Anna Karenina oder Arme Leute

Bewertung und Kritik zu

ANNA KARENINA ODER ARME LEUTE
nach Lew Tolstoi und Fjodor M. Dostojewski
Regie: Oliver Frljić
Premiere: 14. September 2019 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

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Zum Inhalt: Zwei Geschichten über die Liebe unter dem Druck der Verhältnisse: In Anna Karenina widmet sich Lew Tolstoi Ende der 1870er Jahre den tektonischen Verwerfungen, die unter der zuckerigen Oberfläche des Reichtums unermüdlich arbeiten.

Annas Geschichte ist auch die des heutigen Westeuropa, einer Gesellschaft, die ahnt, dass sich etwas ändern wird, aber nicht weiß, wie das Neue aussehen wird. Dostojewskijs Roman Arme Leute dagegen ist »nur« ein Bündel Briefe – Reste der Beziehung zwischen Makar und Wawara, eines Paars ohne Zukunft. Die Liebe, so Dostojewskijs bittere Erkenntnis, können sie sich nicht leisten. Oliver Frljić eröffnet die große Bühne des Gorki mit einem doppelgleisigen Abend, der die zwei großen Romanciers aufeinandertreffen lässt.

Regie: Oliver Frljić 
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Sandra Dekanić
Livemusik: Daniel Regenberg
Dramaturgie: Johannes Kirsten


 
Meinung der Presse zu „Anna Karenina oder Arme Leute“

Maxim Gorki Theater


rbb
★★☆☆☆

Berliner Zeitung
★★★☆☆


Der Tagesspiegel
★★★☆☆

Zitty
★★★☆☆

tip
★★★☆☆

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Romane- Verschränkung
  · 18.09.19
''Wenn man Frljić Inszenierungen kennt, ist das aber vergleichsweise noch recht zahm. Der Regisseur lässt einen diesmal lange warten, bis er zu drastischeren Mittel greift, um die Situation zu eskalieren bzw. sogar gänzlich umzudrehen. Dazu werden schließlich alle Reichen an den Händen gefesselt, und Warwara übernimmt das Kommando. Die Zarenbilder im Hintergrund wechseln gegen ein Leninportrait. Die Verschärfung der Widersprüche führen schließlich zum Umsturz. Was erst wie eine Art Kultur-Revolution daherkommt, bei der zur Schaffung einer proletarischen Kultur Tolstois Romangesellschaft nochmal auf den Prüfstand kommt und dazu Passagen aus ihren Dialogen zu wiederholen hat, gipfelt schließlich in einen Sturz der Männergesellschaft.

Mit Heiner Müllers Mauser im Anschlag fordert Warwara die Tolstoi-Frauen auf, ihre Männer zu erschießen. Klassen- oder Frauensolidarität, oder doch lieber der Tod stehen hier zur Auswahl. Man muss nicht lange rätseln, wie es bei Frljić ausgeht. Simon Stone hat in seiner Griechischen Trilogie am BE Ähnliches verzapft. Doch wo mit Müller Revolution gemacht wird, lauert auch der Verrat. Frank Castorf weiß das schon lange. Und so gehört das Ende Dostojewskis Roman vor einem Putin-Bild. Sehr subtil ist das nicht. Aber aller Anfang ist schwer und scheinbar auch ziemlich langwierig.'' schreibt Stefan Bock am 17. September 2019 auf KULTURA-EXTRA
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Hirnlose Theater-Verwirrung
  · 17.09.19
''Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise": Der erste Satz bei Tolstoi ist wohl der bekannteste Roman-Beginn der Weltliteratur. Und er kommt der auf der Gorki-Bühne tatsächlich vor! Aber nicht am Anfang, sondern - so viel Freiheit des Regisseurs, der sich selbst für einen tollen Autor hält, muss sein - erst am Ende des ersten Teils diesen konfusen Abends. Serjoscha, der 8-jährige Sohn von Anna, spricht ihn aus, als er uns mitteilt, dass seine Mutter die Familie bald verlassen und somit alle ins Unglück stürzen wird.

Dass Frljic ein kleines Kind auf die Bühne bringt, ist - unter schauspielerischen Kriterien - schon grenzwertig, dass er diesem Kind mehrfach in die Rolle eines weisen Kommentators zuweist, ist kaum zu ertragen, peinlich und peinigend zugleich. Aber in einer Inszenierung, bei der sich die Frauen erst unter den Augen des Zaren, dann von Lenin und schließlich von Putin den Weg in die Freiheit freischießen, ist wohl alles möglich. Dem Premieren-Publikum scheint die anmaßende Literatur-Vernichtung und hirnlose Theater-Verwirrung trotzdem gefallen zu haben: es applaudierte zumindest ziemlich freundlich. Warum auch immer.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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Aus Roman-Nacherzählung wird marxistisches Lehrstück
  · 15.09.19
In den ersten knapp zwei Stunden am Gorki Theater reibt man sich die Augen: Kurz wird eine Szene aus „Arme Leute“ angespielt. Bald switcht der Abend zu „Anna Karenina“: In wallenden Gewändern und sehr getragen werden wesentliche Kapitel der Romanhandlung betont realistisch abgehandelt. Nur selten ist ein Augenzwinkern zu spüren. Soll diese müde Roman-Nacherzählung wirklich von dem kroatischen Regisseur stammen, der im Marstall des Münchner Residenztheaters mit aufwühlenden, mutigen, gegenwartssatten Abenden wie „Balkan macht frei“ und „Mauser“ begeisterte?

Lang und länger zieht sich die erste Hälfte, hie und da wird noch mal ein Schnipsel Dostojewski oder ein Tolstoi-Fremdtext eingebaut. Am ehesten kann noch Lea Draeger als leidende Titelheldin punkten. Gorki-Jungstar Jonas Dassler, der sonst fast jeden Abend im Alleingang rocken kann, wird in eine Knallchargen-Nebenrolle abgeschoben und ist die größte Enttäuschung der faden ersten Hälfte. Dementsprechend heruntergezogen waren viele Mundwinkel bei den Pausengesprächen.

In der letzten Stunde holt Frljić zum Plottwist aus, allerdings nicht mit dem Florett, sondern mit dem marxistisch-leninistisch geschulten Holzhammer. Das Bild des Zaren, das während der ersten Hälfte an der Rückwand prangte, wurde gegen Lenins Konterfei ausgetauscht. Der Adel findet sich plötzlich gefesselt und in Unterhosen in Sibirien wieder. Statt Anna Kareninas Suizid gibt es ein Gewitter aus Pistolen-Salven.

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