Berlin Karl-Marx-Platz

Bewertung und Kritik zu

BERLIN KARL-MARX-PLATZ 
von Hakan Savaş Mican (Text), Jörg Gollasch (Musik)
Premiere: 9. Oktober 2021 
Neuköllner Oper, Berlin

Zum Inhalt: 1990 ff. Mauern fallen, Systeme gehen kaputt, Grenzen werden neu gezogen und ein Junge aus Neukölln verliebt sich in ein Mädchen aus Marzahn. Cems Mutter Esma, eine Fabrikarbeiterin, hat große Pläne mit ihrem Sohn. Er soll es im Leben einmal besser haben als sie. Gaby, ein ehemaliger Opernstar der DDR, will, dass ihre Enkelin Lisa an den größten Opernhäusern der Welt singt. In Gabys Traum kommt eine Liebesgeschichte mit einem „Mohammedaner“ nicht vor. So nehmen also Lisa und Cem ihre eigene Lebensfahrt auf, in einer besonderen Stadt und zu einer Zeit, die vieles möglich macht und in der sich vieles entscheiden wird. Die Liebe wächst, doch ihre Protagonist*innen auch. Lisa und Cem müssen sich neu orientieren, lösen sich von Familientraditionen und suchen für ihre Träume Anschluss an ein komplett neues System. Nach einer Dekade wird das Leben und seine Zwänge sie an einen Punkt gebracht haben, an dem es kein Miteinander mehr gibt.

Mit Alida Stricker, Hasan Hüseyin Taşgın, Rita Feldmeier, Berivan Mara Kaya Und Den Musiker*innen Peer Neumann (Klavier), Lukas Fröhlich/fabian Engwicht/isabelle Klemt (Trompete & Violoncello), Natalie Plöger/Manuel Zacek (Kontrabass), Wassim Mukdad (Oud), Lizzy Scharnofske/philip Dornbusch (Percussion) Und Fabiana Striffler/Meike-Lou Schneider (Violine)

Regie & Textfassung: Hakan Savaş Mican
Komposition/arrangements: Jörg Gollasch
Dramaturgie: Holger Kuhla
Bühnenbild: Alissa Kolbusch
Kostümbild: Marcus Karkhof
Videos: Sebastian Lempe


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Vielschichtige, beschwingt-melancholische Inszenierung
  · 12.10.21
''Hasan Taşgın spielt Cem. Er ist in Neukölln geboren und bringt Street Credibility mit, aber er ist auch jemand, der viel ausstrahlt, ohne viel zu machen. Den Konflikt des Sohnes, der seine Mutter liebt und zugleich von ihr weg will, zeigt er mit einem verzweifelten Kopfnicken, und wenn er Lisa begegnet, beginnen seine Augen zu strahlen. Er ist von einer so gewinnenden Fröhlichkeit, dass Alida Stricker als Lisa neben ihm fast spröde wirkt. Und auch die Elternfiguren überzeugen: Berivan Kaya gibt Cems Mutter eine verträumte Melancholie, Rita Feldmeier als Lisas Großmutter ist schroff und hart. Potsdamer Theatergänger:innen kennen sie vom Hans Otto Theater. Wenn sie auftritt, ist eine kalte Grundspannung da.

Der Regisseur hat mit diesen unterschiedlichen Temperaturen und Energiepegeln geschickt gearbeitet. Die Stimmungen wechseln, die Szenen gehen rasant ineinander über – bis zum überraschenden Schluss. Hakan Savaş Mican ist eine vielschichtige, beschwingt-melancholische Inszenierung gelungen.'' schreibt Oliver Kranz auf rbbKultur
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Berlin Karl-Marx-Platz
  · 24.10.21
Von Hakan Savas Mican, Hausautor des Berliner Gorkitheaters, Spezialist für politisches- (https://www.gorki.de/de/schwarzer-block) und Literaturtheater (https://www.gorki.de/de/die-nacht-von-lissabon), das er mit heutigen Problemen verwebt, wird momentan ( Premiere 9.10.21) das Kammerspiel: „BERLIN Karl-Marx-Platz – Ein Liebeslied“ in der Neuköllner Oper gegeben. Auf einer Bühne, wo die Musiker in gebührenden Abständen sitzen, spielen drei Frauen und ein Mann eine Familiengeschichte im Berlin der 90er Jahre, die von Filmsequenzen und Chansons begleitet wird. Die Musiker (Trompete, Gitarre, Violonchello, Oud, Kontrabass, Percussion und Klavier) nehmen ab und an auch Statistenrollen wahr.
Die Familiengeschichte ist so seltsam wie unbegreiflich: Ein Deutschtürke, Cem, der zweiten Generation verliebt sich in ein DDR-Mädchen, Lisa, aus Marzahn. Er ist Sprayer, sie vertickt Zigaretten, für beide haben seine Anne und ihre Oma andere Pläne, sie soll Opernsängerin, er soll Arzt werden, wie sie einen eigenen Weg finden, bzw. daran scheitern, ist der Inhalt des Stückes. Der aufklärerische Wert des Stückes in der zwangsweisen Verbindung komplett gegensätzlicher und oft sogar verfeindeter sozialer und historisch vollkommen unterschiedlich entwickelter Herkunfts-Gruppen ist eine gute Idee, das Stück aber leider in vielen Teilen zu gewollt und plakativ. Die Schauspieler (Lisa: Alida Stricker, und Hasan H.Tasgin) dazu Berivan Mara Kaya(Ana) und Rita Feldmüller (Oma), spielen dabei richtig gut, ihre Figuren sind glaubwürdig gestaltet, behalten immer ihre Würde, sind realistisch angelegt.  Das Problem ist die fehlende Verdichtung, das dramaturgische Auseinanderfallen der einzelnen Erzählblöcke und die Lieder. Die Instrumentalmusik ist sehr gut, die Lieder leider zum Fremdschämen kitschig.  Das ist sehr schade, obgleich die Texte von großen Dichtern (Nazim Hikmet, Rainer Maria Rilke, Orhan Veli Kanik) stammen. Aber ein Mensch kann nicht alles sein: Regisseur, Filmautor, Literaturkenner, Politischer Theatermacher und Chansonnier.  Was schade ist, klar, man möchte gern alles sein, aber in diesem Fall sind jedenfalls bei den Liedern Melodie und Texte oft nicht passend aufeinander abgestimmt und ausgesucht worden, daher wirkt deren Darbietung, trotz guter gesanglicher Fähigkeit, theatralisch und unecht. Aber die ganze Familiengeschichte wirkt, als sei sie zu sehr am Reißbrett entstanden. Man kann alles voraussehen. Es gibt keine Höhepunkte, die Figuren bekommen keine tiefgründige Struktur, sie bleiben an der Oberfläche. So fragt man sich, was ist da eigentlich gespielt worden? Und warum spielt das Kind so überhaupt keine Rolle? Die Karrierebesessenheit der Lisa wird in zig Variationen durchgespielt, die Weiterentwicklung des Cem ist ein ewiges Scheitern, bald gibt es Im Ablauf Längen, Langeweile.  Das Ganze soll auch noch eine Berliner Heimat-Trilogie werden. (Berlin Oranienplatz, Berlin Kleistpark)
Trotzdem gibt es einzelne, sehr originelle Szenen, diese gehören zu den stärksten Teilen des Stückes: Wo sich in den Dialogen zwischen Oma Gabi und Lisa sowie Anne und Cem, die Trauer über die verlorenen Lebensziele der älteren Frauengeneration zeigt und daraus die überbordenden Zukunfts-Wünsche für ihre Kinder erklären.  Unauflösliche Widersprüche, denn die Bürde fremder Lebensziele ist zu groß, sie erdrückt, statt anzuregen.  Aus diesem Stoff hätte man mehr machen können. Sehr schade, denn die Idee ist natürlich super gewesen.  

Anja Röhl
https://anjaroehl.de/
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