Bewertung und Kritik zu

NEVER FOREVER
von Falk Richter und TOTAL BRUTAL
Regie: Falk Richter
Premiere: 9. September 2014 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin

Eine Frau wird beobachtet: die unzähligen Informationen, die sich über sie finden lassen, fügen sich für ihren Beobachter zu keinem klaren Bild. Eine Therapeutin identifiziert sich so stark mit ihrer Patientin, dass ihr Leben außer Kontrolle gerät. Ein Vater, den seine Exfrau auf die Straße gesetzt hat, will seinen Sohn sehen. Ein Philosoph verachtet seine Studenten, die unentwegt auf ihre Smartphones starren und nur noch Highlights hören wollen. Ein vereinsamter junger Mann surft ruhelos im Internet und postet Extremes und Verstörendes in der verzweifelten Hoffnung auf Aufmerksamkeit. All diese Menschen finden keine Ruhe. Sie suchen nach echten Begegnungen, spiegeln dann aber doch nur sich selbst im Anderen und tauchen ab ins Digitale. Sie leben mit einer virtuell unendlichen Anzahl von Möglichkeiten, sie arbeiten bis zur Erschöpfung – vor allem an sich selbst. Vereinzelt, narzisstisch, abgekämpft, trägt jeder von ihnen eine verdrängte Wut in sich, die jederzeit hervorbrechen könnte. 

Text & Regie: Falk Richter
Choreographie: Nir de Volff / TOTAL BRUTAL
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Malte Beckenbach
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Carsten Sander

Dauer: ca. 105 Minuten (keine Pause)


Bewertung und Theaterkritik Schreibe eine Kritik
4.0/5 Insgesamt 3 Bewertungen (1 mit Rezension)
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
der moderne mensch zwischen realität und digital-performance
  · 11.02.15
falk richters inszenierungen haben etwas atemloses, man merkt, dass er zuvor hunderte post-its gesammelt hat mit seinen ideen. der 45jährige hamburger widmet sich der gegenwart und zeigt in "never forever" auch die welt der atemlosen digital-people.
eine frau löst sich fast auf in dieser, immer online, sucht sie auch dort die liebe, die sie nur als one-night-stands erträgt. eine therapeutin soll helfen, aber sie verliert sich ebenso. ein vater (der tänzer florian bilbao) wütet mit kartons, denn frau und kind sind fort. ein einsamer postet verstörendes. kay bartholomäus schulze ist ein philosphierender, der seine smartphone-versunkenen studenten nicht mehr begreifen kann. und er ist es, er spielt es nicht nur. schulze wirkte schon in anderen richter-stücken mit und war immer die rolle. faszinierend. der smarte tilman strauß kommentiert die figuren und muss wie schulze auch mal ausdruckstanzen und das gelingt geschmeidig. die betagte rotblonde theaterdame ilse ritter hat einen gastauftritt und bringt poetische nostalgie mit ihren gedanken ins spiel. als die liebe noch nicht über ein smartphone abgewickelt wurde...
gleichzeitig ist sie eine demente mutter, die sich nicht mehr an ihre tochter erinnern will. jule böwe übernahm kurzfristig die fast-hauptrolle und regt sich auf. dass niemand mehr zurück ruft, dass sie ihre freunde kaum noch treffen kann, dass alle so total "busy" sind. die szene in der tilman sich auf dem sofa verrenkt und ihr das totale busy-sein verkaufen will, aber die eine gemeinsame nacht nur noch schnöselig abhakt, bringt sie und uns zum nachdenken.
das schafft richter noch des öfteren, dass man sich fragt. und das will er auch. nur wo sind die antworten? 
anfangs inszeniert er wie gewohnt, monolog an monolog, ekstatische körper, verwirrte seelen.
doch dann kriegt die inszenierung einen lauf, indem er die drei tänzer von total brutal einbindet, szenischer wird, die figuren sich verknüpfen.
viel text bleibt, aber es bauen sich geschichten auf.
zum nachdenken.
von den richter-inszenierungen die mir bisher liebste. auch wegen des künstlichen waldes, der hereingetragen und zu einem sehnsuchtsort wurde.
dass ich danach gleich wieder zum smartphone griff aus einer automatisierten gewohnheit heraus ist eine antwort, die ditt frollainwunder in frage stellen sollte. ob das forever so bleibt?
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Durchschnittsnote aller Stücke
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Kritiken: 90