Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden

Bewertung und Kritik zu

UND SICHER IST MIT MIR DIE WELT VERSCHWUNDEN
von Sibylle Berg
Regie: Sebastian Nübling
Premiere: 24. Oktober2020 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: »Ich habe eine Wut auf die Welt oder das System oder mich, weil ich alles verraten habe, woran ich nicht geglaubt habe, oder haben wir wirklich einmal daran geglaubt, die Welt zu retten? Die lagen doch nur dekorativ herum, die Bücher, die feministischen, marxistischen, queeren, die lagen herum, mit ihren Überschriften, über die wir nicht hinausgekommen sind, während wir lieber Serien geschaut haben. «

Eine Sprecher*in – »Ich bin in dem Alter, in dem sich Ärzte gegen meine Beatmung entscheiden, wenn auf der Nachbarliege ein aufstrebender Port-folio-Manager liegt.« – zieht schonungslos Bilanz ihres Lebens und dem einer ganzen Generation im Neoliberalismus. 
»Ich hatte erwartet, dass mir in Erwartung des Todes das Unterbewusste faszinierende Bilder meines gelungenen Lebens zeigt. Und dass ich sie nur verdrängt hätte, die einzigartigen Momente voller Erfüllung, Liebe und Exotik. Aber was sich da einstellt, kann nur als unterdurchschnittlich be-zeichnet werden. Immobilien und Kühlschränke, triste Reisen und die Abwesenheit von Liebe.«

Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Musik: Lars Wittershagen
Dramaturgie: Valerie Göhring


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Sibylle Bergs Und sicher ist mir die Welt verschwunden
  · 27.10.20
''Den Tod im Auge muss die Protagonistin enttäuscht feststellen, dass ihr das Unterbewusstsein keine faszinierenden Bilder eines gelungenen Lebens zeigt, sondern nur Unterdurchschnittliches wie „Immobilien und Kühlschränke, triste Reisen und die Abwesenheit von Liebe.“ Das allein wiegt schon schwer. Hinzu kommt noch die Benachteiligung durch patriarchale Strukturen und das Herausdrängen aus dem Job, während Männer ihres Alters befördert werden. Hämisch böse performen die vier Damen dabei schwanzwedelnde misogyne Mansplainer. Wenn Svenja Liesau in einer aus der Rolle fallende Soloperformance als Betrunkene die letzte große Liebe Benny am Grab verabschiedet und sich dabei an der Souffleuse abreagiert, ist das aber durchaus selbstironisch angelegt. Und auch die anderen haben ihre Soloauftritte. In den chorisch vorgetragenen Textpassagen wechselt der Ton von bitterem Sarkasmus zur Resignation und zurück. Frau hat es sich in ihrem Leben zwischen Job, Mutterschaft und Ersatzbefriedigung Konsum mit einem Ferienhaus an der Côte d‘Azur gut eingerichtet. „Ich hatte daran geglaubt, dass Konsum glücklich macht, und, verdammte Scheiße, das stimmt.“

Auch die Familie bringt ihr nicht die erwartete Liebe entgegen. Die Mutter, die sie ins Pflegeheim abgeschoben hat, und die Tochter, die wie sie damals nur auf andere Art rebelliert, haben sich von ihr abgewendet. Es bleibt die Angst vor dem Ende. „Du kommst allein und du gehst allein“, lautet das deprimierende Fazit. Da hilft nur sich selbst wieder als 13jährige zu fühlen. Mit mehreren starken Showeinlagen, bei denen das spiel- und tanzfreudige Damenquartett u.a. ein Death-Metall-Band performt, oder Songs wie I wanna know what love is singt, versucht Regisseur Nübling die „unendliche Traurigkeit“ und Hoffnungslosigkeit des Textes zu durchbrechen. Und zumindest für 90 unterhaltsame Minuten sehen dabei die Schauspielerinnen wie Siegerinnen aus.'' schreibt Stefan Bock am 27. Oktober 2020 auf KULTURA-EXTRA
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Wut-Chor mit Stargast
  · 26.10.20
Wie üblich bei Sibylle Berg funkelt der Text voller scharfzüngiger Bemerkungen und luzider Beobachtungen. Die Figur aus „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ ist die gealterte Version der girliehaft aufstampfenden jungen Frauen, die zu Beginn von Shermin Langhoffs Intendanz im Jahr 2013 mit „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ die Bühne des kleinsten Berliner Staatstheaters enterten und mehrere Preise abräumten.

Unter die jugendliche Wut haben sich zum Abschluss von Sibylle Bergs Gorki-Tetralogie Verzweiflung und Verbitterung gemischt. Die wutschnaubenden, stampfenden Choreographien, die Tabea Martin damals mit Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas einstudierte, sind einem Rollator-Ballett von Katja Riemann und den drei Gorki-Ensemble-Spielerinnen Anastasia Gubareva, Svenja Liesau und Vidina Popov gewichen.

Erstaunlich ist, wie nahtlos sich Riemann in Sebastian Nüblings chorisches Regie-Konzept und den Sibylle Berg-Sound einfügt. Der weibliche Stargast stellt sich ganz in den Dienst der Sache. Auch in ihren Solo-Nummern, die sie wie jede aus dem Quartett bekommt, schleicht sich nie das Gefühl ein, dass sie sich allein ins Rampenlicht spielen möchte, sondern immer das Team-Play des Abends im Blick hat.

Stärker als Riemanns Soli bricht Svenja Liesaus Auftritt als Betrunkene die Struktur des Abends auf. Ihre zum Teil improvisierte Show und ihre Wortgefechte mit der Souffleuse, der sie mit Rauswurf droht, sind eine Spur zu exaltiert und selbstgefällig. Ihr komisches Talent ist seit ihrem „Hamlet“-Auftritt kurz vor dem Lockdown im Gorki-Container bekannt, wird aber von Regiesseur und Spielerin an diesem Berg-Abend etwas zu demonstrativ ausgestellt.

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