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Bewertung und Kritik zu 

La BETTLEROPERa
Eine Gesellschaftsoper mit John Gay ’s »The Beggar’s Opera« und der Musik von Moritz Eggert
Premiere: 19. Oktober 2017 (Uraufführung)
Neuköllner Oper, Berlin

Zum Inhalt: Signor Peachum hat ein Problem. (Schön, wenn es nur eines wäre). Nicht nur, dass die Organe des Staates andere Vorstellungen über seine beruflichen Erfolge haben, nicht nur, dass seine Frau einen höchst eigenen, sinnlichen Umgang mit dem Personal pflegt; jetzt ist auch noch Tochter Polly durchgedreht: hat hinterrücks MacHeath geheiratet! Nichts gegen diesen ehrenwerten Verbrecher, aber verschleudert man sein/ihr einzig profitables Kapital (Pollys Unschuld) zum Nulltarif? Nun bekommt auch MacHeath Probleme, denn ein toter Schwiegersohn ist für Signor Peachum immer noch besser als ein lebendiger (apropos, woher kommt eigentlich diese Famiglia: aus Kalabrien? Palermo??). Und schließlich haben auch Gefängnisdirektor Lockit und seine Tochter Lucy einige Rechnungen offen mit MacHeath und der sauberen Familie Peachum …

Von Balletto Civile (I), Neuköllner Oper und Freiraum Syndikat

 


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Politisch eine absolute Katastrophe, tänzerisch nicht besonders
  · 11.11.17
Wie kann es sein, dass ein Stück in der Neuköllner Oper scheinbar modern inszeniert sein soll, aber keine Rücksicht auf Diskriminierung nimmt? Es ist mir klar, dass es nicht leicht ist, wenn man ein Stück aus dem 18.Jahrhundert inszeniert, "politisch korrekt" vorzugehen, aber es ist doch wohl das mindeste, das
1. Nicht nur heterosexuelle Paare auftauchen( Hintergrundtänzer, sowie Hauptdarsteller), es hat sich um ein Bordel gehandelt und man hat in verschiedenen Szenen mindestens zwanzig Menschen im Hintergrund rummachen sehen, ausschließlich Heterosexuelle. Im gesamten Stück! Und das trotz unendlich vieler Sexszenen von Statisten etc. Und das hat nicht mal was mit einer modernen Inszenierung zu tun, unterschiedliche sexuelle Orientierungen sind zeitlos und wurden in Bordellen auch im 18. Jahrhundert ausgelebt.
2. Dauernd Klischees propagiert werden, durch verschiedene Aussagen, Gesten und leider auch durch die Songtexte in den "modern inszenierten" Liedern ( Männer sind stark, kaltherzig und ihren Trieben ausgeliefert; Frauen sind übersensibel, schwach, naiv, hinterhältig und wertlos ohne Männer)
Auch die Gleichsetzung von Frauen mit „Huren“ und die Darstellung von Sexarbeiterinnen als durch und durch hinterlistige Wesen fand ich erschreckend, vor allem der ständig verallgemeinernde Faktor ist problematisch gewesen, durch Aussagen wie "Diamonds are a whores best friend". Die Tatsache, dass im Originalstück Sexarbeiterinnen vorkommen, hat der Regisseurin wohl zu sehr gefallen, denn leider hat sie sich darin so vertieft, dass das Stück von einem eigentlich gesellschaftskritischem, zu einem absolut diskriminierenden Stück wurde, das Gegenteil der Uridee der Bettleroper von John Gay.
Ich würde vermuten, dass die Regisseurin provozieren wollte und vielleicht dachte, sie müsste das ganze so stark überziehen, als das es Menschen die Augen öffnen würde. Leider wurde das weit verfehlt. Im Endeffekt hat das Publikum schallend gelacht über jeden sexistischen Witz, über jede Erniedrigung von Geschlechtern und jedes Klischee. Leider war es kein schallendes Lachen über die Absurdität, sondern ein Lachen das einen erschreckend zustimmenden , geradezu legitimierenden Charakter bezüglich Sexismus hatte. Ich habe während des ganzen Stückes auf die bahnbrechende Wendung gewartet, die den politischen Gehalt der Oper wiederherstellt. Leider kam diese Wendung nicht und ich muss sagen, das solche Inszenierungen Klischees und Diskriminierung  verstärken, denn viele Zuschauer die sich damit nicht stark auseinandersetzen, sehen darin nur Unterhaltung und empören sich nicht über die fatale Darstellung der "wertlosen" Frau und des "triebgesteuerten, kaltherzigen" Mannes und über die generelle, verallgemeinernde Zuordnung von Charakterzügen zu Geschlechtern.
Mit Fetischoutfits und abstrusen Sexszenen auf modern machen und provozieren wollen, aber gleichzeitig so veraltete Klischees derart zu unterstützen und null zu kritisieren, das fand ich schwach.
Und dass man es am Ende noch versucht hat zu retten, indem die Sexarbeiterin auf einmal über Grenzverteidigung spricht um irgendwo sich einen politischen Wert herbeizuziehen, war einfach nur lächerlich. Wie kann man so eine Aussage noch ernst nehmen, wenn im 21. Jahrhundert, dass ganze Stück über, Männer und Frauen und Sexualität nicht mal ansatzweise gerecht dargestellt werden?
Abgesehen vom politischen, fand ich die tänzerische Leistung leider auch nicht besonders, es gab nur wenige, schwache Choreographien. Und vielleicht höchsten zwei Gruppenchoreographien in denen alle die gleiche Choreo tanzen. Vom musikalischen fand ich das Orchester hervorragend und Ciraulo als Hauptdarsteller hatte eine sehr gute Stimme, auch Chiarello hatte eine sehr kurze Sequenz in der man sie mal im Solo gehört hat, auch eine wunderbare Stimme. Die anderen Sänger fand ich im Solo leider nicht besonders gut. Die Gruppengesänge waren jedoch wunderbar! Mehr ausdrucksstarke Choreographien des gesamten Ensembles gemeinsam und mehr chorale Gesänge des gesamten Ensembles hätten dem Stück sehr viel mehr Funke und Mucialcharakter gegeben.
Die Kostüme und das Bühnenbild fand ich hervorragend, die gewollt provokativ, grotesken Sexszenen fand ich teilweise leider ein wenig lächerlich. Das Schauspieler und Tänzer aus der freien Szene mitgespielt haben fand ich ganz, ganz klasse! Es waren schöne Lieder und tolle Darsteller dabei(Chiarello fand ich ganz klasse), aber das Gesamtwerk hat mich leider mit einem Gefühl zurückgelassen, dass ich nicht wusste ob ich darüber lachen oder weinen soll, das es erlaubt ist so ein Stück in dieser Art und Weise aufzuführen.
Alles in allem kann man wohl sagen, dass Oper natürlich immer eine Geschmackssache ist, aber die politische Korrektheit ist keine Geschmackssache sondern sollte gerade in der heutigen Zeit und gerade in der Theaterszene als selbstverständlich gelten und ist auch wirklich unschwer einzubauen. Und dann auch noch bei der Bettleroper, deren Sinn und Zweck der politische Gehalt ist.
Gerade ein Bordell gibt doch die perfekte Plattform für vielfältige Sexualität vor. Man kann nicht 80% des Stückes Sexszenen darstellen aber plurale Sexuelle Preferenzen und Orientierungen vollkommen außen vor lassen.
Ich bin eigentlich ein Fan der Neuköllner Oper, deshalb schreibe ich diese Kritik, um euch daran zu erinnern wofür die Neuköllner Oper doch eigentlich steht und wofür sie sich vor allem einsetzen sollte.
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  · 20.10.17
''Moritz Eggert hat nicht weniger als 28 Songs neu geschrieben, um – über Brecht/Weill keck hinwegspringend – das Bierfass dieser Vorlage noch mal neu aufzumachen. Vom Weill-Erbe kommen die Songs trotzdem nicht los. Schon Brecht haderte mit der dürftigen Handlung der Vorlage. Schieber-Tochter Polly will heiraten – und macht so alle redlichen Vorsätze der Eltern, ihre Tochter zu einer Kriminellen zu erziehen, zunichte. Regisseurin Michela Lucenti bleibt mit Lack, Stiefeln und Melonen gleichfalls dem Schwarz-Weiß-Expressionismus der "Dreigroschenoper" verhaftet. Auch dass wir einen "Musiktheatertanz" (so der Untertitel) erleben, ist bloße Neuheitsbehauptung. Zwar diffundieren die Choreographien leicht über einzelne Tanzszenen hinaus; es wird aber trotzdem nicht mehr daraus als ein Song-Spiel mit gesteigerten Tanz-Befall. Wie man überhaupt, indem man wieder mal ganz was Neues wagt, den ältesten Klischees in die weit geöffneten Arme fällt.'' schreibt Kai Luehrs-Kaiser auf kulturradio.de
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