Queen Lear

Bewertung und Kritik zu

QUEEN LEAR
nach William Shakespeare
Regie: Christian Weise 
Premiere: 20. Februar 2022 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Zeitenwende. Die Queen dankt ab. Die nachfolgende Generation soll es nun richten. Queen Lear ruft ihre drei Kinder zur Erbteilung, die sie an öffentliche Liebesbekundungen knüpft. Als Lieblingskind Cordelia ihr die hohle Unterwerfungsgeste verwehrt, verstößt die Lear sie in störrisch egomanischer Verblendung, und macht sich damit selbst zur Ausgestoßenen. Die Geschichte nimmt ihren verderblichen Lauf: brutal und trostlos jagt eine Ungeheuerlichkeit die Nächste, alle Gewissheiten sind längst passé. Die Selbstzerstörung einer stabil geglaubten Ordnung ist absolut.

Das unheimliche Gefühl, heute wieder am Abgrund zu stehen, dem Zersplittern unseres vertrauten Bezugsrahmens beizuwohnen, ohne eine kraftvolle Vision für das Leben entgegenhalten zu können, ist Ausgangspunkt für Christian Weises Inszenierung von Shakespeares düsterem Welttheater. Ein abgründiges, spöttisches, poetisches, bitteres Spiel vom Ende. »Diese Nacht macht uns alle zu Clowns und Irren, yippie!«

Regie: Christian Weise
Kostüme: Paula Wellmann
Musik: Jens Dohle
Licht: Frederik Wollek
Dramaturgie: Maria Viktoria Linke
Video: Maryvonne Riedelsheimer


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Queer Lear im Weltall oder Endstation Bushaltestelle
  · 21.02.22
''Bevor es aber endlich losgeht, wird zu Beginn von Fabian Hagen noch eine sogenannte Trigger-Warnung ausgegeben. Es könne zu fürchterlichen Szenen aller Arten von Gewalt oder sogar Folter kommen. Die Androhung von Folter trifft es dann auch ziemlich genau. Dass man zunächst nur ein Live-Filmchen von den hinter einer Video-Leinwand gespielten Szenen zu sehen bekommt, daran ist man mittlerweile fast schon gewöhnt. Die Live-Filmästhetik vor aufgemalten Pappkulissen kennen einige sicher schon von Vegard Vinge und Ida Müller aus dem Volksbühnen-Prater. Allerdings hat sich die Mannschaft um die von Gaststar Corinna Harfouch gespielte Queen Lear in die Weiten des Weltalls verirrt. Die Queen ist ein herrisch knarzender Darth-Vader-Verschnitt, der im Raumschiff die Erde in drei Kuchenstücke teilt. Charming Cordelia (mit Prinzessin-Lea-Schneckenzöpfen) geht wegen Unbotmäßigkeit beim Liebesgeheuchel bekanntlich leer aus und ist dann auch hier fast den ganzen Abend nicht mehr zu sehen. Und auch ansonsten bleibt der Plot recht nah an Shakespeare.

Nur machen Regisseur und Autor die Tragödie um den alternden Herrscher zu einer mäßig witzigen Weltraumklamotte, in der Laserschwerter gezückt werden und die Queen mit ihrem Hofstaat bestehend aus Clerk Kent und ihrem Narren von Planet zu Planet fliegt. Oscar Olivio trägt Yoda-Ohren und wird gleich Clown genannt. Bei der Absonderung von ulkigen Weisheiten übertrifft ihn nur noch Svenja Liesau, die nach der Pause als Armer Eddi wie immer ihre Solo-Show bekommt, sich das Haltestellenschild hinter dem Gorki Theater greift und auf nun videobefreiter Bühne durch den Rest des Abends berlinert. Die in geistiger Umnachtung über die Bühne geisternde Queen Lear ist da fast nur noch Nebensache. Zu ihrem eigenen Geisteszustand verkündet Lisau irgendwann, dass da bei ihr oben keiner mehr zu Hause sei, „alle unbekannt verzogen“. Ach ja, wirklich? Ob das Gorki nun auch von allen guten Theater-Geistern verlassen ist, darf man sich da schon mal allen Ernstes fragen. Nach einigen hochgelobten Inszenierungen über Queernis, Gender-Diskurs und Cancel Culture scheint man nun am Gorki Theater zum ironischen Teil mit blank geputztem Gendersternchen übergangen zu sein.'' schreibt Stefan Bock am 22. Februar 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Weise will die Tragödie als Komödie erzählen. Das geht nicht auf
  · 21.02.22
Weise behauptet, "King Lear" sei das "Stück der Stunde", weil es um einen Herrscher gehe, dessen Abdanken das komplette System verändere – ähnlich dem Mauerfall oder dem Corona-Ausbruch. "King Lear" ist jedoch ein tragischer, unheimlich düsterer Stoff, ohne Hoffnung auf Gnade, Erlösung, auf ein Leben nach dem Tod. Die zerstörerische Liebe zwischen Eltern und Kindern steht im Zentrum, eine zu große Liebe und Liebesbedürftigkeit ist die Ursache allen Übels, das Familienleben eine einzige Tragödie. "Systemveränderung" spielt höchstens am Rande eine Rolle.

Wie auch immer: Weise möchte den Machtwechsel verulken, als sei das Gebaren der Eltern und der Erben nichts als lächerlich. Schon richtig – doch es ist eben nicht abendfüllend, Figuren-Parodien dabei zuzuschauen, wie sie sich mit Laserschwertern bekriegen und dabei ironisch in die Kamera blinzeln. Die Tragödie will Weise als Komödie erzählen. Aber weil er trotzdem der Dramaturgie des Stücks folgt und daher die tragischen Szenen integrieren muss, geht das nicht auf.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Unentschlossene Shakespeare-Übermalung mit Corinna "Darth Vader" Harfouch
  · 20.02.22
Die zentrale Idee dieses Anfangs-Teils ist es, den Shakespeare-Klassiker mit flapsiger Sprache aufzuhübschen und in die Welt der Sternenkrieger zu verlegen. Die zentralen Motive und Konflikte um Lear und seine/ihre drei Kinder (hier zwei Söhne und eine Tochter), zwischen denen die alternde Herrscherin ihr Erbe aufteilen muss, bleiben erhalten. Um eine Persiflage oder Parodie des Stoffs handelt es sich nicht, eher um eine respektvolle Übermalung und Nacherzählung.

Was Regisseur Weise und das Gorki Theater an dem kanonischen Stoff interessiert, wird während der drei Stunden jedoch nicht recht klar. Die eine oder andere Laserschwert-Kampfchoreographie von Klaus Figge macht Eindruck.

Ansonsten zerfasert der Abend während der drei Stunden mehr und mehr. Schon vor der Pause wirkt vieles unfertig und improvisiert. Svenja Liesau, die unmittelbar vor den Corona-Lockdowns nebenan im Gorki-Container den „Hamlet“ gab, nimmt das Heft in die Hand und schnoddert sich mit Berliner Schnauze durch einige Soli. Als der Abend zur Comedy-Nummern-Revue zu werden droht, kehrt die Inszenierung kurz vor Schluss zum tragischen Shakespeare-Ton zurück. Der „Queen Lear“-Lear-Inszenierung fehlen aber ein überzeugender Rhythmus und eine stringente Linie. Gaststar Corinna Harfouch bleibt in der Titelrolle erstaunlich blass.

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