Schaubühne am Lehniner Platz
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    SPIELPLAN & KARTEN

    Erinnerung eines Mädchens

    Bewertung und Kritik zu

    ERINNERUNG EINES MÄDCHENS 
    von Annie Ernaux
    Regie: Sarah Kohm 
    Premiere: 9. April 2022  
    Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 

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    Zum Inhalt: Mit 17 Jahren verbringt die junge Annie als Betreuerin einen Sommer in einem Ferienheim für Kinder an der französischen Nordküste. Fern von ihrem Heimatdorf und der provinziellen, katholisch geprägten Umgebung des elterlichen Krämerladens, erhofft sie sich die Erfüllung ihrer Träume von einer großen Liebe. Ihre erste sexuelle Begegnung mit dem fünf Jahre älteren Chefbetreuer H. verläuft unerwartet gewaltvoll – doch Annie unternimmt jede denkbare Anstrengung, das Erlebnis in eine leidenschaftliche Liebesbeziehung umzudeuten. H.s offenes Desinteresse an ihr kontert sie mit dem rauschhaften Versuch, ihre Lust auf ihn durch andere Körper zu stillen. Spott und Demütigung durch die Altersgenoss_innen und H. selbst sind die Folge, halten sie aber nicht davon ab, ihr ganzes Sein nach ihm auszurichten. Auch wenn Annie, euphorisch und feierwütig, den Sommer 1958 als beste Zeit ihres Lebens empfindet, veräußern sich die Übergriffe unmittelbar körperlich: Menstruationsausfall und Essstörungen begleiten sie jahrelang. Erst sehr viel später, durch das Schreiben von »Erinnerung«, erkennt Ernaux die Geschehnisse als sexuelle und verbale Gewalterfahrung an. »Erinnerung eines Mädchens« ist die Spurensuche der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 76-jährigen Annie Ernaux nach der eigenen Vergangenheit. Schreibend erinnert sie das Mädchen von damals und erkennt sich durch den Akt des Schreibens neu. Ein tiefer Zusammenhang zwischen weiblichem Begehren und der patriarchalen Unterordnung weiblicher Körper wird so sichtbar.

    Mit: Veronika Bachfischer

    Autorin: Annie Ernaux
    Regie: Sarah Kohm
    Dramaturgie: Elisa Leroy
    Bühne und Kostüme: Lena Marie Emrich
    Musik: Leonardo Mockridge
    Licht: Rudolf Heckerodt


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    Präziser Monolog über Traumata
    5 months ago
    Kritik

    Meist in der dritten Person beschreibt und analysiert die am vergangenen Freitag 83 Jahre alt gewordene Essayistin Annie Ernaux die Verletzungen, die sie als junge Frau in der konservativ-patriarchalen Gesellschaft der 1950er Jahre erlitten hat. Autobiographische Erinnerungsarbeit und soziologische Gesellschaftsanalyse greifen ineinander, ähnlich wie es das deutsche Lesepublikum von Didier Eribon und Èdouard Louis kennt, die Ernaux als eines ihrer Vorbilder nennen.

    In „Erinnerung eines Mädchens“ schildert sie mit dem Abstand mehrerer Jahrzehnte ein Erlebnis im Sommer 1958. In einem Feriencamp war sie als junge Betreuerin dabei und wurde von einem wenige Jahre älteren Chefbetreuer verführt, missbraucht und fallengelassen. Begleitet vom Soundtrack der 1950er Jahre erinnert sich Veronika Bachfischer aus dem Ensemble der Schaubühne an diese einschneidenden Erlebnisse. Auf fast leerer Bühne schildert sie in ihrem 100minütigen Monolog präzise, wie die junge Frau das Eindringen in ihren Körper erlebte.

    In der zweiten Hälfte des Abends liegt der Fokus auf den Konsequenzen der kommenden Monate. Als „Nutte“ wird die Protagonistin Annie verhöhnt, in Großbuchstaben schreibt Bachfischer dieses Wort auf die Spiegelwand, die als eines von wenigen Requisiten verwendet wird. Sie stürzt sich in One Night Stands und leidet unter Essstörungen, das Erlebte kann sie lange nicht verarbeiten. Entsprechende Triggerwarnungen zu den expliziten Schilderungen stellte die Schaubühne natürlich auf ihre Website.

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