Kein Weltuntergang

Bewertung und Kritik zu

KEIN WELTUNTERGANG 
von Chris Bush
Regie: Katie Mitchell 
Premiere: 2. September 2021 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 
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Zum Inhalt: Die Eiskappen im Polarmeer schmelzen, unsere Ozeane werden wärmer, eine Flutkatastrophe apokalyptischen Ausmaßes hat Deutschland erreicht und die Brände im Süden Europas werden mehr und mehr. Es muss etwas getan werden, so viel ist klar. Aber wie können wir auf Veränderungen hoffen, wenn wir dieselben Fehler ständig wiederholen? Der neue Text von Chris Bush dreht sich um den Klimawandel. Durch die Perspektiven von Klasse, Patriarchat und Kolonialismus erkundet »Kein Weltuntergang« die Klimakrise, jenes »Hyperobjekt«, viel zu groß, um vollständig erfasst werden zu können, und doch mit nahezu jedem Aspekt unseres Lebens verflochten. Das Stück bietet kein lineares Narrativ, sondern Fragmente unzähliger möglicher Erzählungen. Die collagehafte, zersplitterte Form des Textes lädt die Zuschauer_innen ein, ein eigenes Narrativ zu konstruieren.
Berlin, 2021: Dr. Anna Vogel kämpft bei einem Bewerbungsgespräch um den Job ihres Lebens, eine Post-Doc-Stelle am Institut der berühmten Klimaforscherin Prof. Uta Oberdorf. In unzähligen Variationen winziger Details im Verlauf des Vorstellungsgesprächs untersucht der Text, wie kleine Veränderungen in Abläufen der Gegenwart große Wirkungen in der Zukunft haben können. In den Lücken der Erzählung: eine 80.000 Jahre alte Baumkolonie, bedrohte Eis- und Grizzlybären, die sich paaren, eine unsterbliche Quallenart und eine Billion Barrel Rohöl. Und außerdem gibt es pinkfarbenen Schnee, einen adoptierten Orang-Utan und ein Volk, das fast bis zur totalen Auslöschung gebracht wird. Es gäbe unzählige Möglichkeiten, diese Geschichte erzählen, einige Wege führen in die Irre,  andere vielleicht zur Lösung.

Mit: Veronika Bachfischer, Jule Böwe, Alina Vimbai Strähler

Regie: Katie Mitchell 
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford
Sounddesign: Donato Wharton
Mitarbeit Sounddesign: Joe Dines
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Anthony Doran


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Eisbär frisst Geologin
  · 27.03.22
''Jule Böwe und Alina Vimbai Strähler liefern sich den weniger geologisch-fachlichen als vielmehr zwischenmenschlichen Schlagabtausch, bei dem es auch (nicht nebensächlich) um gewisse rassistische Ressentiments der weißhäutigen Professorin gegenüber der schwarzhäutigen Doktorin geht; "Herrenmenschin" gegen eine Nachfahrin von "Sklaven". Böwe hat dann aber auch gleich eine zweite, etwas progressivere Rolle zu absolvieren, und zwar Lilly Daxler, eine im linken Klimakämpferinnenumfeld agierende Sponsorin, die die Dr. Vogel, die am Ende doch noch eine Fach-Anstellung bei der Professorin resp. in dem von ihr geleiteten geologischen Institut kriegte, zu radikalen Umweltaktionen aufhetzte. Und auch nicht unwichtig:

Die Professorin kam bei einer Arktis-Expedition ums Leben, denn ein Eisbär hatte sie (wenn ich das richtig hörte) aufgefressen, einfach so. Ja und Veronika Bachfischer spielte eine monologisierende Klima- oder Umweltpriesterin, deren Einpersonenhandlung darin bestand, den Tod ihrer Mutter zu betrauern. Hierzu trug sie viele, viele bunte Kunstblumen und grüne Blumentöpfe auf die Bühne. Alles das spielte sich vor drei Türen ab, die immer wieder von dem Frauen-Trio auf und zu gemacht wurden, je nachdem ob sie gerade auftraten bzw. abgingen. Und rechts und links waren zwei Fahrräder montiert, aus deren Dynamos der Strom der anderthalbstündigen Aufführung geliefert wurde; drei sportive Frauen traten hierfür kräftig ins Pedal.'' schreibt Andre Sokolowski am 27. März 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Klimaneutral
  · 06.09.21
''Die Inszenierung selbst legt großen Wert darauf, Ressourcen zu schonen und klimaneutral zu bleiben. Auf der weitestgehend leeren Bühne sind nur ein paar Utensilien - zwei Stühle, ein paar Blumen, eine Urne aus natürlichen Stoffen - die man recyceln kann. Der Strom für das Mikrofon, in das die Trauernde ihre Rede flüstert, der Strom für die zitternden Lichtreflexe und für die sirrenden Töne, mit denen das Vor- und Zurück-Spulen der filmischen Spielsequenzen begleitet wird: der Strom wird live auf der Bühne von drei Fahrradfahrerinnen erzeugt, die 90 Minuten lang ununterbrochen in die Pedale treten und schwitzend ihre Theatertauglichkeit unter Beweis stellen müssen. Ein kurioser und befreiender Gegensatz zur gelegentlich niederschmetternden Gedankenschwere des Abends. Das Theater verlässt man nicht gänzlich hoffnungslos, der Weltuntergang kann gern noch ein bisschen warten.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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