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Bewertung und Kritik zu

EINE ALLTÄGLICHE GESCHICHTE
von Iwan Gontscharow
Regie: Kirill Serebrennikov 
Berlin-Premiere: 19. Juni 2020 (Gastspiel - Radar Ost) 
Deutsches Theater Berlin

Zum Inhalt: Der junge Alexander Adujew kommt voller Begeisterung aus der Provinz in die Hauptstadt, bereit, die Welt zu erobern. Doch sehr bald sieht er all seine Ideale vernichtet und erleidet das gleiche Schicksal wie sein pragmatischer und leidenschaftsloser Onkel Peter. "Die klassische russische Literatur trägt eine schwere Last: Sie wird zur Schullektüre und zur bevorzugten Vorlage für das Jugendtheater. Aber als Eine alltägliche Geschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschien, galt der Roman als überaus kontrovers und lebendig, wurde viel diskutiert und stieß die gleichen hitzigen Debatten an wie jetzt die Bücher von Vladimir Sorokin oder Sachar Prilepin – kurz gesagt, die Literatur hatte starke Auswirkungen. Wir möchten sie hier mit der gleichen Schärfe und Polemik erklingen lassen." (Kirill Serebrennikov, Regisseur)

Kirill Serebrennikov, gefeierter Theater- und Filmregisseur, Leiter des Moskauer Gogol-Center, ist mit dem Deutschen Theater in besonderer Weise verbunden: Seine Inszenierungen Kafka und Müllermaschine waren als Gastspiele hier zu sehen und Who is Happy in Russia eröffnete im vergangenen Jahr das Festival Radar Ost. In dieser Spielzeit feierte Decamerone, Serebrennikovs erste Schauspielarbeit am DT Premiere – entwickelt mit einem gemischten Ensemble und künstlerischen Team. In dieser Koproduktion ist auch der junge Star des Gogol-Center Filipp Avdeev beteiligt, der die Hauptrolle in Eine alltägliche Geschichte spielt. Der Videokünstler Ilya Shagalov, ebenfalls im künstlerischen Team beider Arbeiten, realisierte für Radar Ost Digital eine weitere Zusammenarbeit zwischen den Theatern in Berlin und Moskau: Kleines Requiem, zu sehen im Rangfoyer des digitalen DT.Regie: Michał Borczuch 

Regie: Kirill Serebrennikov
Kostümassistent: Maksim Nazarov
Video: Ilya Shagalov
Licht: Igor Kapustin

Digitales Gastspiel des Gogol-Center Moskau im Livestream


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Thesenhaftes Aufeinandertreffen von Prototypen
  · 21.06.20
Zu thesenhaft ist die angestaubte Romanvorlage aus dem Jahr 1847, die den Antagonismus zweier Prototypen vorführt: Hier der junge, romantisch-naive Sasha, den es aus der Provinz in die Hauptstadt zieht, dort sein zynisch-verbitterter Onkel Petr. Wortreich, aber handlungsarm entspannt sich der Konflikt der Lebensentwürfe und Generationen, der absehbar auf die völlige Desillusionierung des nach dem 2. Akt am Boden zerstörten Sasha zusteuert, bevor der Epilog einen Haken schlägt: Der Neffe Sasha hat sich zum smarten Strippenzieher gewandelt, der genauso gefühllos kalkuliert und eine Vernunftehe ohne romantische Gefühle eingeht, wie es sein Onkel immer forderte, während Petr plötzlich sentimental wird und in Sasha seinen Meister fand.

Mit Filip Avdeev, der auch im „Decamerone“-Reigen einen starken Eindruck hinterließ und hier den Sasha und seine Wandlungen verkörpert, hat Serebrennikow zwar einen starken Hauptdarsteller. Über fast drei Stunden kann er diese Inszenierung allerdings nicht tragen, der Inszenierung fehlt es an Spannungsbögen und spielerischen Momenten, zu ermüdend kreist sie um den beschriebenen Antagonismus.

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