Macbeth - Ein Kurznachrichtentheater

Bewertung und Kritik zu

MAC­BETH - EIN KURZNACHRICHTENTHEATER 
nach William Shakespeare
Regie: Jan Philipp Gloger 
Premiere: 12. März 2021 
Staatstheater Nürnberg 

Zum Inhalt: Kurznachrichten sind zu einer allgegenwärtigen Art der Kommunikation geworden. Unzählige Dialoge spielen sich täglich auf WhatsApp, Telegram und Co. ab. Was macht diese Kommunikationsform aus? Und was passiert mit einem Klassiker der Theaterliteratur auf der digitalen Bühne eines Chatrooms? Das untersucht Regisseur Jan Philipp Gloger gemeinsam mit Ensemblemitgliedern in dieser Online-Inszenierung, die Sie live bei Telegram verfolgen. Dass Telegram seinen Nutzern die Möglichkeit völliger Anonymität bietet, führt dazu, dass sich hier Verschwörungsideologinnen, Rechtsextreme und zuletzt Coronaleugnerinnen in Gruppen zusammenfinden und gegenseitig in ihrer Weltanschauung bestätigen. Diese Gruppen bilden eine erschreckende Parallelwelt.

Mit den Mitteln genau dieses Kurznachrichtendienstes lassen nun Schauspieler*innen Figuren aus Shakespeares Macbeth lebendig werden und erzählen von Menschen, die - dubiosen Prophezeiungen folgend - ihre eigene Realität konstruieren, sich in Machtphantasien hineinsteigern und deren Taten doch blutige Auswirkungen auf die Wirklichkeit haben.

Mit Justus Pfankuch


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Anerkennenswertes Experiment bleibt hinter Vorbildern zurück
  · 13.03.21
Der bekannte Shakespeare-Plot und die kunstvolle, bewusst archaische Übersetzung von Angela Schanelec bleiben in diesem Lockdown-Theater-Experiment erhalten. Meist fliegen die Dialoge als mit Smileys versehene Kurznachrichten oder in kleinen Sprachnachrichten zwischen Macbeth (Justus Pfankuch) und seiner Frau (Lisa Mies) hin und her. Je verzweifelter und wirrer die Gedanken werden, desto mehr Tippfehler schleichen sich in die Online-Korrespondenz über die perfiden Mordpläne des Paares. Die Lady neckt ihren Liebsten mit Comedy- oder Kätzchen-Videos von Youtube, er revanchiert sich mit Großaufnahmen der Blutlachen und Leichen. Dräuende Hintermusik wird in den Audiodateien immer dann eingesetzt, wenn sich die Handlung der Tragödie dramatisch zuspitzt.

Der Shakespeare-Klassiker erzählt sich auch in diesem ungewohnten Telegram-Format handwerklich souverän und strebt zielstrebig seinem bekannten blutigen Finale entgegen. Diesem Experiment ist aber doch in jedem Moment deutlich anzumerken, dass es aus der Not des Lockdowns heraus geboren ist. Die Collage aus Sprach- und Textnachrichten und kleinen Icons testet einen neuen Kanal, die Spieler*innen und ihre Körper treten völlig dahinter zurück, so dass dieses Kurznachrichtentheater trotz aller Blutrünstigkeit des Stoffs recht blutleer bleibt. Diesem anerkennenswerten „Macbeth“-Versuch fehlt die Virtuosität, mit der zu Beginn des 2. Lockdowns die Gruppe „Freies digitales Theater“ in „werther.live“ (frei nach Goethe) verschiedene Social Media-Kanäle ausprobierte und dies sehr gekonnt damit verknüpfte, dass die Spieler*innen auch in kleinen Zoom-Szenen mit einander direkter in Kontakt traten.

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