Mutter Courage und ihre Kinder

Bewertung und Kritik zu

MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER 
von Bertolt Brecht
Regie: Oliver Frljić 
Premiere: 9. Oktober 2022 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Zermürbt vom ereignisarmen Provinzleben, träumen sich die Generalstöchter Olga, Mascha und Irina in eine erfüllte, sinnvolle Zukunft und klammern sich an längst vergangene Kindheitstage in Moskau. Die Gegenwart bleibt ungelebt. Nichts bewegt sich; nur die Zeit vergeht, und mit ihr die Hoffnung auf ein besseres Leben.

In der Gegenwart der späten DDR traf Tschechows berühmtes Drama den Nerv des Publikums. Stillstand, Kleingeist, Begrenztheit – das kannten die Leute, und hegten ihr eigenes, unerreichbares »Nach Moskau!«. So avancierte Thomas Langhoffs Inszenierung der Drei Schwestern am Maxim-Gorki-Theater (Premiere 1979), mit Monika Lennartz, Ursula Werner und Swetlana Schönfeld in den Titelrollen, zum echten Theater-Hit. In 157 Vorstellungen wurde leidenschaftlich gelitten und grotesk gesehnt.

Regie: Oliver Frljić 
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Katrin Wolfermann
Musikalische Leitung: Daniel Regenberg
Dramaturgie: Simon Meienreis, Johannes Kirsten


 

Meinung der Presse zu 

„Mutter Courage und ihre Kinder“

Maxim Gorki Theater


Deutschlandradio
★★★☆☆

rbbKultur
★★★★☆

Nachtkritik
★☆☆☆☆


Berliner Zeitung
★☆☆☆☆

Tagesspiegel
★★☆☆☆

 

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Hochgeschwindigkeits-Strichfassung erstarrt in Ideenlosigkeit
  · 12.10.22
Hier haben sich zwei gefunden, sollte man meinen. Die Provokationslust des kroatischen Regisseurs Oliver Frljić und der widerständig-empowernde Geist des Gorki Theaters scheinen wie füreinander geschaffen. Eine vielversprechende Entscheidung, dass Frljić seit dieser Spielzeit zum künstlerischen Co-Leiter neben Shermin Langhoff aufgestiegen ist!

Aber es ist ein Rätsel, warum Frljić, der an anderen Häusern für Furore sorgte, am Gorki – vielleicht abgesehen von „Ein Bericht für eine Akademie“, das von Jonas Dasslers vollem Körpereinsatz lebte – nur mittelprächtige bis maue Inszenierungen abliefert. Das gilt leider auch für Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“, das als Mittelteil von Frljićs Kriegstrilogie am vergangenen Wochenende Premiere hatte.

In Hochgeschwindigkeit pflügen sich sechs Spielerinnen des Hauses vorne an der Rampe durch eine Strichfassung des Klassikers. Auf die ansonsten leere Bühne lässt Igor Pauška unzählige Stoffpuppen als Leichen aus dem Schnürboden herunter baumeln. Mal schreiten die Frauen über einen Catwalk, mal deuten sie an, wie sie den Planwagen der Marketenderin hinter sich herziehen. Doch es bleibt bei wenigen spielerischen Ansätzen, die 90 Minuten bleiben ideenlos und wirken wie in einem Korsett erstarrt.

Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
''Das Tarnnetz macht die Courage über den ganzen Abend kenntlich, da die Rolle von Bild zu Bild auch wechselt. Das Ensemble ist wieder rein weiblich besetzt und dazu recht international, was natürlich auch gut zum Stück passt. Frljić legt den Fokus auf die Szenen, in denen die Courage um ihre Ware handelt und dabei auch um das Leben ihrer Kinder feilscht, was im Fall des Schweizerkas dann auch schief geht. Ein düsterer Bescheid auf die Titelfigur, die auch mal „Hyäne des Krieges“ genannt wird, und die Verhältnisse, die sie dazu zwingen. Da werden Leichen gefleddert und eine Babypuppe im Eimer herumgereicht. Genauso düster ist die Bühne von Igor Pauška, die meistens leer nur durch die Leichenpuppen, die auch mal von der Decke hängen, bevölkert wird. Sehr plakativ auch ein Reigen von Särgen. Frljić bleibt sich da treu, die Schrecken des Krieges auch immer wieder so zu bebildern.

Er lenkt aber fast noch mehr als Brecht mit der Besetzung explizit den Blick auf die Frauen im Krieg. Einzige Fremdeinspielung ist ein arabisches Lied, das neben dem Lied der Courage (Musik: Paul Dessau) zu hören ist. Die Musik kommt hier vom Band in einer recht düsteren Elektro-Version. Daneben setzt Frljić aber auch auf einige Originaleinspielungen der Brecht-Inszenierung mit Helene Weigel als Mutter Courage. So endet der Abend mit ihren Schlussworten aus dem Off: „Ich muß wieder in'n Handel kommen.“ Der Abend zeigt den Krieg als „Einnahmequelle“ aber auch sehr eindrücklich als großes Elend für die Zivilbevölkerung. Mehr Gegenwartsbezüge braucht es da nicht.'' schreibt Stefan Bock am 10. Oktober 2022 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.