ödipus

Bewertung und Kritik zu

ÖDIPUS 
von Maja Zade
Regie: Thomas Ostermeier
Premiere: 3. September 2021 (Epidaurus) 
Berlin-Premiere: 19. September 2021 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 
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Zum Inhalt: Eine Ferienvilla in Griechenland. Christina, Inhaberin eines Chemiekonzerns, und ihr jüngerer Freund Michael genießen den Sommer. Eines Morgens erscheint Christinas Bruder, um Michael zur Rede zu stellen, der heimlich eine Untersuchung über einen Unfall mit Pestiziden in Auftrag gegeben hat. Während die Firma zunehmend in Gefahr gerät, treten erschütternde Familiengeheimnisse zutage. Am Abend stehen Christina und Michael vor dem Trümmerhaufen ihres Glücks: der Tag endet in einer Tragödie.

Christina: Caroline Peters
Robert: Christian Tschirner
Michael: Renato Schuch
Theresa: Isabelle Redfern

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Angelika Götz
Musik: Sylvain Jacques
Video: Matthias Schellenberg / Thilo Schmidt
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Zades ödipus
  · 23.09.21
''Wie man unschwer erkennen kann, ist Michael der moderne Ödipus, der als Jung-Manager den angeschlagenen Konzern seiner Chefin, der Iokaste-Christina, mit psychologischen Gruppengesprächen auf Zack bringen will und nebenbei auch noch den Unfall aufklären soll. Ein Job, den er ernst nimmt und zur Wahrheitsfindung gleich mal Boden und Wasser untersuchen lässt, was Robert (Christian Tschirner), den Bruder von Christina, nicht passt, da er die Konsequenzen für die Firma fürchtet und die Sache lieber unter den Teppich kehren würde. Als wutentbranntes Orakel, eine auf der Küchenplatte stehende Sphinx-Statuette zerdeppernd, prophezeit er dann noch der versammelten Mannschaft, dass ihnen bald das Lachen vergehen wird.

Dem schaut das Schaubühnen-Publikum nun zwei geschlagene Stunden zu, vom gesunden Morgen-Smoothie bis zum Abendessen mit Fisch und Salat. Das Unglück nimmt seinen Lauf, und das Schicksal schlägt hanebüchene Volten, bis die allbekannte Wahrheit mit viel Hin und Her und Augen aufreißen vor Livekamera endlich ans Licht kommt und die Abendgesellschaft samt der ebenfalls verstrickten Angestellten Theresa (Isabelle Redfern) übereinander herfällt. Es nutzt auch nicht, dass neben der langwierigen Wahrheitsfindung, bei der jede Menge Banalitäten ausgetauscht werden, auch noch die Rolle von Frauen an der Seite mächtiger Männern, Machogehabe, sexuelle Gewalt und Umweltkatastrophen thematisiert werden, bevor alle wieder in angestammte Rollenmuster verfallen.

Eine ziemlich irre Verkettung von Umständen nennt das Stück diese recht umständlich nicht zum Punkt kommen wollende Tragödienfarce, der auch Schaubühnen-Neustar Caroline Peters in ihrer zweiten tragischen Mutterrolle nicht zu Glaubwürdigkeit verhelfen kann. Die Schaubühne schippert damit in immer seichteren Unterhaltungsgewässern fast schon fatalistisch ihrem Schicksal entgegen.'' schreibt Stefan Bock am 23. September 2021 auf KULTURA-EXTRA
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Banale Soap-Version der Atriden-Saga
  · 19.09.21
Die Autorin verlegt den Stoff der Atriden-Saga in die Ferienvilla einer reichen Unternehmer-Familie: Christina (Caroline Peters) möchte mit ihrem neuen Toyboy Michael (Renato Schuch) ausspannen. Ihr Bruder Robert (Christian Tschirner) macht ihr jedoch streitig, wer nach dem Unfall-Tod von Christinas Mann das Sagen hat. Im Stil einer TV-Soap plätschern die Dialoge dahin. Zum x.-ten Mal hat Jan Pappelbaum eine schicke Designer-Küche in seinem unverkennbaren Stil gebaut, die von Beginn in bedeutungsschweres Schwarz getaucht ist. Retro-Look und Selbstzitate sind zu Beginn dieser Spielzeit offensichtlich nicht nur an der Volksbühne angesagt.

Zade hält sich an die Grundstruktur des „Ödipus“-Mythos, wonach der ausgesetzte Sohn zu spät erkennt, dass er seinen Vater getötet und mit seiner Mutter geschlafen hat. Sie nimmt sich aber zusätzlich einige Motive aus Henrik Ibsens „Der Volksfeind“: die erste Stunde dreht sich um ein Gutachten, mit dem geklärt werden soll, ob Christinas Chemie-Fabrik an steigenden Krebs-Erkrankungen in der niedersächsischen Tiefebene schuld ist.

Ohne den Einfluss göttlicher Mächte und des Schicksals wirkt die Familien-Soap der Unternehmer-Dynastie, die durch eine Kette unglücklicher Umstände in eine Krise stürzt, sehr banal. Ebenso treffend wie böse fühlte sich André Mumot in seinem DLF-Fazit-Gespräch unmmittelbar nach der Premiere mehr an den Fernsehfilm der Woche oder Uschi Glas in der Serie „Anna-Maria – Eine Frau geht ihren Weg erinnert“ als an die Fallhöhe einer antiken Tragödie.

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''Dass es gelingt, diese archaische Geschichte ins Heute zu verlegen und auf eine psychologisch glaubwürdige Weise zu erzählen, ist ein ziemlicher Coup. Thomas Ostermeier setzt sie mit einem hervorragenden Ensemble in Szene. Caroline Peters als Firmenchefin ist überragend. Mit einem inneren Strahlen zeigt sie eine selbstbewusste Frau, die glaubt, das Glück ihres Lebens gefunden zu haben. Als herauskommt, wer Michael wirklich ist, versteinert sie regelrecht. Ihr Gesicht wird in den entscheidenden Szenen auf einen großen Bildschirm übertragen. Es wirkt authentisch bis ins kleinste Augenzucken.

Auch Renato Schuch als Michael ist oft in Großaufnahme zu sehen. Doch bei ihm bringt das Videobild Übertreibungen ans Licht, die sonst weniger aufgefallen wären – zu weit aufgerissene Augen, ein zu sehr im Entsetzen eingefrorenes Gesicht – und das zu einem Zeitpunkt als die Figur von ihrem tragischen Schicksal noch nichts ahnt. Weniger wäre mehr gewesen.'' schreibt Oliver Kranz auf rbbKultur
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