Diamante

Bewertung und Kritik zu

DIAMANTE
Mariano Pensotti / Grupo Marea
 
Berlin-Premiere: 16. November 2019 
Haus der Berliner Festspiele

Zum Inhalt: Eine besondere Form von Gesamtkunstwerk aus Schauspiel, Installation und Musik: Mariano Pensotti baut ein Dorf ins Haus der Berliner Festspiele.
Es ist, als würden alle Fragmente von Büchners Stück „Woyzeck“ in einem riesigen Saal gleichzeitig gespielt. Die Besucher*innen bewegen sich zwischen den Spielorten und verknüpfen die Szenen zu ihrem eigenen Stück. Ungefähr so, nur mit einer zeitgenössischen Geschichte, ereignet sich die Aufführung von Mariano Pensottis großer Parabel auf die Entwicklung der argentinischen Gesellschaft: „Diamante“ ist das Modellstück einer Modellgesellschaft. Als Parcours zwischen parallel gespielten und fein aufeinander abgestimmten Szenen erleben die Besucher*innen den Gesellschaftswandel in einer Werkssiedlung am Rande des Dschungels. Sie ist ein besonderer Ort: Vor gut 100 Jahren, so die Fiktion des Schriftstellers, Filmregisseurs und Theatermachers Mariano Pensotti, errichtete sie der deutsche Industrielle Emil Hügel im Norden Argentiniens für sein Kohle- und Stahl-Unternehmen „Goodwind“.
Heute ist Diamante eine Art Dschungel-Silicon Valley, und die Zuschauer*innen dieses Stücks begegnen dessen Einwohner*innen im Festspielhaus zwischen ihren Häusern – sie leben und feiern mit ihnen, beobachten sie über sechs Stunden wie die eigenen Nachbar*innen und sehen, wie sich die soziale Musterstadt im Laufe eines Jahres in einen Ort der Gewalt verwandelt: Gemeinsame Sportübungen und gemeinsames Musizieren werden abgelöst von Raubüberfällen und Fremdenhass. Die stolzen Arbeiter*innen der Fabrik werden allmählich zu Dienstleistenden, das Gemeinsame der Gemeinschaft verfliegt und die Jugend sucht sich ihre eigenen Auswege.

Mit Till Bauer, Niels Bormann, Cornelia Dörr, Marie Eick-Kerssenbrock, Bettina Engelhardt, Martin Horn, Julian Keck, Pavel Kovalenko, Moritz Krainz, Cristián Lehmann Carrasco, Tonio Schneider, Judith Seither, Maximilian Strestik, Jonathan Tribe, Chris Urwyler, Martin Weigel, Michael Witte, Chen Yan u.a.

Text, Regie Mariano Pensotti
Bühne, Kostüm Mariana Tirantte
Musik Diego Vainer
Licht Alejandro Le Roux
Künstlerische Produktionsleitung Florencia Wasser

TRAILER


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2 von 4 Personen fanden die Kritik hilfreich
Plakatives Theater zum Mitlesen
  · 16.11.19
Kolportagehaft erzählt Pensotti vom Niedergang einer Stadt, in der sich alles nur um Geld, Macht und Intrigen dreht. Der Abend folgt mit seinen schnellen Schnitten und Parallelhandlungen zwar dem Erfolgsprinzip der Serien, bleibt aber an der Oberfläche. Die Figuren bekommen kaum Konturen, kommen kaum über Pappkameraden und Thesenträger hinaus, wie z.B. die erfolgreiche Managerin, die zur Stripperin und Putzfrau absteigt. „Diamante“ wirkt so, als ob Simon Stone „Borgen“ und „House of Cards“ überschrieben und auf seine gewohnte Art trivialisiert hätte.

Enttäuschend ist an „Diamante“ vor allem, dass sich kein immersiver Sog einstellt. Die Inszenierung wurde als Teil der „Immersion“-Reihe der Berliner Festspiele koproduziert, fast die gesamte Handlung spielt sich jedoch hinter Glaswänden ab, die das Publikum noch zusätzlich neben den papiernen Figuren auf Distanz halten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Inszenierung ihre These vom dystopischen Niedergang mehr behauptet als spielerisch entwickelt. Das Publikum ist vor allem damit beschäftigt, die deutschen Übertitel mitzulesen: Manchmal sind das einfach nur die Übersetzungen der spanischen Dialoge von den vier Stammkräften aus Pensottis Grupo Manea. Meist sind es aber ellenlange Erklärungen zu den Motiven der handelnden Figuren, zu den Verästelungen des Plots und sehr oft soziologische Diskurse. Bei diesem Parcours durch „Diamante“ wird quasi der komplette Text, der sonst im begleitenden Programmheft stehen würde, zum Bestandteil der Inszenierung und an die Hauswände projiziert. Wer die Texte nicht lesen möchte und sich ganz oft die meist recht blassen Spielszenen und banalen Alltagsdialoge verlässt, verpasst die wesentlichen Schnittstellen des Puzzles.

Bis auf die kurzen Massenszenen am Ende jedes Abschnitts (einer Jubiläumsfeier, einer Kundgebung der linken Protestpartei, die den Konzerninteressen Paroli bieten möchte sowie schließlich der feierlichen Umwidmung der Siedlung zum Disney-Themenpark), bei denen sich Publikum und Spieler*innen mischen, ist dieser Abend statt des erhofften immersiven Erlebnisses vor allem anstrengendes Spruchbänder-Mitlese-Theater mit ständigem Stühlerücken von Station zu Station. Die plakative Botschaft wird frontal und phasenweise zu sehr im Stil einer Telenovela vermittelt statt spielerisch entfaltet.

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