Drei Schwestern

Bewertung und Kritik zu

DREI SCHWESTERN 
von Anton Tschechow
Regie: Christian Weise 
Premiere: 1. Oktober 2022 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Zermürbt vom ereignisarmen Provinzleben, träumen sich die Generalstöchter Olga, Mascha und Irina in eine erfüllte, sinnvolle Zukunft und klammern sich an längst vergangene Kindheitstage in Moskau. Die Gegenwart bleibt ungelebt. Nichts bewegt sich; nur die Zeit vergeht, und mit ihr die Hoffnung auf ein besseres Leben.

In der Gegenwart der späten DDR traf Tschechows berühmtes Drama den Nerv des Publikums. Stillstand, Kleingeist, Begrenztheit – das kannten die Leute, und hegten ihr eigenes, unerreichbares »Nach Moskau!«. So avancierte Thomas Langhoffs Inszenierung der Drei Schwestern am Maxim-Gorki-Theater (Premiere 1979), mit Monika Lennartz, Ursula Werner und Swetlana Schönfeld in den Titelrollen, zum echten Theater-Hit. In 157 Vorstellungen wurde leidenschaftlich gelitten und grotesk gesehnt.

Regie: Christian Weise 


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Veralberung einer prägenden Inszenierung
  · 30.10.22
Während auf den krisseligen Bildern Ruth Reinecke, Monika Lennartz und Ursula Werner seufzen und leiden, sich voller Pathos „Nach Moskau!“ sehnen, imitieren die meist jungen Gorki-Spieler in froschgrünen, hautengen Ganzkörperanzügen vorne ihre Gesten und Tonlage. Der hohe Ton und feinfühlige Realismus, mit dem damals Peter Stein an der Schaubühne in Berlin-West oder Thomas Langhoff am Maxim Gorki Theater in Berlin-Ost zelebrierten, wirkt aus heutiger Sicht vier Jahrzehnte später gewöhnungsbedürftig. Die Theatermoden sind über die damaligen Spielweisen hinweggegangen, es dauert seine Zeit, sich in den Duktus einzuhören. Aber dieses Live-Reenactment auf der Gorki-Bühne gibt die damalige Inszenierung, die zwischen 1979 und 1993 sage und schreibe 157 mal auf dem Spielplan stand, der Lächerlichkeit preis und veralbert sie. Wenn sich die VHS-Kassette zwischendurch aufhängt, flitzen alle Froschmänner zum Recorder und pusten den Staub weg, bis das Gerät wieder funktioniert.

Der interessanteste Teil der Reenactment-Persiflage ist das Video-Interview mit den drei prägenden Spielerinnen der Gorki-Theater-Geschichte. Sie dürfen einige nachdenkliche Sätze zur damaligen Situation, zu den enttäuschten Hoffnungen, zu Sehnsuchtsorten und zum Kristallisationspunkt Moskau sagen. Aber nicht mal diese Sätze lässt Regisseur Christian Weise für sich wirken, auch diese Passagen werden von den Gorki-Spielern, die mittlerweile keine Frosch-Anzüge, sondern Frauenkleider im Stil des 19. Jahrhunderts tragen, nachgesprochen und ironisch gebrochen, wie Gabi Hift zurecht kritisierte.

Der Erkenntnisgewinn der Unternehmung bleibt sehr gering, ihr Unterhaltungswert ist Geschmackssache.

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''Zum Film selbst wäre einiges zu sagen. Es spielen hier u.a. auch heute noch recht bekannte BühnendarstellerInnen wie Monika Lennartz, Ursula Werner, Swetlana Schönfeld, (als Olga, Mascha und Irina) Ruth Reinicke (Natascha), Klaus Manchen (Andrej), Jörg Gudzuhn (Werschinin), Frank Lienert  (Tusenbach), Uwe Kockisch (Soljony), Hilmar Baumann (Kulygin) oder Lotte Loebinger (Anfissa), denen man hier nun etwas respektlos über den Mund fährt. In ein paar Szenen sind sie aber doch noch selbst im O-Ton zu hören. So auch der 2012 verstorbene Regisseur in einer Zwischeneinblendung. Langhoff spricht hier von Tschechow als „Erfinder eines neuen Theaters“, ein „Revolutionär“ eines Theaters, dass es „bis dahin nicht gegeben hat“, aber auch, dass trotz des gleichen Konzepts im Film „sich doch Etliches verändert hat, weil wir uns verändert haben“.

Und das wäre eigentlich eine Idee wert gewesen. Umsonst nimmt Weise ja auch nicht diese Überlegungen mit in seine Inszenierung. Aber außer, dass er Monika Lennartz, Ursula Werner und Ruth Reinicke in einem weiteren Zwischenspiel zu Wort kommen und aus ihrer heutigen Sicht über die Dreharbeiten erzählen lässt, passiert nichts. Da wird über Sehnsucht, Freiheit und was sich davon auch im Hinsicht auf die Wende erfüllt hat, gesprochen. Der Ruf sehnsuchtsvolle Ruf „Nach Moskau!“ hatte zu DDR-Zeiten noch eine ganz andere Bedeutung und hätte auch „Nach Paris!“ lauten können. Das hat sich sicherlich erfüllt, aber andere Hoffnungen auf Veränderungen wurden auch enttäuscht, wie Ursula Werner erklärt. Das spiegelt sich zumindest in der Aussage des Syrers Kinan Hmeidan über das Scheitern des arabischen Frühlings. Dass auch hier die Weise-Darsteller vor der Leinwand die Texte synchron mitsprechen müssen, erschließt sich einem aber überhaupt nicht.'' schreibt Stefan Bock am 4. Oktober 2022 auf KULTURA-EXTRA
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