Beyond Caring

Bewertung und Kritik zu

BEYOND CARING 
von Alexander Zeldin
Premiere: 27. April 2022  
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 

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Zum Inhalt: Drei Frauen und zwei Männer treffen im Verladeraum einer Fleischfabrik aufeinander. Die Nachtschicht steht an, sie beginnen ihre Arbeit. Der Job: die Fleischfabrik zu putzen. Sie kennen einander noch nicht. Unterschiedliche Verträge binden sie an ihre Arbeit: Michael ist festangestellt in Teilzeit, Sonja und Becky sind angestellt als Subunternehmerinnen über eine Fremdfirma, und Ava kommt über eine Maßnahme des Arbeitsamtes. Ihr Vorarbeiter ist Jan. Jede Nacht, zwei Wochen lang, alle vier Stunden gibt es eine Pause. Sie trinken Tee und Kaffee zusammen, blättern in Magazinen, plaudern. Wenn es hell wird, gehen sie nach Hause oder zum nächsten Job. So geht es Tag für Tag. Und immer so weiter. Bis sich etwas ändert, bis sich einige dieser einsamen Menschen plötzlich zu nah kommen, und das viel zu schnell.

Mit: Damir Avdic, Jule Böwe, Julia Schubert, Kay Bartholomäus Schulze, Hêvîn Tekin

Regie: Alexander Zeldin
Bühne und Kostüme: Natasha Jenkins
Sounddesign: Josh Grigg
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Marc Williams


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Blick auf soziale Schieflagen
  · 30.04.22
''Die aufgeschlossene Ava, die den stillen Micha zum Vorlesen bewegt, wird für den Einzelgänger so etwas wie ein Tochterersatz, wenn er mit ihr ein Geburtstagsständchen für seine Tochter, die er nie sieht, singt. Heftiger dagegen sind die Ausbrüche Beckys gegen Micha, den sie provoziert und schließlich zum schnellen Sex an der Fliesenwand nötigt. In den kurzen Pausen sprechen sie über Billigangebote, Geld, das man nicht hat und das wenige, das dann noch im kaputten Kaffeeautomat stecken bleibt. Sophia schleicht sich sogar nach der Schicht in die Fabrik zurück, um dort zu schlafen. Viel mehr erfährt das Publikum nicht von den persönlichen Problemen der Putzkolonne.

Die einzelnen, relativ unspektakulären Szenen werden durch magisches Flackern der Neonröhren und totale Blacks mit aufwallenden Soundeinlagen unterbrochen. Dieses recht undramatische Prinzip kennzeichnete bereits Zeldins Stück Love. Auch im professionellen deutschen Stadttheatersystem vermag dieses fast dokumentarische Theater noch zu packen. Etwas Unbehagen macht sich breit, wenn die Truppe am Ende fast mechanisch die mit Blut besudelten Fleischförderbänder und Behälter putzt. Einer unmenschlichen Maschinerie ausgeliefert, müssen sie selbst wie Maschinen funktionieren. Gefangen im gnadenlosen System der Selbstoptimierung von kleinen Wichtigtuern im Amt oder im täglichen Arbeitsprozess herumkommandiert. Auch wenn im Moment anderes wichtiger erscheint, sollte das Theater auch wieder den Blick für die sozialen Probleme schärfen.'' schreibt Stefan Bock am 30. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Große Schauspielkunst und Bühnen-Folter
  · 29.04.22
''Ein niederschmetternder Abend. Nirgendwo ein Funken Hoffnung. Natürlich bekommen die fünf Akteur:innen, wenn das menschliche Grauen endlich vorbei ist, zu Recht ihren verdienten Applaus. Was Damir Avdic, Jule Böwe, Julia Schubert, Kay Bartholomäus Schulze, Hêvîn Tekin leisten, wie sie sich erniedrigen lassen und ausgebeutet werden, wie sie sich vor Scham winden und trotzdem nie die Würde und die Hoffnung verlieren, manchmal sogar eine schelmische Bemerkung machen, das ist große Schauspielkunst.

Doch als Zuschauer:in dieser fast zwei Stunden währenden Tortur hilflos ausgesetzt zu sein, kann man auch, gerade in den emotional ohnehin schwierigen Zeiten von Krise und Krieg, als Bühnen-Folter empfinden. Selten habe ich mich nach einem Theaterbesuch so klein und so schlecht gefühlt.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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