Das Leben des Vernon Subutex 1

Bewertung und Kritik zu

DAS LEBEN DES VERNON SUBUTEX 1 
von Virginie Despentes
Regie: Thomas Ostermeier
Premiere: 4. Juni 2021 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 

Zum Inhalt: Bei Vernon Subutex läuft es bemerkenswert schlecht. Vormals Inhaber eines in ganz Paris bekannten Plattenladens, mit Kunden von der Rockszene bis in die hippe Bourgeoisie gesegnet und von weiblichen Groupies umschwärmt, verliert er im Zeitalter digitaler Tauschbörsen und Streamingdienste erst sein Geschäft. Dann, nachdem er das meiste online vertickt hat, steht er gänzlich ohne Einkommensquelle da. Mehr noch: ohne Existenzberechtigung. Dinosaurier der analogen Ära, vergräbt er sich über Jahre mit Sixpacks und Fernsehserien in seiner Wohnung, die er nur noch mit Hilfe seines ehemaligen Bandkollegen, des mittlerweile legendären Sängers Alex Bleach, bezahlen kann. Als der einen frühen Rockstar-Tod stirbt, bricht für Vernon der letzte wirtschaftliche Halt weg. Er landet auf der Straße und beginnt eine Couchsurfing-Odyssee bei alten Freund_innen und Weggefährt_innen und damit eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten, von Spaltung, Ungleichheit und sozialer Verwahrlosung geprägten Gesellschaft – bis er sich schließlich wirklich als Clochard durch Paris schlagen muss. Ob glückloser Drehbuchautor, früherer Punk, jetzt »rechter Sack«, liberaler Moslem mit fundamentalistischer Tochter, feministischer Ex-Porno-Star, auf Cybermobbing spezialisierte Superschnüfflerin, brasilianische Trans-Frau oder Banlieue-Macho – in schroffen Perspektivwechseln entwirft die französische Autorin und Filmemacherin Virginie Despentes ein schillerndes Panorama verschiedener Generationen, sozialer Schichten, Geschlechtsidentitäten und politischer Orientierungen. Der erste Teil ihrer Trilogie um Vernon Subutex ist zugleich Parforce-Ritt durch die Themen unserer Zeit und faszinierendes Sozialpanorama. Nach »Rückkehr nach Reims« und »Im Herzen der Gewalt« widmet sich Thomas Ostermeier erneut den Kontrasten einer sich zusehends polarisierenden und verrohenden Gegenwart in Form der Adaption eines zeitgenössischen französischen Prosatextes.

Vernon Subutex: Joachim Meyerhoff
Emilie / Audrey / Gaëlle: Julia Schubert
Xavier Fardin: Holger Bülow
Sylvie / Die Hyäne: Stephanie Eidt
Laurent Dopalet: Axel Wandtke
Pamela Kant: Ruth Rosenfeld
Daniel: Henri Maximilian Jakobs
Kiko: Bastian Reiber
Marcia: Mano Thiravong
Aïcha / Anaïs: Hêvîn Tekin
Patrice: Thomas Bading
Alexandre Bleach im Video: Blade AliMBaye
Musiker: Henri Maximilian Jakobs, Thomas Witte, Taylor Savvy und Ruth Rosenfeld

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Video: Sébastien Dupouey
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Bettina Ehrlich
Licht: Erich Schneider


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Schlurfende Plaudertausche, Indie-Rock und Punk
  · 10.06.21
Der mit vier Stunden viel zu lange Abend hat einen entscheidenden Konstruktionsfehler. Der regieführende Intendant Thomas Ostermeier setzt über weite Strecken ganz auf seinen Hauptdarsteller, der ihm diesen Romanstoff auch vorgeschlagen haben soll. Doch eine Hauptfigur, die larmoyant auf Nina Wetzels Drehbühne nur um sich selbst kreist, kann keinen unterhaltsamen Theaterabend stemmen. Ungemein statisch schleppt sich die brave Roman-Nacherzählung dahin, wie auf Valium wirken die ersten beiden Stunden bis zur Pause.

Als Hörbuch für Menschen mit Einschlaf-Problemen könnte dieser enttäuschende Theater-Abend wertvolle Dienste leisten. Dann müsste man allerdings die Einsätze der Live-Band rausschneiden, die die Selbstbespiegelung der „sonoren Plaudertasche“, wie taz-Kritikerin Eva Behrendt den Subutex von Meyerhoff charakterisiert, zuverlässig jede Viertelstunde mit lautem Indie-Rock oder Punk unterbricht.

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Meyerhoffs Subutex ist melancholisch, zärtlich und sanft
  · 07.06.21
''Als Rock-Konzert ist der Abend ohnehin ein Genuss. Wenn man mit Bands wie Sonic Youth oder Portishead allerdings nichts anfangen kann, wird man es schwer haben. Es sei denn, man hält sich an Joachim Meyerhoffs Subutex fest. Es wäre auch eine kritischere Sicht auf diesen egozentrisch durchs Leben stiefelnden Musikfreak möglich – aber so melancholisch, zärtlich und sanft, wie Meyerhoff ihn gibt, ist sein Abstieg, der sinnbildlich für unser aller Abstieg steht, wenn wir Pech haben, zu Herzen gehend. Am Ende kniet er auf einer Pappe, sein Parker verdreckt, die Haare fettig, und hält die Hand auf.

Eindeutig: Thomas Ostermeier konzentriert sich auf die Systemkritik des Romans, auf die Klassenfrage, die die politisch rechten, skrupellosen Egoisten nach oben spült und die kleinen harmlosen Plattenhändler in die Gosse zwingt. Eine der drängendsten Fragen unserer Zeit – allein: Rockkonzert und aneinandergereihte Monologe sind nicht das rechte Mittel, sie eindringlich zu verhandeln.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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