Maxim Gorki Theater Berlin
Berlin Karl-Marx-Platz
''Der junge Deutsch-Türke Cem verlässt nach Jahren die Moschee in seinem Stadtviertel, um als Street-Art-Künstler durchzustarten. Er entwickelt für eine Graphik-Novell die weibliche Heldenfigur Nefes mit einem magischen Kopftuch, für die sich aber zunächst kein deutscher Verlag interessiert. Cems Mutter (Anastasia Gubareva) die einst in einer Fabrik schuftete und nun als Bauchtänzerin ihr Geld verdient, beschwört ihren Sohn seinen eigenen Weg zu gehen und sich nicht zu verkaufen. Die junge Ostdeutsche Lisa aus Marzahn verkauft im Westteil der Stadt illegal Zigaretten, um sich mit dem Geld ein Gesangsstudium zu finanzieren. Ihr Großvater Paul (Falilou Seck) hatte einst eine Opernkarriere in der DDR, die nach der Flucht von Lisas Mutter in den Westen abrupt endete. Nun besteht seine Ehrgeiz darin Lisa irgendwann auf einer großen Opernbühne zu sehen. Mit Vorurteilen behaftet missbilligt er die Verbindung der beiden, die bald auch schon ein zunächst ungewolltes Kind erwarten.
Von nun an beginnt der Kampf um die Verwirklichung ihrer Träume und die fragile Liebe. Zwischen Pflicht und Selbstverwirklichung reibt sich das Paar immer mehr auf. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben und einer Karriere als Künstler. Während Cem unbeirrt und kompromisslos seinen eigenen Weg geht und das Kind nicht als Hindernis sieht, gibt Lisa schließlich ihr Gesangsstudium auf und verlässt die sie einengende Kleinfamilie, um eine eigene Mode- und Kosmetiklinie in Paris aufzubauen. Ost- gegen West-Sozialisierung, alter gegen neuen Kapitalismus und oller Marx gegen real gescheiterten Sozialismus kennzeichnen die gesellschaftlichen Konflikte dieses Recht interessanten Panoramas einer zusammenwachsenden Stadt.
Das wird nicht ohne Klischees aber durchaus glaubhaft erzählt. Gebrochene Lebenswege dieser Art gab es zu Wendezeiten sicher in beiden Teilen Berlins und ganz Deutschlands. Der Vergleich des immer schon stark postmigrantisch geprägten Westteils Berlins und den Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen Teilhabe dieser Communitys mit den nach der Wende nach neuen Entwicklungsmöglichkeiten suchenden Deutschen im Ostteil der Stadt bildet einen guten Vergleich und Abschluss dieser Berliner Stadttrilogie, die auch diesmal vor allem mit einem gut ausgewählten und emotionalen Soundtrack aufwartet. Mitreißend ist schon der Beginn, bei dem Taner Şahintürk mit Thunderstruck von AC/DC gleich in die Vollen geht. Passend zu Berlin gibt es Musik von David Bowie (Heroes) und Nick Cave (Wheeping Song) aber auch von Queen, Nine Inch Nails (Hurt) oder Metallica (Sad But True). Die Liveband arrangiert das meist mit einem etwas orientalischem Einschlag und die vier SchauspielerInnen können dabei auch in ihren Gesangsparts überzeugen.'' schreibt Stefan Bock am 28. Dezember 2025 auf KULTURA-EXTRA
An eine Soap aus dem Nachmittagsprogramm erinnert tatsächlich der Plot über die Liebe zwischen Lisa aus Marzahn (Sesede Terziyan) und Cem aus Neukölln (Taner Şahintürk). Kurz nach dem Mauerfall finden die beiden trotz aller Widerstände zueinander. Vom Alltagsrassismus, den vor allem Lisas Großvater, ein Staatsopern- und Schubert-Afficionado (Falilou Seck) verinnerlicht hat, über die rassistischen Brandanschläge der 1990er Jahre bis zu dem für viele Ostdeutsche schmerzhaften Prozess, die Regeln des Kapitalismus im Crashkurs zu lernen, packen Mican und sein Team eine Überfülle von Themen in die mehr als zwei pausenlosen Theaterstunden. Und ja, leider trieft hier am Ende auch der Kitsch, wenn die Familie wieder zueinander findet.
Dass sich dieser Abend aber dennoch lohnt, liegt an der musikalischen Qualität des Ensembles und Peer Neumanns Live-Band. Mican kann wieder mit seinem Theatertreffen-Traumpaar Sesede Terziyan/Taner Şahintürk auftrumpfen. Alissa Kolbusch hat ihnen auf die Gorki-Bühne einen Laufsteg gebaut, auf dem sie gemeinsam mit Anastasia Guareva und Falilou Seck zu großer Form auflaufen. „Berlin Karl-Marx-Platz“ wird zur emotionalen Rockoper: Hits und Balladen von Nick Cave, Queen, Nine Inch Nails werden hier in perfekten Arrangements fast im Minuten-Takt abgefeuert.
Wenn Sesede Terziyan ihr „I want it all“ in den Saal schmettert, ist das durchaus programmatisch gemeint. Intendantin Shermin Langhoff und ihr Team biegen auf die Schlusskurve ein, aber nicht mit leiser Wehmut, sondern mit vollem Elan. Im Rahmen des 7. und letzten Berliner Herbstsalons jagt in diesen Wochen eine Premiere die nächste.
„Berlin Karl-Marx-Platz – Ein letztes Liebeslied“ hatte am 1. November 2025 auf der Gorki-Bühne und ist die Neufassung einer gleichnamigen Musical-Produktion, die Mican 2021 für die Neuköllner Oper realisierte. Das Gorki kündigt es auf der Website als zweite Uraufführung „mit neuem Atem, neuem Text, neuer Musik, neuer Besetzung“ an.





