Mother Tongue

Bewertung und Kritik zu

MOTHER TONGUE 
von Lola Arias
Premiere: 11. September 2022 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Im Jahr 2022 ist das Recht zu entscheiden, wann und wie man Mutter wird, immer noch ein umstrittenes. Vielerorts wird für eine legale Abtreibung gekämpft, während mancherorts das Gesetz rückgängig gemacht werden soll. Der Diskurs polarisiert sich um zu hohe oder zu niedrige Geburtenraten, um künstlichen Befruchtung, die Legalisierung der Leihmutterschaft, die Adoption durch Alleinstehende und homosexuelle Paare. Mutterschaft ist politisch.

Geschrieben aus den Erzählungen von Müttern mit Migrationsgeschichte, von Transvätern, von heterosexuellen Müttern, die auf künstliche Befruchtung zurückgreifen, von schwulen Vätern mit Kindern, von Frauen, die abgetrieben haben, von Frauen, die keine Kinder haben wollen, entsteht in Mother Tongue ein hybrider Raum zwischen Bibliothek und Kuriositätenkabinett.

Text und Regie: Lola Arias


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Enpowerment-Mosaik zu Mutterschaft
  · 13.09.22
Während der ersten beiden Drittel wirkt das autobiographische Material streckenweise etwas zu beliebig aneinander geklebt. Die unterschiedlichen Aspekte werden in den knapp zwei Stunden oft nur angerissen, wie Christine Wahl zurecht schrieb. Schon folgt die nächste Episode oder der nächste Song.

Der Abend geht zwar von dokumentarischem Material aus, ist aber sehr bestrebt, nicht in die Graubrot-Falle zu tappen, die bei diesem Genre droht. Dialoge werden kabarettistisch zugespitzt, wie das Treffen von dem schwulen Deutsch-Türken Ufuk Tan Altunkaya mit der Berliner Sucht-Therapeutin Franzi als seiner potentiellen Co-Parenting-Partnerin bei Hafermilch in einem Berlin-Mitte-Café. Natürlich dürfen auch klassische Songs zum Thema Mutterschaft und Weiblichkeit nicht fehlen: von Madonnas „Like a Virgin“ über Heintjes „Mama“ bis zu Nina Hagens „Unbeschreiblich weiblich“ tanzt das Ensemble die Choreogaphien von Luciana Acuña, eine Strip-Einlage von Trans-Sexworker Kay Garnellen inklusive.

Stärker und dichter wird der knapp zweistündige Abend in seinen Schlusskapiteln. Aus queerfeministischer und migrantischer Perspektive werden die bürokratischen Hürden aufgezählt, die das deutsche Familienrecht in all seinen Verästelungen den Kinderwünschen entgegenstellt, die nicht der Norm der Bilderbuchfamilie entsprechen. Natürlich treffen sie damit einen Nerv beim Gorki-Stammpublikum, das auch nach der zweiten Vorstellung begeistert über dieses Empowerment jubelt. So jung und weiblich wie an diesem Abend ist ein Theatersaal selten besetzt.

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