Taylor Mac: A 24-Decade History of Popular Music

Bewertung und Kritik zu

A 24-DECADE HISTORY OF POPULAR MUSIC
Taylor Mac
 
Europa-Premiere: 10. Oktober 2019 
Haus der Berliner Festspiele

Zum Inhalt: Mit 246 Popsongs durch 240 Jahre amerikanischer Geschichtsschreibung: Taylor Macs monumentale Show „A 24-Decade History of Popular Music“ erzählt über vier Abende hinweg eine alternative Geschichte der USA.

Taylor Macs herausragende Pop-Odyssee „A 24-Decade History of Popular Music“ dekodiert anhand von 246 Songs, die zwischen 1776 und heute in den Vereinigten Staaten populär waren, die Gesellschaftsgeschichte des Landes. Das 24-stündige Werk, das in den USA als eines der spektakulärsten Theaterereignisse des Jahrzehnts gefeiert wurde, erlebt im Haus der Berliner Festspiele nicht nur seine Europapremiere, sondern auch die einzige Aufführung dieser ungekürzten Version in Europa. „‚A 24-Decade History of Popular Music‘ ist ein Reenactment, das zeigt, warum Individuen auf lange Sicht Verlierer sind, während Gemeinschaften und Bewegungen, wenn sie kontinuierlich zusammengeführt werden, das Potenzial haben, zu gedeihen und immer gerechter zu werden“, so Taylor Mac. „Ich bin kein Lehrer. Mein Job ist es, Menschen an etwas zu erinnern. Ich erinnere die Zuschauer*innen an Dinge, die sie vergessen, verworfen oder verdrängt haben – oder die andere für sie verdrängt haben.“

Regie, Autor & Performer: Taylor Mac
Dramaturgie: Jocelyn Clarke
Kostüm: Machine Dazzle
Musikalische Leitung & Arrangement: Matt Ray
Co-Regie: Niegel Smith
Bühnenbild: Mimi Lien
Licht: John Torres
Sounddesign: Jimin Brelsford
Choreografische Beratung: Jawole Zollar
Produktion: Pomegranate Arts

TRAILER


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
Allein schon durch seine schiere Länge ist diese musikalische Zeitreise durch die US-amerikanische Geschichte von der Unabhängigkeits-Erklärung von 1776 bis zur Gegenwart ein ungewöhnliches Theatererlebnis.

Drag Queen Taylor Mac lädt zu vier langen Abenden ein, jeder davon zieht sich knapp 6 Stunden und teilweise bis weit nach Mitternacht. Selbst für Castorf- und Volksbühnen-gestählte Zuschauer*innen ist das eine Herausforderung.

Die Performance gleicht schon am ersten Abend einer Achterbahntour: furchtbar alberne Mitmachspielchen stehen neben berührenden, sehr authentischen queeren Momenten. Zunächst zu den Tiefpunkten: Taylor Mac schreckt vor nichts zurück, judy (mit diesem geschlechtsneutralen Pronomen will Taylor Mac angesprochen werden) fordert das Publikum zu einer Polonaise auf, an deren Ende sich die Zuschauer*innen aus der zweiten Reihe wesentlich weiter hinten wiederfinden. Schluss mit den Privilegien, kommentiert judy Zeremonienmeister*in giftig. Nach vier Stunden steht eine Mischung aus Reise nach Jerusalem, Blinde Kuh und Weintrauben-Flirtspielchen auf dem Programm, die viel besser zu einer alkoholisierten Flaschendreh-Party für Teenager*innen passen würde als ins Haus der Berliner Festspiele, wo diese Show ihre Europa-Premiere feiert.

Dass sich der Abend trotz solch skurriler Momente dennoch lohnt, liegt an der Ausstrahlung von Taylor Mac. Jede Stunde durchmisst judy ein anderes Jahrzehnt, schlüpft in ein anderes Kleid, vor dem die Friedrichstadt-Palast-Revue-Girls nur neidvoll erblassen können und plaudert sich durch die US-Geschichte, die sie konsequent aus der Geschichte der Minderheiten erzählt. Die Show setzt einen Kontrapunkt zu den patriotischen Hollywood-Leinwandepen und erzählt aus der Perspektive der Native Americans, der Schwarzen, der Frauen-Bewegung oder queerer Menschen.

Taylor Mac liefert genau den Glamour und die Sentimentalität, René Pollesch und Fabian Hinrichs in ihrer blassen Friedrichstadt-Palast-Revue nur behaupten" rel="nofollow" >die René Pollesch und Fabian Hinrichs in ihrer blassen Friedrichstadt-Palast-Revue nur behaupten. Die kleinen Anekdoten, die Taylor Mac aus New Yorker Bars einstreut, sind wunderbar authentisch, oft sehr erfrischend und stets sehr frech.

Sehr kämpferisch ist die letzte Stunde, zu der alle lesbischen Zuschauerinnen auf die Bühne gebeten werden, singen und tanzen und am Ende ein Dyke Manifest für mehr lesbische Sichtbarkeit verlesen. Taylor Mac und judy Rock-Gitarristin stimmen einen Protestsong an, dass sie sich eine schwarze Frau als US-Präsidentin wünschen, die Kritik am aktuellen Amtsinhaber zog sich natürlich durch die gesamten 24 Stunden, auch wenn er kaum namentlich genannt wurde.

Das wäre ein würdiges Ende für die Zeitreise gewesen. Taylor Mac hängt aber noch eine letzte Stunde dran. Ganz allein sitzt judy auf der Bühne und stimmt auf der Ukulele nach all den Hits des Abends einige selbstkomponierte Lieder an. Mitternacht ist schon vorbei und wie Castorf findet und findet Taylor Mac einfach kein Ende. Bis judy sich still verabschiedet, während das Publikum noch weiter „You can lie down or get up and play“ singt. Dass der Saal nach so vielen Stunden immer noch so voll besetzt ist und die Zuschauer*innen bis zum Schluss mitgehen, war zuletzt bei „Dionysos Stadt“ der Münchner Kammerspiele zu erleben.

Der Erfolg dieses Gastspiels sollte die Berliner Festspiele ermutigen, in nächster Zeit wieder mehr internationale, außergewöhnliche Produktionen einzuladen. Das kam in den vergangenen Jahren, seit die Festivals „Spielzeit Europa“ und „Foreign Affairs“ eingestellt wurden, etwas zu kurz.

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