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    Maxim Gorki Theater
    www.gorki.de
    Am Festungsgraben 2 - 10117 Berlin
    Telefon: 030 202210
    SPIELPLAN & KARTEN

    Im Menschen muss alles herrlich sein

    Bewertung und Kritik zu

    IM MENSCHEN MUSS ALLES HERRLICH SEIN
    von Sasha Marianna Salzmann
    Regie: Sebastian Nübling 
    Premiere: 27. Oktober 2023 
    Maxim Gorki Theater, Berlin 

    Zum Inhalt: Der Roman Im Menschen muss alles herrlich sein von Sasha Marianna Salzmann erzählt vom Zerfall eines politischen Systems, von gesellschaftlichen Umbruchzeiten und deren Auswirkungen auf die Lebenswege von den zwei Freundinnen Lena und Tatjana, die in den 90ern die Ukraine verließen und in Jena strandeten, und ihren Töchtern Edita und Nina – die auf je eigene Weise versuchen in der Gegenwart mit dem nahezu unbekannten Erbe ihrer Mütter, mit dem Zerfall des Kolosses Sowjetunion und seinen Nachwirkungen, umzugehen. Über unterschiedliche Umwege, durch Gespräche mit Verwandten, durch Bücher, durch die Arbeit, durch Recherchen im Internet erkennen die Töchter erst nach und nach, was ihre Mütter (und Großmütter) zu den Frauen gemacht hat, die sie heute sind – und stoßen dabei auf zahlreiche unbekannte Flecken, auf Schönes und Schreckliches, auf Vergessenes, auf Verdrängtes, auf Schweigen. »Das Land, in das sie hineingeboren wurden, ist schon amputiert, aber es schmerzt trotzdem noch. Sonst kann man wenig mit Sicherheit sagen.« Ist es noch möglich, fragt sich Nina, mit der eigenen Mutter nicht in der Vergangenheit zu sprechen oder in der Zukunft? Ihr in die Augen zu schauen nur im Jetzt? Sich nicht mehr vorwerfen, was war, oder beklagen, was niemals sein wird? Aber je näher sie herantreten, desto unschärfer scheint das Bild zu werden, desto mehr Fragen tauchen auf.

    In der Reihe »Was mich bewegt« der NZZ, in der wichtige Stimmen der internationalen Literaturszene zu Wort kommen, schreibt Sasha Marianna Salzmann: »›Geheimnisse‹ nennt sich ein ukrainisches Spiel bei dem Kinder ein Loch in die Erde buddeln, alles Bunte hineinwerfen, was sie finden können – blühende Blumen, glänzende Steine, grelle Haargummis, schimmernde Puppenkleidung -, dann legen sie eine Glasscheibe über die Grube, bedecken sie mit Erde und laufen davon. Erst wenn sie sich unbeobachtet fühlen, kehren sie zurück, legen die Stelle wieder frei und betrachten durch das Glas ihre geheimen Schätze.« Nach diesem Spiel hat eine der markantesten Stimmen der heutigen Ukraine, Oksana Sabuschko, ihren 2009 erschienenen Roman benannt: Museum der vergessenen Geheimnisse. Sabuschko führt dieses Spiel auf jene Zeit zurück, als die Bolschewiken die Macht in der Ukraine übernahmen und sich die Menschen gezwungen sahen, ihre Ikonen zu vergraben oder ihren Schmuck, eben alles, was ihnen teuer war.

    Als Sabuschko ein paar Jahre später gefragt wurde, ob es überhaupt sinnvoll sei, die lange verborgenen ukrainischen Geheimnisse auszugraben, antwortete sie, das sei die eigentliche Frage in der ukrainischen Gesellschaft seit der Unabhängigkeit des Landes. Immerhin lebten mindestens zwei Generationen mit dem Schweigen. Das Wesen eines Geheimnisses ist, dass man ahnungslos bleibt, wer sonst noch Bescheid weiß und worüber genau. Auch ob man selbst die ganze Geschichte kennt und ob sie der Wahrheit entspricht, bleibt einem verborgen. Wenn es sich dabei, wie im Fall der Ukraine, um ein historisches Ereignis, um einen Genozid, handelt, dann ist das Geheimnis Teil einer kollektiven Erfahrung, die wie Lava unter einer Kruste des Schweigens fließt.« Der Roman Im Menschen muss alles herrlich sein lässt Raum für diese Geheimnisse – und findet eine Sprache, für die Fragen, die gestellt werden sollten.

    4.0 von 5 Sterne
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    Große Sprach- und Schauspielkunst
    8 Monate her.
    Kritik

    ''Der Abend beginnt deshalb mit einer (satirischen) Autorinnen-Beschimpfung, die vier Frauen finden, sie seien im Roman zu kurz gekommen, müssen nun dem Publikum erzählen, was sie bewegt und verängstigt, warum sie die Heimat verließen, doch hier nie richtig angekommen sind, alle erzählen von Trauer und geplatzten Träumen, buhlen um unsere Aufmerksamkeit und Absolution. Wenn sie sich vom Publikum ab- und einander zuwenden, wird daraus nie ein Gespräch, immer nur ein Keifen und Bellen, werden Vorwürfe und Forderungen laut, will jede das letzte Wort haben.

    Der Eiserne Vorhang, der einst die politischen Systeme teilte, fällt jetzt als Eiserner Bühnenvorhang zwischen die Frauen, mal sind sie davor, mal dahinter, immer wieder heben und fallen Eiserne Vorhänge zwischen die einsamen, isolierten Frauen, die für sich allein singen und einsam weinen. Spät, aber nicht zu spät, finden sie eine gemeinsame Sprache, können verzeihen und vergessen: Der Eiserne Vorhang zerfasert und öffnet einen Raum, der die Polyphonie der Stimmen in harmonischen Gleichklang und gemeinsames Erzählen verwandelt.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur

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    Salzmanns Roman sperrt sich gegen eine Bühnenfassung
    8 Monate her.
    Kritik

    Schon bei der Hamburger Uraufführungsinszenierung wurde deutlich, wie schwer es ist, eine Spielfassung aus dem Roman zu destillieren. Die knapp 400 Seiten bestehen vor allem aus Monologen. Salzmanns zentrales Thema ist die Sprachlosigkeit der vier Hauptfiguren, die vor allem übereinander und aneinander vorbeireden.

    Sebastian Nübling, der am Gorki Theater mit den energiegeladenen Sibylle Berg-Stücken Triumphe feierte, und sein Team reagieren auf diese herausfordernde Situation, indem sie gar nicht erst versuchen eine dialogische Fassung zu entwickeln. Die vier Frauen wechseln sich mit wenigen Ausnahmen, in denen sie miteinander sprechen, in Monologen an der Rampe ab. Leitmotivisch senken sich die schweren eisernen Vorhänge auf der von Evi Bauer gestalteten Bühne: sehr plastisch, aber auch ein wenig zu plakativ stehen sie für die Abschottung und Kontaktlosigkeit der Protagonistinnen.

    Anastasia Gubareva legt Tatjana als klischeehaft stark geschminkte Ex-Sowjetbürgerin mittleren Alters und darf ihre tolle Stimme in dem mehrmals eingestreuten „Harlekino“-Ohrwurm von Alla Pugatschowa präsentieren. Yanina Cerón trumpft als girliehafte junge Journalistin und Salzmann-Alter ego Edita auf. Etwas zurückhaltender legen Lea Draeger als Lea, die zweite Vertreterin der jungen Generation, und Çiğdem Teke als Tatjanas Altersgenossin Lena ihre Rollen an.

    In den 90 Minuten geballter Monologe blitzt zwar ab und zu Salzmanns unbestrittene sprachliche Brillanz auf, aber ein Spielfluss will sich an diesem Premieren-Abend nicht einstellen, obwohl Shermin Langhoff nicht nur einen bewährten Regisseur, sondern auch vier ihrer besten Kräfte an die Rampe schickt.

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