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Bewertung und Kritik zu 

WOLFSKINDER
nach Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel
Regie: Ulrike Schwab 
Premiere: 25. Januar 2018 
Neuköllner Oper, Berlin
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Engelbert Humperdincks Hänsel und GretelZum Inhalt: Der Krieg ist vorbei. Doch die Eltern sind fort und ihr Zuhause liegt in Trümmern. Heimat existiert nur noch in der Erinnerung. Die sieben Schwestern haben einen Unterschlupf für die Nacht gefunden; und wo die Vergangenheit bald ebenso zerbrechlich wie die Zukunft erscheint, wird die vertraute Geschichte von Hänsel und Gretel zu einem Zufluchtsort, an dem die Zeit erst einmal stehen bleiben darf. Denn woran sich die Schwestern noch festhalten können, sind die Phantasiewelten aus unbeschwerten Tagen, in denen Märchen und Lieder verlässlich auf sie warten. Mit dem romantischen Biedermeier eines Humperdinck spielen sie gegen das tägliche Dunkelwerden an.

Mit: Angela Braun, Ildiko Ludwig, Isabelle Klemt, Maja Lange, Marine Madelin, Laura Esterina Pezzoli, Amélie Saadia

Musikalisches Arrangement: Tobias Schwencke, Markus Syperek
Regie/Fassung: Ulrike Schwab
Musikalische Leitung und Einstudierung: Markus Syperek
Bühnen- und Kostümbild: Rebekka Dornhege Reyes
Dramaturgie/Fassung: Marion Meyer

 
Meinung der Presse zu „Wolfskinder“

Neuköllner Oper, Berlin


tip
★★★★★

 


WIR EMPFEHLEN

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Aufwertung durch Aktualitätsbezug
  · 26.06.18
In der Oper „Wolfskinder“ der Neuköllner Oper wird Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ mit der Situation der Kinder verschmolzen, die zwischen 1945 und 1948 elternlos, im nördlichen Russland umherirrten.
Dabei werden keine Ruinen gezeigt, keine ausgebrannten Kriegsschauplätze, nicht mal ein Wald, nur ein Wohnzimmer, ein einfaches, bürgerliches Wohnzimmer ist es, in dem sich alles abspielt und das am Ende vom Spiel der Kinder, von ihren Erinnerungen und ihrem Hunger, ihren Aggressionen, ihren Zwangsritualen und ihrer Verzweiflung, von ihren weichen, feinen Gesängen, ihren Spielen mit den  Ausbrüchen von Hass und Angst, gleichsam erfüllt und dann zerstört wird. Kinder als diejenigen, die am schlimmsten trifft, wofür sie am wenigsten können!
Wie sieben Geißlein in einem Haus allein zurückgelassen
Es sind sieben Frauen, de die Kinder spielen, viele davon laut Programmheft musikalische Wunderkinder, mit langjährigen Gesangs- und Spielkarrieren, obgleich sie erst um zwanzig sind, diese sieben spielen die Kinder, sie singen, spielen, tanzen Ballett und immer wieder neue Instrumente aus den Möbelverstecken heraus kramen, auf denen sie ihr eigenes Spiel und ihren Gesang begleiten, eine Meisterleistung! Diese sieben sind wie die sieben Geißlein in einem Haus allein zurückgelassen worden und der Wolf kommt in Form des Krieges und klopft an ihre Türe.
Eine einzige erstarrte Figur
Zu Beginn des Stückes sieht man auf der Bühne, die hier im Mittelteil zwischen zwei Zuschaueraufbauten liegt, nur eine einzige erstarrte Figur in einem durchsichtigen Haus in einem Zimmer stehen, was Gründerzeitmöblierung zeigt. Die Overtüre spielt vom Band und ist durchsetzt mit anschwellenden Kriegsgeräuschen: Schüssen, Kanoneneinschlagen, Sirenen. Das Ganze ist ohrenbetäubend laut. Es zwingt die Kinder unter die Sofas und erst, als es abebbt, kommt eins nach dem anderen wieder hervor.
Kein Haus und keinen Menschen mehr
Textsequenzen aus Wolfskinderdokumentationen zitieren Augenzeugenberichte:  Jedes der „Kinder“ erzählt die Geschichte ihres Verlorengehens: Da ist die Mutter, die vergewaltigt wird und vor einen Panzer läuft, da ist das Kind an einem Bahnsteig, was ins Spiel vertieft die Abfahrt des letzten Zuges nach Westen und die Rufe der Angehörigen verpasst, da ist das andere, das nach einem Bombenangriff kein Haus und keinen Menschen mehr vorfindet, den es kennt. Und wo und wie sie sich verstecken, in Wald- und Blätterhöhlen, dann nach Litauen wandern, bei Bauern Zuflucht suchen, die die letzten Überlebenden gnädig als Arbeitskräfte adoptieren und assimilieren, wie sich die Kinder Essen beschafften aus Pferdekadavertrichtern.
Deren  Seelen zermahlen wurden
Versunkene und mühsam vermauerte Erinnerungen von Kriegskindern, deren Seelen zermahlen wurden.  Dies in Bildern und Sequenzen, die exemplarisch, auf heutige Kriegskinder hinweisen und nicht, niemals kommt einem das typisch deutsche „Vertriebenenschicksal“ in den Blick. Das ist sehr klug gemacht, es geht um zermahlene Kinderseelen, punkt. Nicht nur in Deutschland. Dazu die Operngesänge aus Humperdinck: Fröhlichkeit wechselt mit Aggression, Verlassenheit und Bedrohung wird zum Alptraum.
Leid und Verlorenheit der Flüchtlingskinder weltweit
Ende 2016 waren 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht, erfährt der Zuschauer im Programmheft, davon 50 % Kinder, was haben sie getan? Wie werden ihre Seelen zermahlen? Der Rückgriff auf die Erfahrungen der „Wolfskinder“ wird als Gelegenheit genommen, Leid, Verlorenheit, Verzweiflung, Zerrüttung und Zerstörung sichtbar zu machen, was Kindern durch Kriege geschieht. Kriege, die den Absatz teurer Waren fördern, Kriege, die um des Geldes und des Profits willen initiiert werden, Kriege, die Länder bewusst destabilisieren, die sonst eine Konkurrenz im Ölgeschäft darstellen können, wie sie heute unser Kapital seit Jahrzehnten führen und dies „Friedenssicherung“  nennen.
Sie singen, spielen, wüten und verstecken sich
Die sieben Frauen, die die Kinder darstellen singen aber ja nicht nur, sie begleiten sich auch selbst. In einer überausgeschickten Szenenführung werden die Instrumente immer wie mit Zauberhand irgendwo hervorgeholt, da halten plötzlich alle Sängerinnen jeweils Geigen, Bratschen, ein Cello, Flöten oder Querflöten in den Händen, dann wieder spielen sie nur die Sequenzen aus den Dokumenten nach, erzählen, wüten, verstecken sich, rücken Möbel, stapeln sie auf, bauen sie zur Höhle um.
Aufwertung durch Aktualitätsbezug
Die Verzahnung aller drei Bereiche, Gesang, Schauspiel, Dokumentation- und Instrumentalspiel ist wie eine ununterbrochene Wellenbewegung angelegt, es läuft alles immer wieder neu ineinander. Die Virtuosität der sieben Frauen ist bewundernswert, die Leistung, die sie bringen, ist großartig und sehr berührend. Unbedingt empfehlenswert, nicht nur für Liebhaber der Humperdinck-Oper! Sie selbst erfährt durch den Aktualitäts- und Dokumentarbezug eine unbedingte Aufwertung. Die Märchen-Gesänge der Oper bekommen eine neue, ungewöhnliche Tiefe und Tragik, nie ist mir die Verlassenheit einsamer Kinder je so nah gegangen.

http://www.anjaroehl.de
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