Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Bewertung und Kritik zu

DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE 
nach Luis Buñuel
Regie: Claudia Bauer 
Premiere: 12. März 2022 
Schauspiel Frankfurt 

Zum Inhalt: Einige lässig elegante und kultiviert gelangweilte Angehörige des Bürgertums laden sich gegenseitig zum Essen ein – und ständig kommen ihnen die merkwürdigsten Vorfälle dazwischen. Sie wahren indes stets die Contenance, sei es angesichts eines Truppenmanövers, der Verhaftung wegen ihrer Drogengeschäfte oder wenn die Gastgeber vor dem Dinner Sex im Gebüsch haben. Allerdings häufen sich in Luis Buñuels Oscar-prämiertem Film von 1972 zusehends die Seltsamkeiten und etwas makabren Zufälle, bis die Dramaturgie zum Traumspiegelkabinett wird und die Realität als Referenzpunkt nicht mehr greifbar ist. In ihren Träumen grinst die Bourgeoisie in vielfacher Gestalt der Tod an, ihre Dekadenz, ihre eigene überfällige Liquidation.

Regisseurin Claudia Bauer setzt mit dieser Arbeit ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Musiker und Autor PeterLicht fort. Er überführt Buñuels surrealistische Traumordnung in eine heutige urbane Middleclass-Bubble mit hohem Wiedererkennungswert.

Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Musik: Peer Baierlein
Video: Jan Isaak Voges
Mitarbeit Video: Rebekka Waitz
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Marcel Heyde


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Blödelei und Rumgegurke
  · 29.05.22
''Nach den Motiven von Buñuels Film, in dem sich eine bürgerliche Tischgesellschaft zum Abendessen verabredet, das Zusammentreffen aber immer wieder aus anderen Gründen scheitert, entwickelt sich ein absurdes „Rumgegurke“, das sich konsequent ins Lächerliche zieht. Und während sich die Wohlstandsblase über Chia-Samen, Erbsenproteine und Hildegard von Bingen auslässt, liegt der gerufene Pizza-Bote tot im Vorgarten. Bei Buñuel noch aus einer südamerikanischen Bananenrepublik stammt der Kulturattaché (Sebastian Kuschmann) hier aus einem nicht weniger zwielichtigen islamischen Wüstenstaat und wird von investigativen Kinderreporter:inneren in weißen Kleidchen und Gesichtsmasken verfolgt. Pseudophilosophisches zur Ungleichheit, der Haltung des woken Mittelstands zu Klassismus, Rassismus und anderen aktuellen Diskursthemen als Gagparade.

So dreht der Text zwei Stunden lang munter Locken wie auf einer barocken Perücke und nimmt dabei fast schon enervierend karikierend den übertriebenen bourgeoisen Neusprech aufs Korn. Der Kochkreis dreht sich samt Container unentwegt um die eigenen Befindlichkeiten und entlarvt zur Freude des kichernden Publikums seine Überheblichkeit gegenüber der studentischen Putzkraft Tatti (Philipp Alexej Voigtländer). Irgendwann marschiert sogar eine ganze SEK-Einheit in Vollmontur zum Terrortraining auf und wird sofort zum Essen eingeladen. Was im Inneren passiert, überträgt eine Livekamera auf die Containerwände. Auch die surrealen Albträume der einzelnen Figuren, in denen sich ihre unterbewussten Ängste manifestieren, lässt die Inszenierung nicht aus. Bis dann irgendwann wie auch im Film mit der Rückwand des Containers die sogenannte vierte Wand fällt und die Tischgesellschaft sich dem Publikum gegenübersieht. Der stammelnde Hausherr Henri (Andreas Vögler) hat den Text vergessen und muss von der neben ihm stehenden Souffleuse unterstützt werden.'' schreibt Stefan Bock am 29. Mai 2022 auf KULTURA-EXTRA
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