Mein Name sei Gantenbein

Bewertung und Kritik zu

MEIN NAME SEI GANTENBEIN 
von Max Frisch
Regie: Oliver Reese 
Premiere: 14. Januar 2022 
Berliner Ensemble 

Zum Inhalt: Stellen Sie sich vor, Sie lassen alles hinter sich und fangen noch einmal neu an: andere Stadt, anderer Beruf, andere Liebschaft. Stellen Sie sich vor, es wäre an Ihnen, Ihr Leben zu gestalten; Sie selbst würden bestimmen, wie ihr Leben verläuft … Aber Moment: Tun wir das nicht? Wie würden wir denn leben, wenn wir nur anders könnten? Was würden wir tun, wenn wir nur anders wollten?
"Mein Name sei Gantenbein" treibt Max Frischs Lebensfrage danach, wer wir sind und wer wir sein könnten, auf die Spitze – und gibt der Zweifelhaftigkeit des modernen Menschen und der Abwägung von Wirklichkeit und Möglichkeit gleichermaßen eine Stimme. Oliver Reese, der bereits viele Monologe auf die Bühne gebracht hat, inszeniert eine eigene Bearbeitung des letzten großen Frisch-Romans mit Matthias Brandt, der dafür nach 20 Jahren Abstinenz auf die Bühne zurückkehrt.

Mit Matthias Brandt

Regie/Bearbeitung: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüm: Elina Schnizler
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Steffen Heinke
Dramaturgie: Johannes Nölting


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Biedere Bühnenfassung
  · 16.01.22
''Das Ganze wirkt auf Dauer doch etwas bieder, wie aus der Zeit gefallen. Das Spiel mit den Identitäten ist auch nicht gerade neu am Theater. Brandt wechselt natürlich die Kleidung, andere Kostümteile und Requisiten entsorgt er einfach in den Bühnengraben. Von unsichtbarer Hand hereingefahren werden Flugzeugsitze, ein Krankenbett oder ein Plüschhocker, auf dem Gantenbein seine Maniküre von der Edelprostituierten Camilla erhält. Brandt streckt die Hand aus, säuselt mit hoher Stimme die kurzen Einwürfe Camillas. Viel Overacting in Mimik und Gestik. Vom Kussmund bis zum Wutanfall mit Fußtritt hat Brandt auf seiner Darstellungspalette alles zu bieten. Da wird wie im Roman ein Blumenstrauß aufgebüschelt. Jeder Schlagsatz sitzt und wird im Zweifelsfall nochmal wiederholt. Dazu erklingt leiser Jazz, der sich manchmal zu einer nervenden Fahrstuhlmusik aufschwingt.

Identitäten tauschen wie die Kleidung heißt aber nicht, sich einfach einen anderen Anzug anzuziehen, eine alberne Nasenbrille mit Bart aufzusetzen oder sich mit einer Flasche Wein in Rage zu reden. Reese lässt Brandt die wichtigsten Stationen der Persönlichkeitsspaltung in die Figuren Gantenbein, Enderlin und Svoboda durchleben. In der Beziehung zur Schauspielerin Lila schnurrt das aber zu einer peinlichen Eifersuchtsdramatik zusammen. Schon bei Frisch wirkt die Beschreibung der ständigen Angst des Mannes, dass seine Frau ihn betrügen könnte, wie ein Problem aus einem anderen Jahrhundert. Hier muss Brandt zähneknirschend Liebesbriefe lesen und gibt sich so ein wenig der Lächerlichkeit preis. Ein billiger Lacher, wenn man bedenkt, welche Bandbreite Frischs Roman in dieser Hinsicht zu bieten hat. Viele dieser Nebenerzählungen wie etwa die von Lila und Gantenbein als altes Paar Philemon und Baucis sind zwangsläufig dem Strich zum Opfer gefallen. Dafür muss dann noch unbedingt ein großes Ultraschallbild zur möglichen Schwangerschaft Lilas erscheinen. Gesellschaftlich, politisch oder als große Ichseins-Philosophie hat der Abend leider nichts zu bieten.'' schreibt Stefan Bock am 15. Januar 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Leider keine mitreißende Theatersinfonie
  · 18.01.22
''Die Bühne ist ein abstraktes Bühnengefängnis, ein saugender Schauspielschlund, ein tödlicher Theatertunnel, der ins schwarze Nichts führt. Umrahmt wird der Bühnenkasten von Neonlichtern, die auf Gantenbeins Befindlichkeit und Stimmungslage reagieren, von rot nach blau, von grün nach gelb changieren. Die hölzernen Tunnelwände verbergen Klappen und Schubladen, in denn sich allerlei Nützliches findet: Blindenbrillen, Bierflaschen, Whiskeygläser, Anzüge - alles, was Gantenbein und Co. brauchen, um die einer Rolle zu tauschen, ein durchgeschwitztes Hemd zu wechseln oder den Durst zu stillen. Nach Gebrauch wird der ganze Krimskrams in den Orchestergraben geworfen, der zu einer Müllgrube ausrangierter Gegenstände und Gedanken umfunktioniert wird.

Das Premierenpublikum fühlt sich prächtig unterhalten und applaudiert kräftig. Dass die kastrierte Textfassung roh und anmaßend ist, die Regieeinfälle grobschlächtig sind und das Spiel von Matthias Brandt nur an der Oberfläche des Textes kratzt, interessiert nicht. Sich ständig wütend die Haare zu raufen, verzweifelt mit den Händen herumzufuchteln, Weltekel und Selbsthass in Heulattacken und Schweißausbrüchen umzumünzen: das ist doch recht simpel und klischeehaft. Frisch aberwitzige Identitätscollage mündet leider nicht in einer klangvollen und mitreißenden Theatersinfonie. Schade.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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