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Bewertung und Kritik zu

DON JUAN
sehr frei nach Molière
Regie: Konrad Wolf 
Premiere: 18. Januar 2019 
RambaZamba Theater, Berlin

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Zum Inhalt: Don Juan sehnt sich danach, ein großer Verführer, ein Womanizer zu sein, und will von allen Frauen begehrt und geliebt werden. Er jagt einem Männerbild hinterher, dem er nicht genügen kann. Schließlich muss er mitansehen, wie seinem ärgsten Rivalen all das zufliegt, worum er immer gekämpft hat. Don Juan holt zur letzten Rache aus.
Die Inszenierung erzählt von einer Welt des sexuellen Liberalismus, in der die Freiheit des Systems in einen Zwang umschlägt, ihm zu genügen. Jede*r muss ein Don Juan sein, andernfalls gehört man zu den Verlierern.

Mit: Christian Behrend, Lioba Breitsprecher, Eva Fuchs, Moritz Höhne, Franziska Kleinert, Sebastian Urbanski, Nele Winkler

Regie: Konrad Wolf 
Bühne: Stefanie Seitz
Kostüme: Beatrix Brandler
Dramaturgie: Steffen Sünkel


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Don Juan im Ramba – Zamba – Theater
  · 14.03.19
Im Ramba-Zamba-Theater wird Klassik oft reizvoll umgeformt, verstehbar gemacht und ins Heute transportiert. Dazu geben die Spieler in diesem Theater ihre Erfahrungen als Menschen einer diskriminierten Minderheit dazu, weben sie ein in das Darzustellende. 
Wie oft hört man: „Mit einem Behinderten könnte ich mir Liebe und Sexualität nicht vorstellen!“ Oft traut man ihnen geistig nichts zu, man hält sie vielfach für komisch und blöd. Am schlimmsten ist, dass man sie, in einer sonst abtreibungsfeindlichen Gesetzgebung, einfach abtreiben darf, ihr Leben gilt als nicht lebenswert und wird gleichgesetzt mit einer unheilbaren Krankheit.
Alle Stücke, die hier aufgeführt werden, sind daher auf seltsame Weise gebrochen. Man kann sich wiedererkennen in dieser Gebrochenheit. Man kann lernen,  Solidarität und Wut und Mitfühlen. Ein Theater der Unterdrückten, der Entrechteten, lustvoll-revolutionär, die sich Ausdruck verschaffen.
Am 18. Januar hatte im Ramba Zamba unter der Regie von Konrad Wolf            (Mozarteum Salzburg) das Stück: „Don Juan“ Premiere, sehr frei nach Molière, wird betont. Dies ist die Diplominszenierung des jungen Mannes.  Er hat schon etwa Erfahrung mit dem Thema Sexualität und Behinderung. Sein Stück über dieses Thema, Titel: „Objektiviert uns!“. bekam 2018 in Hamburg den Publikumspreis.
In einem angedachten Schlafzimmer-Kaufhaus mit neun Doppelbetten, liegt Don Juan, (Christian Behrendt) und schläft, sein Bauch bildet eine hingestreckte Kugel. Der Diener, (Sebastian Urbanski), führt ein ins Thema, kommentiert. „Es beginnt, wenn man in einem Laden nach einem Einzelbett fragt“, man „macht sich verdächtig, zu einem, der wohl keine hat, mit der er das Bett teilt“. Zum komischen Kauz, „zum ewig masturbierenden  Außenseiter“.
Don Juan, genussvoll lasziv sich lümmelnd, halbnackt auf dem Doppelbett, prahlt beim Aufwachen wie der molieré sche mit seinen Eroberungen, wird zunächst von Frauen umgarnt, die ihn umschmeicheln, dann von einer herrlich wütenden Elvira (Franziska Kleinert) mit roten Boxhandschuhen bedroht und in die Realität zurück geholt.  Der Diener versucht Don Juan zu überzeugen, dass man beständig bleiben muss, die Liebe nur dann Spaß macht, wenn man bei einer geliebten Freundin länger aushält, bleibt.  Aber sein Herr behauptet, während der Diener ihm die Schuhe zuknöpft, dass solche Liebe eine überholte Sache des 19. Jahrhunderts sei. 
Dann tobt und tanzt er,  ein wenig Baal nachempfunden, ausschweifend, sich auflehnend, frivol- unkonventionell, verschmitzt. Sein Kostüm ( Beatrix Brandler) sehr feminin, wie sonst nur für Frauen vorgesehen, mit freiem Oberkörper, die Brust ein wenig hochgebunden, damit sie zur Geltung kommt, sehr geschickt gemacht. Darüber ein soldateskes Negligee.
Das Ganze wird zu Rolling – Stones – Musik getanzt, gespielt, getobt. Und der Diener kommentiert wieder: „Welch ein Zwang!“. Er macht es anders, er selbst zeigt nun, etwas Abseits, mit einer der schönen Frauen des Don Juan, (Nele Winkler), wie man ohne Zwang zur Sexualität kommt. 
In der Angst vor Elvira stellt sich heraus, dass Don Juan vor allem eines ist, ein Ungeliebter, und eines hat, nämlich das unersättliche Bedürfnis geliebt zu werden. Es geht ihm nicht darum zu lieben, er ist auf der Jagd nach Frauen, die ihn lieben sollen. Er ist wütend, stampft auf wie ein kleines Kind: „Ich will, dass du mich liebst, wie es sich gehört!“  
Liebe aber lässt sich nicht erzwingen. Seine schöne Freundin ( wieder Nele Winkler) hochprofessionell, mit herrlicher Stimmmodulation, ironisierend, karikierend, kontert geschickt: „Ich will alles tun, was ich kann, aber es muss von selber kommen, es muss von selber kommen!“
Dann schmust und knuddelt sie wieder freiwillig und köstlich lachend mit dem Diener herum, der das Zärteln offenbar weitaus besser versteht als Don Juan. 
Auch gehört, wie man jetzt begreift, wohl Don Juan in Wahrheit gar nicht zu den Männern, die von Mädchen und Frauen schnell begehrt werden. Er muss sich bemühen, muss herumkriegen, mit Geld winken, und locken mit Versprechungen. 
Traurig sagt nun Din Juan: „So einen wie mich will keine“ und: „Ich habe es mir ausgerechnet, ich könnte es mir leisten, einmal in der Woche zu einer Hure gehen, aber „ich will das nicht“,  „hab die Hoffnung nicht aufgegeben, dass mich doch mal eine lieben könnte“, er will nicht ewig einsam bleiben. Zu dem Zweck wird ein Online- Fragebogen laut zitiert, eine Endlosreihe möglicher Sportarten wird abgefragt, es wird absurd, sehr witzig! Zum Ende die Frage: „Mit wie vielen hast du schon…, Don Juan blickt auf: „Hab aufgehört zu zählen…“
Man erkennt, dass vielleicht so mancher heutige Mensch etwas von dem hat, was der im Ramba- Zamba- Theater offen ausspricht, nämlich das Leiden unter Einsamkeit. Das Leiden unter dem sexuellen Leistungszwang, sich als Mann oder auch als Frau seinen Wert durch Sexualkontakte beweisen zu müssen.
Der steinerne Gast, der plötzlich donnernd und zischend die Bühne betritt, wird starr mit Maske, aber in Figur und Kostüm als ein  Zwilling des Don Juan präsentiert, dem hängen sich die Mädchen sogleich an den Hals, dem fliegen sie zu, dem scheint zu gelingen, was der andere leider nicht hinbekommt. Es ist der von den Medien aufgebaute Kunstmensch, die personifizierte Erwartung, der innere Dämon, der einem im Nacken sitzt, gegen den niemand eine Chance hat, wächst sich aus zum Drohgespenst. 
So wie im Ursprungsstück der strafende Gottvater, der seinen sündigen Sohn verflucht, so lässt der maskierte „Zwilling“ ( in Figur und Kostüm völlig identisch mit Don Juan) den Don Juan gleichsam schrumpfen und sich ängstlich hinter Betten vor ihm wegducken. Von Mord ist die Rede, der Diener reicht seinem Herrn ein Messer, zeigt in einem Taschenlampentanz die Bereitschaft zu nächtlichem Mord, leuchtet dabei auch ins Publikum, entlarvt, ertastet, fühlt vor.  Doch zum Mord kommt es nicht, Don Juan ist vernichtet, ein Lastwagen überfährt Ihn. Der steinerne Gast geht ab, der Diener hängt sich nun bei ihm ein.  
Sexualität im Spannungsfeld von Behinderung und Nichtbehinderung, von Zwang und Freiheit, im Programmheft, die „Welt des sexuellen Liberalismus, in der die Freiheit des Systems umschlägt in einen Zwang, ihm zu genügen.“  Gegen „eine Sexualität, die ein System sozialer Hierarchie ist.“ (Michel Houellebecq)
Besonders die Frauen haben sehr gelungen-starke Auftritte:  Mutig, selbstbewusst, in Boxhandschuhen oder ohne, immer gelungen!  Und wie Franziska Kleinert als Elvira „Arschloch“ schreit, wie sie es brüllt, wie sie aus sich herausgeht, das geht dem Publikum durch und durch, ist höchste Spielkunst, einfach klasse. Hier findet etwas Bedeutsames statt. Eine lautstarke Aufkündigung der bedienenden  Rolle, so brüllen es die Frauen im Chor Aus sich heraus:   „Wir haben keine Lust mehr auf Eure Männerphantasien!…„Bin nicht deine Puppe!“…“Ohne uns!“…  „Leck mich!“…„Macht Euren Scheiß alleine!“
Das Stück ist sehr gut auf heute übertragen worden, regt zum Nachdenken über die Männerrolle („Zum Mann gemacht, zum Mann  gedrillt!“(Pinar Selek) an, über die Vermarktung und Medialisierung von Sexualität, der man nicht genügen kann: Don Juan: „…bin in meinem Körper gefangen“. 
Und es zeigt heutige, starke Frauen, die die Schwäche im System sichtbar werden lassen. Und einen Macho, der seine innere Angst offen eingesteht. 
Weil die Spieler dazu immer wieder ihre eigenen Erfahrungen als Benachteiligte einbringen, werden sie, wie es Augusto Boal im „Theater der Unterdrückten“ empfiehlt,  zu Lehrern. So muss Theater sein!  Sehr zu empfehlen!

Anja Röhl
http://www.anjaroehl.de
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