurück nach Paris fahren lässt, auf dem Weg dahin kommt sie um´s Leben, es bleibt offen, ob durch Unfall oder Suizid. Cécile resümiert, sie habe wegen ihrer Machenschaften ihre Unschuld und damit ihre jugendliche Unbeschwertheit verloren, "Bonjour, tristesse".
Nach der weltberühmten Romanvorlage von Françoise Sagan hat Ulrich Waller, künstlerischer Leiter des Hamburger St. Pauli Theaters, den Roman für die Bühne adaptiert und diese Fassung 2015 bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt. Nun ist die Inszenierung im Renaissance Theater zu Gast.
Und es ist interessant, wie Regisseurin Dania Hohmann den Stoff inszeniert. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Figuren agieren hölzern miteinander, stehen nicht wirklich in Beziehung, auch wenn Körperlichkeiten eine große Rolle spielen. Vor allem Cécile, die oft aus der Erzählperspektive zum Publikum spricht, führt uns in schnellen Szenenwechseln durch die Handlung, kommentiert sie und erscheint dadurch umso mehr von den anderen abgewandt. Am Ende aber macht die manchmal blutleere Art der Kommunikation nur die innere Leere der Protagonisten deutlich, sie können gar nicht wirklich miteinander agieren, interessieren sie sich doch vor allem für ihr eigenes Seelenleben.
Das Nichterwachsenwerdenwollen oder -können macht diesen Stoff zeitlos, Figuren wie Cécile oder auch ihren Vater wird es immer geben. Auch wenn der nur in drei Wochen niedergeschriebene Roman von der damalig selbst erst 18-jährigen Françoise Sagan seinerzeit gegen alle Konventionen der französischen katholischen Gesellschaft verstieß und einen Skandal auslöste. Drei Monate später erhielt Sagan allerdings schon den „Prix des Critique“.
Ach so, man könnte den Eindruck gewinnen, es stehen nur vier Personen auf der Bühne. Tatsächlich ist da aber noch Cyril (Metin Turan), der Liebhaber von Cécile. Die Beziehung ist harmlos, kommt ebenfalls ohne jede Leidenschaft aus, er wird in Céciles Plan, Anne abzuservieren, Mittel zum Zweck und so ist er auch inszeniert.

Abgesehen von den überzeugend agierenden Darstellern bietet das Stück viel für´s Auge, alles ist im Stil der 50er gehalten, die Kostüme unglaublich chic, französisch eben, es wird viel geraucht ...
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Lebensgefühl Traurigkeit
  · 16.09.17
Er war eine literarische Sensation, der Roman „Bonjour Tristesse“, 1954 veröffentlicht von der damals 18jährigen Französin Françoise Sagan, von größter Anziehungskraft für das Lesepublikum. Gewiss nicht nur des Stils und der Story wegen, sondern eben auch wegen der dort geschilderten erotischen Freizügigkeit - eine für die Zeitgenossen noch ungewohnte Milieuskizze von einem ganz neuen Persönlichkeitsbild und Lebensgefühl.  Der Sohn der Autorin hat kürzlich das Hamburger St. Pauli-Theater autorisiert, die von Ulrich Waller erarbeitete Bühnenfassung der Romanvorlage in einer Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen herauszubringen. Diese Ur-Aufführung ist nun im Berliner Renaissance-Theater zu sehen. 

Auf den spezifischen Reiz der französischen Sprachmelodie muss man in der Übertragung allerdings verzichten. Was von der Romanhandlung übrig bleibt, ist eine längere Folge kurzer Szenen, die jeweils durch Blackout voneinander getrennt sind. Eingangs und am Schluß steht ein Chanson in französischer Sprache, das gleichfalls auf den Begriff der „Tristesse“ Bezug nimmt und von der Schauspielerin der Elsa, Anneke Schwabe, vorgetragen wird. Unterwegs im Spiel setzt ein Instrumentaltrio aus Baritonsaxophon, Querflöte und Schlagzeug behutsam disponierte musikalische Akzente. Das Bühnenbild ist vergleichsweise einfallslos und besteht eigentlich nur aus Gazevorhängen und einer Fototapete. Regisseurin ist Dania Hohmann.

Die Konstruktion der gesamten Handlung ist ebenso einfach wie raffiniert. Schauplatz ist eine Villa an der südfranzösischen Mittelmeerküste. Josephin Busch ist die 17jährige Cécile, die mit ihrem Vater Raymond in einer „fast inzestuösen Vater-Tochter-Beziehung“ lebt, wie Übertrager Ulrich Waller im Programmheft formuliert. Raymond (Uwe Bohm) ist der geborene Frauentyp, und seine oft mit frühreifem Sarkasmus monologisierende Tochter bezeichnet ihn und sich selbst als „Nomaden“. Aus Paris hat Raymond Elsa (Anneke Schwabe) mitgebracht, zu der er sich  hingezogen fühlt, obwohl er solche Beziehungen nach einigen Monaten wieder zu lösen pflegt. Cécile lernt ihrerseits den jungen Cyril (Metin Turan) kennen, der sich später für eine amouröse Intrige bestens einsetzen lässt. 

Das Trio aus Cécile, Raymond und Elsa lebt in heiterer Belanglosigkeit vor sich hin, bis sich Anne (Annika Mauer) ansagt, eine frühere Freundin Raymonds aus verflossener Beziehung. Rasch entwickelt sich aus dieser Besuchssituation ein neues Techtelmechtel, das die angestammte Vater-Tochter-Beziehung zu gefährden beginnt. Auf einmal erklären Raymond und Anne, dass sie heiraten wollen, und nun läuten bei Cécile die Alarmglocken. Sie fädelt eine Verschwörung ein, indem sie absichtsvoll Elsa und Cyril miteinander flirten läßt in der berechtigten Erwartung, dass Vater Raymond es nicht ertragen wird, dass ein anderer seine Freundin Elsa besitzt und sich stattdessen ihr wieder zuwendet. Damit wäre die ältere, von Cécile als gouvernantenhafte Bevormunderin erlebte Anne aus dem Spiel, und das bisherige Leben könnte fortgesetzt werden. 

Gesagt, getan. Alles geschieht wie geplant. Anne streicht daraufhin empört die Segel und steigt zur Heimfahrt ins Auto. Wenig später erhält Raymond die telefonische Nachricht, dass Anne bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist. Die fatale Intrige hat funktioniert, aber an ihrem Ende herrscht Trauer und einer Rückkehr zu einem letztlich als öde empfundenen, allseits gesicherten Leben in gänzlicher, auch sexueller Freiheit steht nichts entgegen.

Im Mittelpunkt des Romans steht die junge Cécile, hinter der man wohl ein frühes Selbstporträt der Autorin Françoise Sagan vermuten darf. Ihre erfrischende, einigermaßen hemmungslose Lebensphilosophie war in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als beispiellos revolutionär erschienen, und das seinerzeit als „Tristesse“ bezeichnete Grundgefühl ist bis heute in der jüngeren Generation  anzutreffen. Wem in jungen Jahren alle Annehmlichkeiten des Lebens zufallen, ohne darum kämpfen zu müssen, sieht im weiteren Leben bisweilen eine von tiefer Traurigkeit geprägte Sinnlosigkeit. 

Viel Beifall vom Publikum der Berliner Premiere für eine Aufführung mit gut ausgewählten, treffend besetzten Schauspielern und eine reizvolle Begegnung mit einem Roman, der vor mehr als einem halben Jahrhundert die öffentliche Moral im katholisch geprägten Frankreich erheblich touchiert hat. 

http://roedigeronline.de
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