Alles unter Kontrolle

Bewertung und Kritik zu

ALLES UNTER KONTROLLE 
von Oliver Frljić & ENSEMBLE
Premiere: 16. Juni 2021 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Für sein neues Projekt versetzt Oliver Frljić das ganze Gorki in den Ausnahmezustand. Das Haus – als Körper, als Stadt – durch das sich die Zuschauer*innen in einem Parcours ihren Weg bahnen. Ausgangs- und Bezugspunkt ist ein Gedanke Walter Benjamins: »Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ›Ausnahmezustand‹, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff von Geschichte kommen, der dem entspricht.«

Und so steht am Anfang des Parcours der Ausnahmezustand, der uns auf eine Reise schickt. Immer wieder wird die Frage nach Fiktion und Realität, nach Normalität und Ausnahme gestellt. Sechs Szenen formen sich zu einem kaleidoskopartigen Gesamtbild. Wer repräsentiert eigentlich wen? Wer spricht für wen und worüber und ist dazu von wem legitimiert?

Regie: Oliver Frljić
Bühne / Kostüme: Igor Pauška
Dramaturgie: Johannes Kirsten
Musik: Daniel Regenberg


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Parcours durch Miniaturen zu Identitätspolitik
  · 16.06.21
Auf den insgesamt sechs Stationen kreist der Theater-Parcous-Abend „Alles unter Kontrolle“ vor allem um die Selbstreflexion des Theaterbetriebs. Er macht somit genau dort weiter, Ersan Mondtag und Benny Claessens an selber Stelle in „It´s going to get worse“ aufgehört haben" rel="nofollow" >wo Ersan Mondtag und Benny Claessens an selber Stelle in „It´s going to get worse“ aufgehört haben.

Mit vielen kleinen Meta-Gags und Anspielungen gespickt werden die Fragen von Identitätspolitik, Alltagsrassismus und Repräsentation in zehnminütigen Miniaturen durchgespielt. Dies sind manchmal kleine Sketche wie Lea Draegers Kindheitserinnerung „Schaumküsse“: voller Hingabe zermatscht sie die Leckereien, die in ihrer Kindheit unter einem heute als rassistisch und verletzend gebrandmarkten Begriff bekannt waren, zwischen zwei Pappbrötchen-Deckel, verteilt sie ans Publikum und beschmiert sich das Gesicht in einer „Blackfacing“-Parodie mit der weißen Schaum-Creme.

Noch eine Schraube weiter dreht sich die Meta-Erzählung auf den letzten beiden Stationen: während Mehmet Yilmaz analytische Kekse backt, können wir uns selbst in Videos dabei betrachten, wie wir Dominic Hartmann zu Beginn des Abends zuschauten. Ganz zum Schluss werden wir in den Rang geführt und beobachten dort die nächsten Gruppen, wie sie Lea Draeger beobachten.

Der Erkenntnisgewinn dieses um sich selbst kreisenden Parcours durch das Gorki Theater bleibt jedoch überschaubar.

Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Nicht wirklich aus der Ruhe gebracht
  · 17.06.21
''Ausgehend vom sogenannten Notstandsartikel 48 der Weimarer Verfassung, der dem Reichspräsidenten weitreichende Möglichkeiten zur Regierung im Ausnahmezustand zugestand, wird die demokratische Krise als Normalzustand beschrieben. Die Folge war die willkürliche Einsetzung von Reichskanzlern durch Paul von Hindenburg, was einer quasi Abschaffung der Parlamentsgewalt gleichkam und schließlich Adolf Hitler an die Macht verhalf. In der folgenden Performance tigert Dominic Hartmann als personifizierter Ausnahmezustand in Drag durch seine Box und haspelt im Schnelldurchlauf die Krisen der modernen Gesellschaft von der französischen Revolution bis zu den Kriegen des 20. Jahrhundert herunter. Heute bestehen die Krisen aus Finanzcrashs, Umweltverschmutzung und globalisierter Vernetzung, was natürlich auch Verteilungskämpfe zwischen Ost und West (Putin versus Biden) nach sich zieht, die aber meist woanders als in Europa ausgefochten werden. Ein Immer-weiter-so, wie es Hartmann hier beschwört, kann es aber auf Dauer nicht geben.

Weiter Stationen befassen sich mit der „Hölle der Repräsentation“, in der sich die palästinensische Schauspielerin Maryam Abu Khaled in einer Art Verhör einer Theaterpolizei gegenüber sieht und des theatralen Verbrechens, sie selbst auf der Bühne zu sein, bezichtigt wird, was sich irgendwann dann plötzlich umdreht und gegen den Verhörenden selbst richtet. In „Zombies“ berichten die Schauspielerinnen Kenda Hmeidan und Hanh Mai Thi Tran von den Realitäten am Theater. Wer macht was und wird wie dafür bezahlt. Eine Art Selbstbezichtigung des Regisseurs durch die Blume. Man kann das auch als Aussaugen des künstlerischen Potentials anderer bezeichnen. Die Ausbeutung der eigenen Biografie war schon Thema in Ersan Mondtags Gorki-Inszenierung Its going to get worse.

Wirklich schlimmer wird es hier nicht mehr. Das provokative Potential von Frljić‘ Aufführung ist sehr begrenzt. Auch die schmalen „Analytischen Cookies“ von Theater-Bäcker Mehmet Yılmaz helfen da nicht wirklich zur Retrospektive des Abends. Außer dass sich der Kritiker mal bei der Arbeit gefilmt sehen kann. Und dass man am Ende in den Rang hinaufsteigen muss, um beim Draufsehen auf das Treiben unten im Parkett eine weitere gedankliche Metaebene eingezogen zu bekommen, kann einen dann auch beim besten Willen nicht mehr wirklich aus der Ruhe bringen. Alles unter Kontrolle.'' schreibt Stefan Bock am 17. Juni 2021 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
0 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Vieldeutigkeit
  · 18.06.21
''Das Gorki Theater-Ensemble ist in dieser Hinsicht ein positives Beispiel. Es ist außerordentlich divers. Außerdem gehört es zur Tradition des Hauses, dass die, die auf der Bühne stehen, auch ihre Geschichten erzählen. Daran knüpft Oliver Frljić an. Er hat die Schauspielerinnen und Schauspieler improvisieren lassen und aus ihren Vorschlägen das Stück entwickelt. Die einzelnen Szenen sind sehr verschieden.

Lea Draeger spielt mit Schokoküssen. Sie zieht ihnen die braune Schokoladenhaut ab oder zerquetscht sie zwischen weißen Brötchenhälften. Das ist einerseits ein sinnlicher Vorgang, andererseits muss man natürlich an rassistisch motivierte Gewalt denken. Diese Vieldeutigkeit ist eine Qualität der Produktion und die Bilder haken sich fest. Am Ende sieht man wie eine dunkelhäutige Schauspielerin einer weißen ein Messer in den Bauch rammt. Ob das ein politischer Aufruf sein soll oder ein persönlicher Racheakt bleibt offen, aber die Gewalt verstört und provoziert ein Nachdenken. Die Idee der Inszenierung geht auf.'' schreibt Oliver Kranz auf rbbKultur
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.