All right. Good night.

Bewertung und Kritik zu

ALL RIGHT. GOOD NIGHT. 
Rimini Protokoll
 
Regie: Helgard Haug 
Premiere: 16. Dezember 2021 
Hebbel am Ufer (HAU), Berlin 

Eingeladen zum 59. Berliner Theatertreffen (2022)  

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Zum Inhalt: Das Theater ist der Ort der Vergegenwärtigung, der Präsenz und Liveness. Jedes Bühnengeschehen ist durchdrungen von Lebendigkeit. Das Publikum kann sich Sekunde für Sekunde vergewissern: Diese Körper da auf der Bühne sind für mich da, diese Stimme spricht zu mir – jetzt, in diesem Moment. Aber: Was passiert mit dem Theater, wenn für eine Aufführung die Selbstverständlichkeit der menschlichen Präsenz verschwindet? Was bleibt dann übrig? Das internationale Passagierflugzeug MH370 der Malaysia Airlines verschwand am 8. März 2014 mit 227 Passagieren und 12 Crewmitgliedern plötzlich vom Radar. Sein Verschwinden wurde als eines der größten Luftfahrträtsel aller Zeiten bezeichnet – denn es scheint unglaublich, dass etwas so Großes in einer Welt verloren gehen kann, in der vermutlich alles und jeder unter Überwachung steht. Kurz nach dem Verschwinden des Flugzeugs schreibt der Vater der Autorin und Regisseurin seinem Enkel vier Glückwunschbriefe zum Geburtstag. Der Inhalt fast identisch; jeder Umschlag mit Sondermarke frankiert. Ein Jahr später kommt gar keine Karte, der Geburtstag war wohl vergessen worden und irgendwann bekommt diese Vergesslichkeit einen Namen und wird zur Krankheit: Demenz. In “All right. Good night.” zeichnet Helgard Haug das Verschwinden, die Suche und das Ringen mit der Ungewissheit nach − am Beispiel des verschwundenen Flugzeugs und der sich manifestierenden Demenz des eigenen Vaters. Es ist das Protokoll eines unumkehrbaren Prozesses.

Mit: Zafraan Ensemble Musiker:innen Bühne: Matthias Badczong (Klarinette), Evi Filippou (Schlagzeug), Josa Gerhard (Violine), Martin Posegga (Saxophon), Beltane Ruiz (Kontrabass) / Zafraan Ensemble Musiker:innen Aufnahme: Josa Gerhard (Violine), Noa Niv (Posaune), Matthias Badczong (Klarinette), Liam Mallet (Flöte), Martin Posegga (Saxophon), Damir Bacikin (Trompete), Anna Viechtl (Harfe), Adam Weisman (Schlagzeug), Yumi Onda (Violine), Benedikt Bindewald (Viola Tonaufnahme), Maria Reich (Viola), Alice Dixon (Cello), Natalie Plöger (Kontrabass), Florian Juncker (Posaune), Sprecherinnen: Emma Becker, Evi Filippou, Margot Gödrös, Ruth Reinecke, Mia Rainprechter, Louise Stölting, u.a.

Konzept, Text, Regie: Helgard Haug
Komposition: Barbara Morgenstern
Orchester: Zafraan Ensemble
Bühne: Evi Bauer
Video-/Licht-Design: Marc Jungreithmeier
Sound-Design: Peter Breitenbach
Dirigat: Premil Petrović
Arrangement: Davor Branimir Vincze
Technische Leitung: Andreas Mihan
Dramaturgie: Juliane Männel
Outside Eye: Aljoscha Begrich
Recherche / Regieassistenz: Lisa Homburger


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1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Minimalistisches Lesekonzert über Demenz
  · 30.03.22
Wer einen typischen Rimini Protokoll-Abend mit den Expert*innen des Alltags erwartet, geht hier in die Irre. Auch wer mit den Seherwartungen klassischen Sprechtheaters unvorbereitet in dieses minimalistische Lese-Konzert hineingerät, dürfte sich erstmal „im falschen Film“ fühlen, wie ein Sitznachbar bei der Wien-Premiere im Volkstheater raunte.

Zwei Erzählstränge führt Haug an diesem Abend parallel: die sehr persönliche Erinnerung an die fortschreitende Demenz ihres Vaters und die Recherchen zum mysteriösen Verschwinden des Flugs MH 370 vor mittlerweile 8 Jahren über dem Indischen Ozean. Wirklich schlüssig ist die Kombination der beiden Stränge, die ineinander montiert werden, nicht: ja, beide erzählen vom Verschwinden und einem Verlust. Doch der bedrückende, autobiographische Bericht der Regisseurin, wie sie mitansehen musste, wie ihr Vater nach ersten Alarmzeichen wie kleinen Aussetzern immer hilfloser wurde, ist um Längen stärker und eindrucksvoller als der sachliche Bericht über die weitgehend erfolglosen Ortungsversuche nach Trümmern der im März 2014 verschwundenen Boeing.

Die Theatertreffen-Jury ist von „All right, good night“ so überzeugt, dass sie den Abend in die 10er Auswahl einlud. Dies fügt sich ein in die Vorliebe der aktuellen Jury für kleine, oft sehr minimalistische Abende, die in poetischen Suchbewegungen an den Rändern des Sprechtheaters kreisen. Fulminant mit Starpower auftrumpfende Festival-Koproduktionen wie „Richard the Kid and the King“ hatten diesmal keine Chance.

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