Drachenherz

Bewertung und Kritik zu

DRACHENHERZ
von Wolfgang Böhmer (Musik) 
Regie: Mathias Noack, Peter Lund, Neva Howard 
Premiere: 13. Juni 2019 
Neuköllner Oper, Berlin

Zum Inhalt: Günnis Clique ist echt cool. Findet Günni jedenfalls. Sonst ist aber wenig cool in der mitteldeutschen Kleinstadt, die Günnis Clique mit ihren Mutproben terrorisiert. Aber was soll man sonst machen, wenn die halbe Stadt arbeitslos ist und die meisten Erziehungsberechtigten apathisch vor der Glotze sitzen?
Dann kommt Fred. Fred ist anders: Fred hat Ideen und  was im Kopf. Mit Fred macht alles plötzlich mehr Spaß. Und er macht Günni seine Stellung nicht streitig. Fred ist ein toller Gefolgsmann und schon bald Günnis bester Mann in der Clique. Hagen könnte kotzen. Günnis bester Mann war doch immer Hagen. Und wenn einer das Recht hat, Günnis Schwester Jenny den Hof zu machen, dann doch wohl er! Mit einem Wort: Fred geht Hagen schwer gegen die Ehre.
Ehre ist ein wichtiges Thema in DRACHENHERZ. Ehre. Verrat. Und Treue. Keine besonders aktuellen Themen im heutigen Deutschland, möchte man meinen. Aber im Gegenteil. Was man tut, wie man kämpft und vor allem für was – das sind die großen Fragen, die jeder Jugendliche heute an die Gesellschaft stellt. Und seien wir ehrlich: unsere Antworten sind dürftig. Das war bei den Nibelungen noch anders. Da wusste jeder, für was er kämpfte. Im schlimmsten Fall für sich selber. Und Siegfried musste sterben, weil es damals offensichtlich keinen Platz gab für echte Helden auf der Welt. Gibt es diesen Platz heute? Oder müssen die Guten immer noch sterben, weil die Gemeinen es einfach nicht ertragen, so klein im Geiste zu sein? Dieser Frage will DRACHENHERZ nachgehen und hat sich dafür die großartige Geschichte der Siegfried-Sage ausgeliehen, um sie im Hier und Jetzt und vor allem mit den heutigen Mitteln des Musicals nachzuerzählen.

Mit: Florentine Beyer, Tristan Giovanoli, Florian Heinke, Ngako Keuni, Johannes Krimmel, Nicola Kripylo, Karim Plett, Denis Riffel und Timo Stacey und der siebenköpfigen Drachenherz-Band: Gitarre I: Hossein Yacery Manesh | Gitarre II: Johannes Gehlmann/Peter Geltat/Ralf Tonnius | E-Violoncello: Anja-Susann Hammer/Johannes Henschel | Bass: Carsten Schmelzer/Ralph Gräßler/Max Hughes | Drums: Kai Schoenburg/ Stephan Genze/ Michael Joch Keyboards / Synthesizer: Markus Mittermeyer/ Tobias Bartholmess/ Jakob Wundrack | Klavier & Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg/ Tobias Bartholmess

Musikalische Leitung: Hans-Peter Kirchberg/Tobias Bartholmeß
Regie/Choreographie: Mathias Noack, Peter Lund, Neva Howard
Ausstattung: Ulrike Reinhard
Dramaturgie: Christiane Dost

TRAILER


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3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ein Musical über ein bierernstes Thema
  · 14.06.19
''Neben Lund firmiert Choreographin Neva Howard als Co-Regisseurin; ebenso wie Mathias Noack vom Musical-Studiengang der UdK. Komponist Wolfgang Böhmer ("Das Wunder von Neukölln") hat souverän wummrigen, bummrigen Dumpfrock für Sprechchor und Synthie-Septett gesetzt – mit Ausfällen zum Schlagerigen. Es sind alte Hasen, die wissen, wie der deutsche Wald klingt.

Dass Populismus und politisches Übel aus Unaufrichtigkeit hervorgeht, ist sicher richtig. Dass ein Musical über ein bierernstes Thema gemacht wurde: hochachtbar. Dass es voll zündet, würde ich nicht sagen. Sobald man den Siegfried-Stoff wittert, bewegt sich das Werk nicht mehr genug – auch nicht politisch. Dass man trotzdem so animiert aus jeder Berliner Produktion herausginge, kann man sich nur wünschen. Gehenswert ist die Produktion – wie die meisten von Peter Lund – absolut.'' schreibt Kai Luehrs-Kaiser auf rbbKultur
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Tolle Choreographie von Energiebündel-Ensemble
  · 20.06.19
Das große Plus von „Drachenherz“ ist seine überschießende Energie. Es ist eine Freude, dem talentierten Nachwuchs dabei zuzuschauen, wie sie sich in Breakdance- und Hiphop-Choreographien austoben, die sie mit ihrem Professor Peter Lund und Neva Howard einstudieren. Es macht ihnen sichtlich Spaß, sich in ihre Rollen zu werfen, und diese Freude am Spiel überträgt sich auch aufs Publikum.

Der Abend lebt vom Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Charaktere: Als Gegenpol zum Kraftsportler Fred tritt „Brüning“ (Florentine Beyer) auf, die sich als einzige Frau in der Männer-Clique durchbeißen muss und die Jungs zum Schwanzvergleich antreten lässt. „Baktus“ und „Tropi“ (Karim Plett und Timo Stacey) sorgen mit ihrem komischen Talent in dieser sehr freien Bearbeitung der Nibelungensaga für die lustigen Momente.

Für die Neuköllner Oper sind die jährlichen Neuproduktionen, die Peter Lund jeweils mit dem 3. Studienjahr der UdK einstudiert, eine feste Tradition. Diesmal kam das Theater Chemnitz als Kooperationspartner hinzu. Dort hatte „Drachenherz“ schon im März Premiere.

Die Performance der jungen Energiebündel ist in „Drachenherz“ sehr gelungen. Der Plot, den Lund nach den Nibelungen rund um die Themen Freundschaft, Verrat und Fremdenhass gegen Woda (Ngako Keuni) schrieb, ist diesmal nicht so stringent wie seine Vorgänger-Arbeiten. „Kopfkino“ oder „Welcome to Hell“ waren inhaltlich fokussierter, „Drachenherz“ wirkt dagegen überfrachteter und an einigen Stellen so, als ob Peter Lund unbedingt noch weitere Motivstränge in den zweieinhalbstündigen Abend unterbringen wollte.

Der weniger stringente rote Faden ließ den Schauspieler*innen diesmal größere Freiräume, ihr Können in Soli, tollen Gruppen-Tanzszenen und einer sehr präzise einstudierten Chornummer vor der Pause zu zeigen.

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