Schwarzer Block

Bewertung und Kritik zu

SCHWARZER BLOCK
von Kevin Rittberger
Regie: Sebastian Nübling 
Premiere: 5. September 2020 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Schwarzer Block von Kevin Rittberger ist ein Stück über Antifaschismus als Sisyphos-Projekt, über 100 Jahre Geschichte linker Militanz als Versuch, den Naziterror zu verhindern, über den Widerspruch von Emanzipation und Gruppe. Als Protagonist*in für Theater scheint der Schwarze Block nicht besonders geeignet: Er ist ein Warnsystem auf prekärem Posten und will nicht erkannt sondern gehört werden, er gibt keine Interviews und der angeregte Dialog ist nicht in erster Linie seine Kommunikationsform. Doch weil der Block kein Block ist, sondern eine sich selbst befragende Formierung von Widerstand, drängt er hier auf eine Bühne, eine Bewegung im Raum, die Konflikte aufbrechen lässt. 

Kevin Rittberger hat anderthalb Jahre lang die Geschichte des antifaschistischen Kampfes in Deutschland recherchiert, Archive gesichtet, Interviews geführt, Aktivist*innen getroffen und sich durch Neonazi-»Literatur« gequält. Aus dem Material ist ein mehrstimmiges dramatisches Gedicht entstanden, in dem die Geister der antifaschistischen Geschichte ihre Enterhaken in die Gegenwart werfen und andersrum. Mit 15 Schauspieler*innen sucht Sebastian Nübling nach dem »Wir« auf Abstand im Container und auf der Großen Bühne des Gorki. Gemeinsam stellen sie sich der Herausforderung, politische Aktion in den abstrakten Theaterraum zu übertragen.

Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Dominic Huber
Kostüme: Gwendolyn Jenkins
Musik und Sounddesign: Tobias Koch
Live-kamera: Robin Nidecker
Dramaturgie: Ludwig Haugk


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Immersives Erlebnis mit Wut-Chor
  · 22.09.20
Als „schreibender Aktivist“ versteht sich Kevin Rittberger laut Abendzettel, seine Botschaft ist eindeutig: Nur auf die Antifa, auf den schwarzen Block ist Verlass. Sie sind unverzichtbar für die Verteidigung unserer Demokratie, da sich die eigentlich dafür zuständigen Staatsorgane, die Polizei und der Verfassungsschutz, kompromitiert haben.

Immer wütender und energiegeladener formiert sich der schwarze Block vor den Türen des Theaters. In kleinen Kabarett-Nummern schälen sich einzelne Spieler*innen aus dem Pulk: Aram Tafreshian taucht mehrfach als Carsten, die Karikatur eines Polizisten auf, Çiğdem Teke fährt mit ihrer Limousine minutenlang orientierungslos im Kreis und verheddert sich in ihren identitären Parolen.

Das Langgedicht, das in strenger Chorformation begann, wird im Lauf des Abends durch diese komödiantischen Elemente ein wenig aufgelockert. Trotz dieser Einsprengsel verliert der Text aber nichts von seiner Wucht. Autor Rittberger und sein Chor brüllen ihre Wut heraus, sie wollen anklagen und blutige Kontinuitätslinien seit der Weimarer Republik aufzeigen.

Um Differenzierungen geht es an diesem Abend nicht, sondern um die klare These: Ohne die Antifa wäre der Kampf gegen Rechts verloren, das linksliberale Bürgertum in seinen gentrifizierten Wohlfühlbezirken wäre zu schwach. Natürlich soll diese These provozieren und zum Widerspruch herausfordern.

Bemerkenswert macht den Abend vor allem, wie virtuos er sich bei immersiven Theatermitteln bedient und dabei auch Gastspielen aus der „Immersion“-Reihe der Berliner Festspiele überlegen ist. Nur selten erleben wir die Spieler*innen wie gewohnt auf der Bühne, meist sehen wir sie im Live-Video an die Wände projiziert, ihre Stimmen erreichen uns über die Kopfhörer.

Sebastian Nübling hat einen sehr energiegeladenen, körperbetonten Wutchor choreographiert, der im Gorki Theater zum spannenden Raum-Erlebnis wird, Sound-Effekte nutzt und den Saal fast im 360 Grad-Modus bespielt. Damit ragt die Inszenierung aus dem meist sehr statischen Corona-Abstand-Theater heraus und macht Hoffnung, welche Alternativen zum Aufsagetheater auch in Zeiten der Pandemie-Regeln möglich sind.

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100 Jahre Antifa
  · 08.09.20
''Ob nun ästhetische oder inhaltliche Bedenken, man kann sich dem nicht so ohne weiteres entziehen. Es sei denn durch Flucht aus dem Theatersaal. Der Text stellt neben der direkten Bejahung linker Militanz beim antifaschistischen Kampf auch die indirekte Frage der Ausübung des Gewaltmonopols, wenn die Polizei nach links schlägt, während sie rechte Täter in Watte packt. Als Beispiel für den Typus Polizist gibt hier Schauspieler Aram Tafreshian in Vollmontur den mit „Einsacht netto“ unterbezahlten „Freund und Helfer“ mit rechten Tendenzen. Derweil lässt Regisseur Nübling die Lage eskalieren. Bengalos erhellen den Vorplatz. Rauch und Wasserspritzen sollen das Treiben möglichst echt aussehen lassen. Hin und wieder verirren sich auch ein paar schwarze Kämpfer*innen in den Theatersaal. Da wird mit Megafon und verzerrt ins Mikro gebrüllt. „Here comes the Bloc in Black.“ Natürlich politisch korrekt auch divers und feministisch gegen „Schwanzträger“ und „schwindsüchtige Schimmelpimmel“. Wenn das bei allem gebotenen Ernst keine Ironie ist.

Rittberger feiert den Schwarzen Block als „Antwort auf die Weigerung des Staates, menschenfeindliche Aufmärsche und menschenfeindliche Politik zu verbieten“. Die Aufzählung der Vorzüge geht vom Entglasen der Geschäfte, „deren Eigentümer zur Gesamtscheiße beitragen“ bis zur Feststellung: „Der Schwarze Blog rettet der Demokratie den Arsch.“ Ob nun Lichterkette oder Blockade, der Kampf gegen rechts ist so vielfältig, wie die Schneise (wie es im Stück heißt), die der Schwarze Block in den Geschichtsdschungel schlägt, unübersichtlich ist. Die Reduzierung allein auf die Antifa als treibende Kraft des Widerstands darf angezweifelt werden, sicher aber nicht das rechte Potential innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, das sich hier mit Schauspielerin Çiğdem Teke in einem nationalen Sein-oder-Nicht-Sein-Monolog als wiedererweckter Volksgeist im PKW den Weg durch die demonstrierenden Massen bahnt. Da ist es bis zum Reichstag nicht mehr weit.'' schreibt Stefan Bock am 8. September 2020 auf KULTURA-EXTRA
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