Tschewengur

Bewertung und Kritik zu

TSCHEWENGUR 
nach dem Roman von Andrej Platonow
Regie: Sebastian Baumgarten 
Premiere: 27. September 2021 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Eine neue Welt bringt eine neue Sprache hervor. Andrej Platonow war lebenslang auf der Suche nach dem anderen Klang. Den Rhythmus für diese Expedition gab ihm die Eisenbahn vor: 1899 als Arbeiterkind im südrussischen Woronesh geboren, musste er früh als Hilfsarbeiter im Lokomotivenwerk arbeiten. Die Revolution ließ ihn Ingenieur werden, einen Träumer der Maschinen und ihrer Möglichkeiten, der an der Revolutionsfront kämpfte und in den Steppenlandschaften des Bürgerkriegs dem Hunger, der Utopie, der Gewalt begegnete. In dem Roman Tschewengur – Die Wanderung mit offenem Herzen, seinem Hauptwerk, fließen diese Elemente zusammen zu einem Sprachkunstwerk. Seine Perspektive ist die der Elendsten, der Hunger und Dürre preisgegebenen Bauern, der Landlosen und besitzlos Umherstreifenden, jener Menschen also ohne Sprache, Schrift und Geschichte. In ihre an der Schwelle zum Tod gebaute Welt bricht die Maschinisierung und Neuorganisation von unten durch die Revolution. Sie sollen „Subjekte“ werden und eine neue Welt erschaffen, statt die alte zu erdulden. Von der jungen Partei entsandt machen sich zwei extrem unterschiedliche Antihelden auf, in den Weiten der Steppenlandschaft den Kommunismus zu suchen. Sie begegnen einer mythischen Welt aus skurrilen Gestalten, einer Welt, in der die Menschen Teil des Gefüges der Dinge sind und nicht länger Herrscher, in der die Syntax des Zusammenlebens neu gebaut wird. In dem Örtchen Tschewengur, das sie schließlich erreichen, scheint erreicht, wovon alle träumen: das Ende aller Widersprüche. 

Wie zwei ihrer Bedeutung beraubte Ausrufungszeichen stehen zwei Betontürme auf dem Gelände eines Gewerbeparks in Lichtenberg: Reste eines Lagerkomplexes des VEB Elektrokohle, heute Räumlichkeiten des Architekturbüros von Arno Brandlhuber. Eine Landschaft aus Beton und Vergessen, Brachenkraut und Künstlichkeit, DDR-Rest und Importindustrie. Als im Januar klar war, dass die geplante Premiere von Sebastian Baumgartens Bühnenadaption dieses Jahrhundertromans nicht stattfinden wird, konzipierte das Team die Produktion neu und zog vom Gorki um nach Lichtenberg. Hier zwischen Turbokapitalismus, Kunstraum und den Resten sozialistischer Urbanität fand sich Luft für Platonows Sprache. Als filmischer Foto-Essay mit der Musik von Robert Lippok umgesetzt wird die Arbeit nun im September 2021 präsentiert.

Regie: Sebastian Baumgarten 
Kostüme: Janina Audick
Musik: Robert Lippok
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Ludwig Haugk, Clara Probst


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