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Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Frauen / Schauspielerinnen 

Rolle: Rahel 
Stück: Die Jüdin von Toledo 
Autor: Franz Grillparzer 

Erscheinungsjahr: 1855 
Originalsprache: Deutsch 


2. Aufzug  

Rahel, Esther und später der König.

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RAHEL: (kommt zurück mit einem Bild ohne Rahmen)
Hier ist des Königs Bild, gelöst vom Rahmen
Das nehm ich mit. [...]
Das Bild gefällt mir. Sieh, es ist so schön,
Ich häng es in der Stube nächst zum Bette.
Des Morgens und des Abends blick ich's an
Und denke mir – was man nun eben denkt
Wenn man der Kleider Last von sich geschüttelt
Und frei sich fühlt von jedem läst'gen Druck.
Doch daß sie meinen nicht, ich stahl es etwa, –
Bin ich doch reich und brauche Stehlens nicht –
Du trägst mein eigen Bild an deinem Hals,
Das hängen wir an dieses andern Stelle,
Das mag er ansehn, so wie seines ich
Und mein gedenken, hätt' er mich vergessen.
Rück mir den Schemel her, ich bin die Kön'gin,
Und diesen König heft ich an den Stuhl.
Die Hexen sagt man, die zur Liebe zwingen,
Sie bohren Nadeln, so, in Wachsgebilde,
Und jeder Stich dringt bis zum Herzen ein,
Und hemmt und fördert wahrgeschaffnes Leben.
(Sie befestigt das Bild an den vier Ecken mit Nadeln an die Lehne des Stuhls.)
O gäbe jeder dieser Stiche Blut,
Ich wollt' es trinken mit den durst'gen Lippen
Und mich erfreun am Unheil das ich schuf.
Nun hängt es da und ist so schön als stumm,
Ich aber red ihn an als Königin
Mit Mantel und mit Krone die mich kleiden.
(Sie hat sich auf den Schemel gesetzt und sitzt vor dem Bilde.)
Ihr ehrvergeßner Mann, stellt Euch nur fromm,
Ich kenne dennoch jeden Eurer Schliche.
Die Jüdin, sie gefiel Euch, leugnet's nur!
Und sie ist schön, bei meinem hohen Wort,
Nur mit mir selber etwa zu vergleichen.
(Der König, von Garceran und Isaak gefolgt, ist gekommen und hat sich hinter den Stuhl gestellt, die Arme auf die Rücklehne gelegt, sie betrachtend.)
Ich, Eure Königin, nun duld es nicht,
Denn eifersüchtig bin ich wie ein Wiesel.
Ob Ihr nun schweigt, das mehrt nur Eure Schuld.
Gesteht! Gefiel sie Euch? Sagt ja!
(Der König nickt. Rahel fährt zusammen, blickt nach dem Bilde, dann aufwärts, erkennt den König und bleibt regungslos auf dem Schemel.)


    


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Frauen / Schauspielerinnen 

Rolle: Hero 
Stück: Des Meeres und der Liebe Wellen 
Autor: Franz Grillparzer 

Erscheinungsjahr: 1831
Originalsprache: Deutsch 


3. Aufzug 

Hero und Leander im Hintergrund

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HERO:(nach einer Pause)
Ich merke wohl, der Vorfall in dem Hain
Mit jenen Fremden hat mir ihn verstimmt.
Und, wahrlich, er hat recht. Gesteh ich's nur!
Wenn ich nicht Hero war, nicht Priesterin,
Den Himmlischen zu frommen Dienst geweiht,
Der Jüngere, der Braungelockte, Kleinre,
Vielleicht gefiel er mir. – Vielleicht? – Je nun!
Ich weiß nunmehr, daß, was sie Neigung nennen,
Ein Wirkliches, ein zu Vermeidendes,
Und meiden will ich's wohl. – Ihr guten Götter!
Wie vieles lehrt ein Tag, und ach, wie wenig
Gibt und vergißt ein Jahr. – Nun, er ist fern,
Im ganzen Leben seh ich kaum ihn wieder,
Und so ist's abgetan. – Wohl gut!
(Sie nimmt den Mantel ab.)
Hier liege du! Mit wie verschiednem Sinn,
Nahm morgens ich, leg ich dich abends hin.
Ein Leben hüllst du ein in deine Falten.
Bewahre was du weißt, ich leg es ab mit dir.

Doch was beginnen nun? Ich kann nicht schlafen.
(Die Lampe ergreifend und in die Höhe haltend.)
Beseh ich mir den Ort? – Wie weit! – wie leer!
Genug werd ich dich schaun manch langes Jahr,
Gern spar ich was du beutst für künft'ge Neugier.
Horch! – Es war nichts. – Allein, allein, allein!
(Sie hat die Lampe seitwärts aufs Fenster gestellt und steht dabei.)
Wie ruhig ist die Nacht! Der Hellespont
Läßt Kindern gleich die frommen Wellen spielen;
Sie flüstern kaum, so still sind sie vergnügt.
Kein Laut, kein Schimmer rings. Nur meine Lampe
Wirft bleiche Lichter durch die dunkle Luft.
Laß mich dich rücken hier an diese Stäbe!
Der späte Wanderer erquicke sich
An dem Gedanken, daß noch jemand wacht,
Und bis zu fernen Ufern jenseits hin
Sei du ein Stern und strahle durch die Nacht.

Doch würdest du bemerkt. Drum komm nur schlafen,
Du bleiche Freundin mit dem stillen Licht.
(Sie trägt die Lampe.)
Und wie ich lösche deinen sanften Strahl,
So möge löschen auch was hier noch flimmert,
Und nie mehr zünd' es neu ein neuer Abend an.
(Sie hat die Lampe auf den Tisch gesetzt.)
So spät noch wach? – Ei Mutter, bitte, bitte!
Nein, Kinder schlafen früh! – Nun denn, es sei!
(Sie nimmt das Geschmeide aus dem Haar und singt dabei mit halber Stimme.)

Und Leda streichelt

Den weichen Flaum.

Das ew'ge Lied! Wie kommt's mir nur in Sinn?
Nicht Götter steigen mehr zu wüsten Türmen,
Kein Schwan, kein Adler bringt Verlaßnen Trost.
Die Einsamkeit bleibt einsam und sie selbst.
(Sie hat sich gesetzt.)
Auch eine Leier legten sie hierher.
Ich habe nie gelernt darauf zu spielen.
Ich wollte wohl, ich hätt's! – Gedanken, bunt
Und wirr durchkreuzen meinen Sinn,
In Tönen lösten leichter sie sich auf.

Ja denn, du schöner Jüngling, still und fromm!
Ich denke dein in dieser späten Stunde,
Und mit so glatt verbreitetem Gefühl,
Daß kein Vergehn sich birgt in seine Falten.
Ich will dir wohl, erfreut doch, daß du fern;
Und reichte meine Stimme bis zu dir,
Ich riefe grüßend: Gute Nacht!

    


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Frauen / Schauspielerinnen 

Rolle: Cornelia 
Stück: Verliebtes Gespenste / Die geliebte Dornrose
Autor: Andreas Gryphius 

Erscheinungsjahr: 1660 
Originalsprache: Deutsch 


Szene: Der Ander Auffzug. Jn dem Lust-Garten. 

Cornelia und Chloris. 

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CORNELIA:
1. Forscht iemand wie in ein Gemütte /
Die strenge Macht der Libe wütte;
Der schau auff mich so wird er finden /
Wie sie die Sinnen könne binden /
Wie sie die Bande könn entschlissen.
Den anderswerts Wald / See und Lüffte folgen müssen.
2. Sie reitzet mich nach dem zu sehen /
Der ehr es schätzt mich zu verschmähen!
Sie zwänget mich nach allen Schätzen /
Auch selbst mein Blut hindanzusetzen!
Jndem / weil ich in ach verschwinde /
Jch leider eifern muß mit meinem libsten Kinde.
3. Cornelie kanst du denn leiden!
Kan dir das Hertze nicht durchschneiden?
Daß deine Tochter gantz verblühet /
Die Mutter nicht an Mutter sihet!
Weil du ihr diß zu nehmen ringest.
Wordurch du dich in Lust / sie ins Verterben bringest.
4. Wie! opffer ich mein Kind den Schmertzen /
Vor den / der mich schleust aus dem Hertzen?
Ach ja! er lern' hiraus erkennen /
Wie feurig dise Geister brennen:
Die alles / ja ihr Blutt auffsetzen
Vmb einig sich mit ihm auff ewig zu ergetzen.
5. Jch libe beyd / doch ich verstehe /
Daß eigne Libe voran gehe /
Drumb ich denn schuldig mich zu mühen /
Vnd meinem Kinde vorzuziehen.
Doch Chloris ist von mir gebohren;
Vnd wird vor den der frembd und mein nicht acht verloren!
6. Ach nein! sie hindert mein Verlangen!
Sie hat die Seele hintergangen /
Die / wann sie nicht von ihr bethöret /
Mein freundlichst locken längst gehöret!
Vnd solt ich dann vor Tochter schätzen /
Die jhre Mutter mehr denn feindlich kan verletzen?
7. Was schaw ich! ruht sie in dem Grunde?
Mit in die Schoß gesencktem Munde?
Die Wangen gantz betaut mit Thränen?
Wie still ich ihr betrübtes sehnen?
Was thu ich! ob ich sie erwecke!
Sie scheust auff! hört / was doch ihr träumend Geist entdecke.
[...] Weh mir! was unbesinnte Sinnen!
Kan Kindes-neigung so zerrinnen!
Was sorg ich vil denn zu betrachten /
Die mich nicht wil vor Mutter achten?
Doch straffe hab ich schon in Händen:
Wenn ich sein Liben kan von dir auff mich abwenden.

    


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Frauen / Schauspielerinnen 

Rolle: Chloris 
Stück: Verliebtes Gespenste / Die geliebte Dornrose
Autor: Andreas Gryphius 

Erscheinungsjahr: 1660 
Originalsprache: Deutsch 


Szene: Der Ander Auffzug. Jn dem Lust-Garten. 

Chloris und Cornelia. 

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CHLORIS :
1. Rinnt bittre Thränen rinnt!
Hat iemals wer ersinnt!
Daß eine Mutter könt ihr Kind so hindan setzen /
Vnd auff den Tod verletzen?
2. Wo ist diß je erhört /
Daß die so hoch versehrt.
Der ich das Leben hab / und was ich bin / zu dancken!
Kan Mutter-Treue wancken?
3. Ach! sie wanckt nur zu vil!
Die vor sich selbst diß wil.
Was das Verhängnüß mir hat einig ausersehen!
Jsts denn umb mich geschehen!
4. Ja freilich! ach ich sol /
(Auff daß der Mutter wohl)
Mich in das tiffste Weh und schwerste Leid versencken
Diß heist mit Gallen träncken!
5. Was ist es / werthe Fraw /
Das sie begehrt? Sie traw /
Jch bin bereit vor sie diß Seelchen hin zu geben!
Zu sterben vor ihr Leben!
6. Nur dieses kommt zu schwer!
Sie wüntscht was ich begehr.
Sie nimmt mir was ich lib und auff den Tod sie hasset!
O besser längst erblasset!
7. Wann der Sie schätzen könt;
Dem leider sie nicht gönt.
Was er so embsig sucht: Wolt ich mich überwinden.
Vnd in die Sache finden.
8. So aber / ach! so seh
Jch nicht wie uns gescheh /
Sie ehrt was vor ihr fleucht / umb was sie libt zu kräncken.
Wo soll ich hin mich lencken?
9. Gehorsam / Lib / und Ehr /
Bestreiten mich zwar sehr.
Doch Lib hat längst mein Hertz in den Besitz genommen.
Da die zu spat ankommen!
10. Halt an geschwinde Bach!
Laß von dem rauschen nach!
Biß ich die traute Schrifft noch einmahl übersehe
Vnd Nymphen euch anflehe:
11. Die jhr umb dises Thal
Die raue Libes-Qval
Vnd ungeheuren Zwang (so wie man mir gesaget)
Nicht einmal habt beklaget.
(Sie setzet sich nider / liset und entschläft.)

    


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Männer / Schauspieler 

Rolle: Rattengift 
Stück: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung 
Autor: Christian Dietrich Grabbe 

Erscheinungsjahr: 1822 
Originalsprache: Deutsch 


2. Akt, 2. Szene

Rattengift allein in seinem Zimmer 

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RATTENGIFT: (sitzt an einem Tische und will dichten) Ach, die Gedanken! Reime sind da, aber die Gedanken, die Gedanken! Da sitze ich, trinke Kaffee, kaue Federn, schreibe hin, streiche aus, und kann keinen Gedanken finden, keinen Gedanken! – Ha, wie ergreife ichs nun? Halt, halt! was geht mir da für eine Idee auf? – Herrlich! göttlich! eben über den Gedanken, daß ich keinen Gedanken finden kann, will ich ein Sonett machen, und wahrhaftig dieser Gedanke über die Gedankenlosigkeit, ist der genialste Gedanke, der mir nur einfallen konnte! Ich mache gleichsam eben darüber, daß ich nicht zu dichten vermag, ein Gedicht! Wie pikant! wie originell! (Er läuft schnell vor den Spiegel.) Auf Ehre, ich sehe doch recht genial aus! (Er setzt sich an einen Tisch.) Nun will ich anfangen! (Er schreibt.)

(Sonett)

Ich saß an meinem Tisch und kaute Federn,
So wie – –

Ja, was in aller Welt sitzt nun so, daß es aussieht wie ich, wenn ich Federn kaue? Wo bekomme ich hier ein schickliches Bild her? Ich will ans Fenster springen und sehen, ob ich draußen nichts Ähnliches erblicke! (Er macht das Fenster auf und sieht ins Freie.) Dort sitzt ein Junge und kackt – Ne, so sieht es nicht aus! – Aber drüben auf der Steinbank sitzt ein zahnloser Bettler und beißt auf ein Stück hartes Brot – Nein, das wäre zu trivial, zu gewöhnlich! (Er macht das Fenster wieder zu und geht in der Stube umher.) Hm, hm! fällt mir denn nichts ein? Ich will doch einmal alles aufzählen, was kauet. Eine Katze kauet, ein Iltis kauet, ein Löwe – Halt! ein Löwe! – Was kauet ein Löwe? Er kauet entweder ein Schaf, oder einen Ochsen, oder eine Ziege, oder ein Pferd – Halt! ein Pferd! – Was dem Pferde die Mähne ist, das ist einer Feder die Fahne, also sehen sich beide ziemlich ähnlich – (jauchzend.) Triumph, da ist ja das Bild! Kühn, neu, calderonisch!

Ich saß an meinem Tisch und kaute Federn,
So wie (indem er hinzuschreibt) der Löwe, eh der Morgen grauet,
Am Pferde, seiner schnellen Feder kauet –

(Er liest diese zwei Zeilen noch einmal laut über und schnalzt mit der Zunge, als ob sie ihm gut schmeckten.)
 Nein, nein! So eine Metapher gibt es noch gar nicht! Ich erschrecke vor meiner eignen poetischen Kraft! (Behaglich eine Tasse Kaffee schlürfend.) Das Pferd eine Löwenfeder! Und nun das Beiwort »schnell«! Wie treffend! Welche Feder möchte auch wohl schneller sein als das Pferd? – Auch die Worte »eh der Morgen grauer!« wie echt homerisch! Sie passen zwar durchaus nicht hieher, aber sie machen das Bild selbstständig, machen es zu einem Epos im kleinen! – O, ich muß noch einmal vor den Spiegel laufen! (Sich darin betrachtend.) Bei Gott, ein höchst geniales Gesicht! Zwar ist die Nase etwas kolossal, doch das gehört dazu! Ex ungue leonem, an der Nase das Genie! 


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Männer / Schauspieler 

Rolle: Herzog Theodor von Gothland 
Stück: Herzog Theodor von Gothland
Autor: Christian Dietrich Grabbe 

Erscheinungsjahr: 1822 
Originalsprache: Deutsch 


1. Aufzug, 2. Auftritt 

Gothland allein.  

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GOTHLAND: 
Sein Lebewohl kommt mir zu spät! Ich war
Ein Glücklicher, als ich noch seine Stimme nicht
Gehört, er selber hat mich aus dem Wahn
Geweckt! Was sprech ich da vom Wahn? Hoffnung auf
Den Menschen und Vertrauen auf den Bruder
Soll Wahn gewesen sein? Dann Himmel! fleh ich:
Wahnwitzig laß mich bleiben immerdar!
Wohl weiß ich es: Nichts steht auf Erden fest;
Der Mensch lehnt sich auf seine Türme,
Und seine Türme stürzen krachend ein –
Doch wer am Busen seines Bruders liegt,
Der fand die heilge Stätte auf, an der
Er sicher ruhet im Gewühl des Lebens! –
Ein Haus der Freundschaft wölbt sich meine Brust
Und an mir selbst müßt ich verzweifeln,
Wenn ich den Brudermord mir denken könnte!
Ihn denken? Wehe! das vermag ich nur
Zu wohl: 'nen Bruder rächend, kann
Ich einen Bruder töten! – O, wer schafft
Gewißheit mir in dieser Angst? Natur,
Ich frage dich! Erschlug er ihn? – Gottlob,
Er tat es nicht! Ich sehe, wie
Die Wölfe ihre Häupter schütteln! – – – Und wärs doch
Geschehen? O, dann brauset racheknirschend auf,
Ihr Höllenpforten! werde schwarz vor Zorn
Du sonnenhelle Ätherwölbung! Satan
Bäum riesig dich empor vom Feuerpfuhl,
Und wirf die Sternenkuppel aus den Angeln!
Brecht los ihr Stürme, deckt die Gräber auf,
Worin der Mord sein blutig Werk verscharrt hat!
Das Weltgericht ist um Jahrtausende
Gezeitigt und es kommt mit Blitzesschwingen,
Denn »Brudermord« sein Stichwort ist erschollen!
Die Erde ist von heilgem Blut gerötet
Und ein geschminkter Tiger ist der Mensch!
Weh! Weh! zu welchem Ziele wird dies führen?
Ich bete! Hörer mich ihr obern Mächte!
Hört mich, den Wurm, dem man sein einzig Gut
Will rauben! Nehmt Gesundheit mir und Habe, – doch
Den Glauben an die Menschheit, diesen Trost
Des Menschen in den Nöten, ohne den
Es keine Liebe, ewgen Haß nur gibt,
Der mich vertrauen lehret auf mich selbst,
Der mich beglückt, wenn ich mein Weib
Umfasse, der den Menschen menschlich macht,
Den Glauben an die Menschheit raubt mir nicht!
– Gib meine Ruh mir wieder, Neger, und wenn
Du mich in ehrne Banden schlagen müßtest;
Nur meine Ruhe gib mir wieder! – – Ob es
Geschah, ob nicht, kann ich in Northals Dom
An Manfreds Sarg erfahren; also hin,
Mit eignem Aug den Leichnam anzusehn! (Er ruft zum Fenster hinaus.)
Auf, Erik, sattle mir mein schnellstes Roß!
Die Zügel sind nicht nötig! (Vom Fenster wegtretend.) Tod und Qual
Dem Neger, wenn er log!



Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Frauen / Schauspielerinnen 

Rolle: Pepel
Stück: Nachtasyl 
Autor: Maxim Gorki

Erscheinungsjahr: 1902 
Originalsprache: Russisch 
Übersetzung (Deutsch): August Scholz 
Übersetzung (Englisch): Oliver M. Sayler 


3. Aufzug

Pepel, Natascha, Luka und Wassilissa

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PEPEL: (in entschlossenem Ton) Hör mal, Natascha … ich möchte mit dir reden … In seinem Beisein … er weiß alles … Komm … mit mir!

NATASCHA: Wohin? Ins Gefängnis?

PEPEL: Ich hab dir schon gesagt, daß ich aufhören will mit dem Stehlen! Bei Gott – ich laß es! Wenn ich's gesagt habe, halt ich Wort! Ich hab Lesen und Schreiben gelernt … kann mich redlich ernähren … (Mit einer Kopfbewegung nach Luka) Er hat mir geraten – ich sollt's in Sibirien versuchen … freiwillig sollt ich hingehen … Was meinst du – wollen wir hin? Glaub mir, ich habe mein Leben längst satt! Ach, Natascha! Ich seh doch, wie die Dinge liegen … Ich such mich damit zu trösten, daß andere noch mehr stehlen als ich – und dabei in Ehren leben … Aber was hilft mir das? Gar nichts? Reue verspür ich nicht … glaub auch an kein Gewissen … Eins aber fühl ich: ich muß anders leben! Besser muß ich leben! So muß ich leben … daß ich mich selber achten kann …

LUKA: Ganz recht, mein Lieber! Der Herr sei mit dir … Christus mag dir helfen! Ganz richtig sagst du: Der Mensch muß sich selber achten …

PEPEL: Ich war schon von klein auf nur – der Dieb … Immer hieß es: Wasjka der Dieb, Wasjka, der Spitzbubenjunge! Gut, mir kann's recht sein; weil ihr's so wolltet, bin ich ein Dieb geworden … Nur ihnen zum Possen bin ich's vielleicht geworden … weil nie jemand darauf kam, mich anders zu nennen als … Dieb! … Nenn du mich anders, Natascha … nun?

NATASCHA: (schwermütig) Ich trau nicht recht … Worte sind Worte … Und dann … ich weiß nicht … ich bin heut so unruhig … so bange ist mir ums Herz … als ob ich etwas erwartete! Hättest heut nicht davon anfangen sollen, Wassilij …

PEPEL: Wann denn sonst? Ich sage dir's nicht zum erstenmal …

NATASCHA: Wie soll ich denn mit dir gehen? Ich liebe dich ja … nicht so … Manchmal gefällst du mir wohl … aber 's kommt auch vor, daß es mir zuwider ist, dich nur anzusehen. Jedenfalls – lieb ich dich nicht … Wenn man liebt, sieht man keine Fehler am Geliebten … und ich seh doch welche an dir …

PEPEL: Wirst mich schon liebgewinnen, hab keine Angst! Wirst dich an mich gewöhnen … sag nur erst »ja!« Länger als ein Jahr hab ich dir zugeschaut, und ich sehe, du bist ein braves Mädchen, … ein guter, treuer Mensch … von Herzen hab ich dich liebgewonnen! 

Wassilissa, noch im ausgehkleide, erscheint am oberen Fenster; sie drückt sich gegen den Pfosten und lauscht.

NATASCHA: So … mich hast du liebgewonnen, und meine Schwester …

PEPEL:(verlegen)  Was ich mich aus der mache! Die Sorte ist nicht weit her …

LUKA: Hat nichts zu sagen, meine Tochter! Man ißt auch mal Gartenmelde … wenn man nämlich kein Brot hat …

PEPEL:  (düster) Hab Erbarmen mit mir! 's ist kein leichtes Leben, das ich führe – so freudlos, gehetzt wie ein Wolf … Wenn ich im Moor versänke … wonach ich fasse, alles verfault … nichts gibt mir Halt … Deine Schwester, dacht ich, würde anders sein … wäre sie nicht so geldgierig – ich hätte um sie … alles gewagt! Wenn sie nur zu mir gehalten hätte – ganz und gar zu mir … Na, ihr Herz steht eben nach anderem … ihr ist's ums Geld zu tun … und um die Freiheit … und nach Freiheit begehrt sie nur, um liederlich sein zu können. Die kann mir nicht helfen … Du aber – bist wie eine junge Tanne: du stichst wohl, aber du gibt's Halt …

LUKA: Und ich sage dir: Nimm ihn, meine Tochter, nimm ihn! Er ist 'n herzensguter Junge ! Mußt ihn nur öfter daran erinnern, daß er gut ist … damit er's nicht vergißt, heißt das! Er wird dir's schon glauben! … Sag ihm nur immer: »Wassja«, sag, »du bist ein guter Mensch … vergiß das nicht!« Überleg doch mal, meine Liebe – was sollst du sonst anfangen? Deine Schwester – die ist ein böses Tier; von ihrem Manne läßt sich auch nicht Gutes sagen: keine Worte gibt's, seine Schlechtigkeit zu benennen … und dieses ganze Leben hier … wo findest du 'nen Weg … hier heraus? Der Wasja aber … ist ein kräftiger Bursche …

NATASCHA: Einen Weg find ich nicht … das weiß ich … hab's schon selbst überlegt … Aber ich … trau halt keinem … Ich seh keinen Weg hier heraus …

PEPEL: Einen Weg gibt's wohl … aber den laß ich dich nicht gehen … Eher schlag ich dich tot …

NATASCHA:  (lächelnd) Sieh doch … ich bin noch nicht mal deine Frau, und schon willst du mich totschlagen!

PEPEL:  (legt seinen Arm um sie) Sag »ja«, Natascha, 's wird schon werden …

 


3. Aufzug

Pepel, Natascha, Luka und Wassilissa

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PEPEL: (in entschlossenem Ton) Hör mal, Natascha … ich möchte mit dir reden … In seinem Beisein … er weiß alles … Komm … mit mir! Ich hab dir schon gesagt, daß ich aufhören will mit dem Stehlen! Bei Gott – ich laß es! Wenn ich's gesagt habe, halt ich Wort! Ich hab Lesen und Schreiben gelernt … kann mich redlich ernähren … (Mit einer Kopfbewegung nach Luka) Er hat mir geraten – ich sollt's in Sibirien versuchen … freiwillig sollt ich hingehen … Was meinst du – wollen wir hin? Glaub mir, ich habe mein Leben längst satt! Ach, Natascha! Ich seh doch, wie die Dinge liegen … Ich such mich damit zu trösten, daß andere noch mehr stehlen als ich – und dabei in Ehren leben … Aber was hilft mir das? Gar nichts? Reue verspür ich nicht … glaub auch an kein Gewissen … Eins aber fühl ich: ich muß anders leben! Besser muß ich leben! So muß ich leben … daß ich mich selber achten kann … Ich war schon von klein auf nur – der Dieb … Immer hieß es: Wasjka der Dieb, Wasjka, der Spitzbubenjunge! Gut, mir kann's recht sein; weil ihr's so wolltet, bin ich ein Dieb geworden … Nur ihnen zum Possen bin ich's vielleicht geworden … weil nie jemand darauf kam, mich anders zu nennen als … Dieb! … Nenn du mich anders, Natascha … nun? Wann denn sonst? Ich sage dir's nicht zum erstenmal … Wirst mich schon liebgewinnen, hab keine Angst! Wirst dich an mich gewöhnen … sag nur erst »ja!« Länger als ein Jahr hab ich dir zugeschaut, und ich sehe, du bist ein braves Mädchen, … ein guter, treuer Mensch … von Herzen hab ich dich liebgewonnen! (verlegen) Was ich mich aus der mache! Die Sorte ist nicht weit her … (düster) Hab Erbarmen mit mir! 's ist kein leichtes Leben, das ich führe – so freudlos, gehetzt wie ein Wolf … Wenn ich im Moor versänke … wonach ich fasse, alles verfault … nichts gibt mir Halt … Deine Schwester, dacht ich, würde anders sein … wäre sie nicht so geldgierig – ich hätte um sie … alles gewagt! Wenn sie nur zu mir gehalten hätte – ganz und gar zu mir … Na, ihr Herz steht eben nach anderem … ihr ist's ums Geld zu tun … und um die Freiheit … und nach Freiheit begehrt sie nur, um liederlich sein zu können. Die kann mir nicht helfen … Du aber – bist wie eine junge Tanne: du stichst wohl, aber du gibt's Halt … Einen Weg gibt's wohl … aber den laß ich dich nicht gehen … Eher schlag ich dich tot … (legt seinen Arm um sie) Sag »ja«, Natascha, 's wird schon werden …

 


3. Act

Pepel, Natascha, Luka and Wassilissa

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PEPEL: (in entschlossenem Ton) Hör I told you -- I'm through with being a thief, so help me God! I'll quit! If I say so, I'll do it! I can read and write -- I'll work -- He's been telling me to go to Siberia on my own hook -- let's go there together, what do you say? Do you think I'm not disgusted with my whole life? Oh -- Natasha -- I know . . . I see . . . I console myself with the thought that there are lots of people who are honored and respected -- and who are bigger thieves than I! But what good is that to me? It isn't that I repent . . . I've no conscience . . . but I do feel one thing: One must live differently. One must live a better life . . . one must be able to respect one's own self . . . I've been a thief from childhood on. Everybody always called me "Vaska -- the thief -- the son of a thief!" Oh -- very well then -- I am a thief -- . . . just imagine -- now, perhaps I am a thief out of spite -- perhaps I'm a thief because no one ever called me anything different. Come with me. You'll love me after a while! I'll make you care for me . . . if you'll just say yes! For over a year I've watched you . . . you're a decent girl . . . you're kind -- you're reliable -- I'm very much in love with you. Please -- feel a little sorry for me! My life isn't all roses -- it's a hell of a life . . . little happiness in it . . . I feel as if a swamp were sucking me under . . . and whatever I try to catch and hold on to, is rotten . . . it breaks . . . Your sister -- oh -- I thought she was different . . . if she weren't so greedy after money . . . I'd have done anything for her sake, if she were only all mine . . . but she must have someone else . . . and she has to have money -- and freedom . . . because she doesn't like the straight and narrow . . . she can't help me. But you're like a young fir-tree . . . you bend, but you don't break. . . . Come, Natasha! Say yes!

   


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Frauen / Schauspielerinnen 

Rolle: Nastja 
Stück: Nachtasyl 
Autor: Maxim Gorki

Erscheinungsjahr: 1902 
Originalsprache: Russisch 
Übersetzung (Deutsch): August Scholz 
Übersetzung (Englisch): Oliver M. Sayler 


3. Aufzug

Nastja, Natascha, Bubnow, der Baron und Luka 

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NASTJA: (mit geschlossenen Augen, bewegt den Kopf im Takt zu ihrer Erzählung, die sie in singendem Ton vorträgt) In der Nacht also kommt er in den Garten, in die Laube, wie wir es verabredet hatten … und ich warte schon längst und zittre vor Angst und Kummer. Auch er zittert am ganzen Leibe und ist kreideweiß , in der Hand aber hat er einen Revolver … (...) Und mit schrecklicher Stimme spricht er zu mir: Meine teure Geliebte … Meine Herzallerliebste, sagt er, mein Goldschatz! Die Eltern verweigern mir meine Einwilligung dazu, sagt er, daß ich dich heirate … und drohen mir mit ihrem Fluche, wenn ich nicht von dir lasse. Und so muß ich mir denn, sagt er, das Leben nehmen … Und sein Revolver war ganz fürchterlich groß und mit zehn Kugeln geladen … Lebe wohl, sagt er, traute Freundin meines Herzens! Mein Entschluß ist unwiderruflich … ich kann ohne dich nicht leben. Ich aber antwortete ihm: Mein unvergeßlicher Freund … mein Raoul … (...) (springt auf) Schweigt … ihr Unglücklichen! Ihr … elenden Strolche! Könnt ihr überhaupt begreifen, was Liebe ist … wirkliche, echte Liebe? Und ich … ich habe sie gekostet, diese wirkliche Liebe! (Zum Baron) Du Jammerkerl … Du willst ein gebildeter Mensch sein … sagst, du hättest im Bett Kaffee getrunken … (...) (setzt sich wieder) Ich will nicht … Ich erzähl nicht weiter … Wenn sie's nicht glauben wollen … und darüber lachen … (Bricht plötzlich ab, schweigt ein paar Sekunden, schließt wieder die Augen und fährt dann laut und hastig fort zu erzählen, wobei sie im Takt zu ihrer Rede die Hand bewegt und gleichsam auf eine in der Ferne erklingende Musik lauscht.) Und ich antworte ihm darauf: Du Freude meines Daseins! Du glänzender Stern! Auch ich vermag ohne dich nicht zu leben … weil ich dich wahnsinnig liebe und allezeit lieben werde, solange das Herz in meiner Brust schlägt! Aber, sag ich, beraube dich nicht deines jungen Lebens … denn sieh, deine teuren Eltern, deren einzige Freude du bist – sie bedürfen dein … Laß ab von mir! Mag ich lieber zugrunde gehen … aus Sehnsucht nach dir, mein Leben … ich bin allein … ich bin – so eine! Ja, laß mich sterben … was liegt daran … denn ich tauge nichts … und habe nichts … rein gar nichts … (Bedeckt ihr Gesicht mit den Händen und weint still in sich hinein.)

 


3. Aufzug

Nastja, Natascha, Bubnow, der Baron und Luka 

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NASTJA: (mit geschlossenen Augen, bewegt den Kopf im Takt zu ihrer Erzählung, die sie in singendem Ton vorträgt) In der Nacht also kommt er in den Garten, in die Laube, wie wir es verabredet hatten … und ich warte schon längst und zittre vor Angst und Kummer. Auch er zittert am ganzen Leibe und ist kreideweiß , in der Hand aber hat er einen Revolver … Und mit schrecklicher Stimme spricht er zu mir: Meine teure Geliebte … Meine Herzallerliebste, sagt er, mein Goldschatz! Die Eltern verweigern mir meine Einwilligung dazu, sagt er, daß ich dich heirate … und drohen mir mit ihrem Fluche, wenn ich nicht von dir lasse. Und so muß ich mir denn, sagt er, das Leben nehmen … Und sein Revolver war ganz fürchterlich groß und mit zehn Kugeln geladen … Lebe wohl, sagt er, traute Freundin meines Herzens! Mein Entschluß ist unwiderruflich … ich kann ohne dich nicht leben. Ich aber antwortete ihm: Mein unvergeßlicher Freund … mein Raoul … (springt auf) Schweigt … ihr Unglücklichen! Ihr … elenden Strolche! Könnt ihr überhaupt begreifen, was Liebe ist … wirkliche, echte Liebe? Und ich … ich habe sie gekostet, diese wirkliche Liebe!

 


3. Act

Nastja, Natascha, Bubnow, the Baron and Luka 

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NASTJA: At night he came into the garden. I had been waiting for him quite awhile. I trembled with fear and grief--he trembled, too . . . he was a white as chalk--and he had the pistol in his hand . . . and he says to me in a dreadful voice: "My precious darling ... My one and only love," he says, "my parents," he says, "refuse to give their consent to our wedding--and threaten to disown me because of my love for you. Therefore," he says, "I must take my life." And his pistol was huge--and loaded with ten bullets . . . "Farewell," he says, "beloved comrade! I have made up my mind for good and all . . . I can't live without you . . ." and I replied: "My unforgettable friend--my Raoul--joy of my life! My bright moon! I, too, I can't live without you--because I love you madly, so madly--and I shall keep on loving you as long as my heart beats in my bosom. But--" I say--"don't take your young life! Think how necessary it is to your dear parents whose only happiness you are. Leave me! Better that I should perish from longing for you, my life! I alone! I--ah--as such, such! Better that I should die--it doesn't matter . . . I am of no use to the world--I have nothing, nothing at all--" [Covers her face with her hand and weeps--then jumping up.] Shut up, you bastards! Ah--you lousy mongrels! So help me God--it happened! It happened! He was a student, a Frenchman--Gastotcha was his name--he had a little black beard--and patent leathers--may God strike me dead if I'm lying! And he loved me so--my God, how he loved me!

   


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Männer / Schauspieler 

Rolle: Luka 
Stück: Nachtasyl 
Autor: Maxim Gorki

Erscheinungsjahr: 1902 
Originalsprache: Russisch 
Übersetzung (Deutsch): August Scholz 
Übersetzung (Englisch): Oliver M. Sayler 


3. Aufzug

Luka, Natascha, Bubnow und der Baron

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LUKA: Gut bin ich, sagst du? Na … 's ist doch recht so, denk ich … ja! (Hinter der roten Wand hört man leisen Gesang und Harmonikaspiel.) Siehst du, Mädel – es muß doch auch einer da sein, der gut ist … Wir sollen Erbarmen haben mit den Menschen! Christus, siehst du – der hatte Erbarmen mit allen und hat's auch uns so befohlen … Zur rechten Zeit Erbarmen haben – glaub mir's, es ist immer gut! Da war ich zum Beispiel mal als Wächter in einem Landhaus angestellt, bei einem Ingenieur, nicht weit von der Stadt Tomsk in Sibirien … Na, schön! Mitten im Walde stand das Landhaus, eine ganz einsame Gegend … und Winter war's, und ich war ganz allein in dem Landhaus … Schön war's dort – ganz prächtig! Und einmal … hör ich, wie sie näher schleichen! (...) Sie schleichen näher, und ich nehme meine Büchse und trete ins Freie … Ich sehe: es sind zwei Mann … eben steigen sie in ein Fenster ein und sind so eifrig bei der Sache, daß sie mich gar nicht sehen. Ich schrei auf sie los: Heda! … Macht, daß ihr fortkommt … Und sie stürzen, denkt euch, auf mich mit 'nem Beil los … Ich warne sie – Halt! Ruf ich, sonst geb ich Feuer! … Und dabei leg ich bald auf den einen, bald auf den andern an. Sie fallen auf die Knie, das sollte heißen: Verschone uns! Na, ich war mächtig tückisch … wegen des Beils, weißt du! Ihr Waldteufel, sag ich, ich hab euch fortjagen wollen – und ihr seid nicht gegangen! … Und jetzt, sag ich, mag mal einer von euch im Busch drüben Ruten holen! Sie tun's. Und nun befehl ich: Einer von euch lege sich hin und der andre – mag ihn prügeln! Und so haben sie, auf mein Geheiß, sich gegenseitig durchgeprügelt. Und wie sie jeder ihre Tracht Prügel weg haben, da sagen sie zu mir: Großväterchen, sagen sie, gib uns ein Stück Brot, um Christi Willen! Nicht 'nen Bissen haben wir im Leibe. Das waren nun die Diebe, meine Tochter … (lacht)  … die mit 'nem Beil auf mich losgegangen waren! Ja … ein paar prächtige Jungen waren's … Ich sage zu ihnen: Ihr Waldteufel, hättet doch gleich um Brot bitten sollen! Da meinten sie: 's war uns schon über … man bittet, bittet und kein Mensch gibt was … Da geht einem die Geduld aus! Na, und so blieben sie also bei mir, den ganzen Winter. Der eine – Stepan hieß er – nimmt gern mal die Büchse und geht in de Wald. Und der andre, Jakow mit Namen, war immer krank, hustete immer … Zu dreien, heißt das, bewachten wir so das Landhaus. Und wie der Frühling kam – da sagten sie: Leb wohl, Großväterchen! Und machten sich auf … nach Rußland (...) … sie waren Flüchtlinge … hatten ihren Ansiedelungsort verlassen … ein paar prächtige Jungen … Hätt ich kein Erbarmen mit ihnen gehabt – wer weiß, wie's gekommen wäre! Vielleicht hätten sie mich erschlagen … Dann wären sie vor Gericht gekommen und ins Gefängnis und nach Sibirien zurück … wozu das? Das Gefängnis lehrt dich nichts Gutes, und auch Sibirien lehrt dich's nicht … Aber ein Mensch – der kann dich das Gut lehren … sehr einfach!

 


3. Act

Luka, Natascha, Bubnow and the Baron

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LUKA: Some one has to be kind, girl -- some one has to pity people! Christ pitied everybody -- and he said to us: "Go and do likewise!" I tell you -- if you pity a man when he most needs it, good comes of it. Why -- I used to be a watchman on the estate of an engineer near Tomsk -- all right -- the house was right in the middle of a forest -- lonely place -- winter came -- and I remained all by myself. Well -- one night I heard a noise -- thieves creeping in! I took my gun -- I went out. I looked and saw two of them opening a window -- and so busy that they didn't even see me. I yell: "Hey there -- get out of here!" And they turn on me with their axes -- I warn them to stand back, or I'd shoot -- and as I speak, I keep on covering them with my gun, first on the one, then the other -- they go down on their knees, as if to implore me for mercy. And by that time I was furious -- because of those axes, you see -- and so I say to them: "I was chasing you, you scoundrels -- and you didn't go. Now you go and break off some stout branches!" -- and they did so -- and I say: "Now -- one of you lie down and let the other one flog him!" So they obey me and flog each other -- and then they began to implore me again. "Grandfather," they say, "for God's sake give us some bread! We're hungry!" There's thieves for you, my dear! [Laughs.] And with an ax, too! Yes -- honest peasants, both of them! And I say to them, "You should have asked for bread straight away!" And they say: "We got tired of asking -- you beg and beg -- and nobody gives you a crumb -- it hurts!" So they stayed with me all that winter -- one of them, Stepan, would take my gun and go shooting in the forest -- and the other, Yakoff, was ill most of the time -- he coughed a lot . . . and so the three of us together looked after the house . . . then spring came . . . "Good-bye, grandfather," they said -- and they went away -- back home to Russia . . . escaped convicts -- from a Siberian prison camp . . . honest peasants! If I hadn't felt sorry for them -- they might have killed me -- or maybe worse -- and then there would have been a trial and prison and afterwards Siberia -- what's the sense of it? Prison teaches no good -- and Siberia doesn't either -- but another human being can . . . yes, a human being can teach another one kindness -- very simply!

   


Moderne Monologe zum Vorsprechen: 
Monologe für Männer / Schauspieler 

Rolle: Luka 
Stück: Nachtasyl 
Autor: Maxim Gorki

Erscheinungsjahr: 1902 
Originalsprache: Russisch 
Übersetzung (Deutsch): August Scholz 
Übersetzung (Englisch): Oliver M. Sayler 


3. Aufzug

Luka, Natascha, Bubnow und der Baron

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LUKA: (nachdenklich zu Bubnow) Du sagst – die Wahrheit … Die Wahrheit ist aber nicht immer gut für den Menschen … nicht immer heilst du die Seele mit der Wahrheit … Zum Beispiel folgender Fall: ich kannte einen Menschen, der glaubte an das Land der Gerechten. (...) Es muß, sagte er, auf der Welt ein Land der Gerechten geben … in dem Lande wohnen sozusagen Menschen von besonderer Art … gute Menschen, die einander achten, die sich gegenseitig helfen, wo sie können … alles ist bei ihnen gut und schön! Dieses Land der Gerechten also wollte jener Mensch immer suchen gehen … Er war arm, und es ging ihm schlecht …und wie's ihm schon gar zu schwer fiel, daß ihm nichts weiter übrigblieb, als sich hinzulegen und zu sterben – da verlor er noch immer nicht den Mut, sondern lächelte öfters vor sich hin und meinte: Hat nichts zu sagen – ich trag's! Noch ein Weilchen wart ich – dann werf ich dieses Leben ganz von mir und geh in das Land der Gerechten … Seine einzige Freude war es – dieses Land der Gerechten … (...) Nun wurde nach eben jenem Ort – die Sache ist nämlich in Sibirien passiert – ein Verbannter gebracht, ein Gelehrter Mensch … mit Büchern und mit Plänen und mit allerhand Künsten … Und jener Mensch spricht zu dem Gelehrten: Sag mir doch gefälligst, wo liegt das Land der Gerechten, und wie kann man dahin gelangen? Da schlägt nun der Gelehrte gleich seine Bücher auf und breitet seine Pläne aus … und guckt und guckt – aber das Land der Gerechten findet er nirgends! Alles ist sonst richtig, alle Länder sind aufgezeichnet – nur das Land der Gerechten nicht! (...) Der Mensch – will ihm nicht glauben … Es muß drauf sein, sagt er … such nur genauer! Sonst sind ja, sagt er, alle deine Bücher und Pläne nicht 'nen Pfifferling wert, wenn das Land der Gerechten nicht drin verzeichnet ist … Mein Gelehrter ist beleidigt. Meine Pläne, sagt er, sind ganz richtig, und ein Land der Gerechten gibt's überhaupt nirgends. – Na, da wurde nun der andere ganz wütend. Was? Sagt er, da habe ich nun gelebt und gelebt, geduldet und geduldet und immer geglaubt, es gebe solch ein Land! Und nach deinen Plänen gibt es keins! Das ist Raub … und zu dem Gelehrten sagt er: Du nichtsnutziger Kerl! Ein Schuft bist du und kein Gelehrter! Und gab ihm eins übern Schädel, und noch eins … (Schweigt ein Weilchen) Und dann ging er nach Hause … und hängte sich auf … (Alle schweigen.)

 


3. Act

Luka, Natascha, Bubnow and the Baron

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LUKA: There -- you say -- truth! Truth doesn't always heal a wounded soul. For instance, I knew of a man who believed in a land of righteousness. He said: "Somewhere on this earth there must be a righteous land -- and wonderful people live there -- good people! They respect each other, help each other, and everything is peaceful and good!" And so that man -- who was always searching for this land of righteousness -- he was poor and lived miserably -- and when things got to be so bad with him that it seemed there was nothing else for him to do except lie down and die -- even then he never lost heart -- but he'd just smile and say: "Never mind! I can stand it! A little while longer -- and I'll have done with this life -- and I'll go in search of the righteous land!" -- it was his one happiness -- the thought of that land. And then to this place -- in Siberia, by the way -- there came a convict -- a learned man with books and maps -- yes, a learned man who knew all sorts of things -- and the other man said to him: "Do me a favor -- show me where is the land of righteousness and how I can get there." At once the learned man opened his books, spread out his maps, and looked and looked and he said -- no -- he couldn't find this land anywhere . . . everything was correct -- all the lands on earth were marked -- but not this land of righteousness. The man wouldn't believe it. . . . "It must exist," he said, "look carefully. Otherwise," he says, "your books and maps are of no use if there's no land of righteousness." The learned man was offended. "My plans," he said, "are correct. But there exists no land of righteousness anywhere." Well, then the other man got angry. He'd lived and lived and suffered and suffered, and had believed all the time in the existence of this land -- and now, according to the plans, it didn't exist at all. He felt robbed! And he said to the learned man: "Ah -- you scum of the earth! You're not a learned man at all -- but just a damned cheat!" -- and he gave him a good wallop in the eye -- then another one . . . [After a moment's silence.] And then he went home and hanged himself.

   


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