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Bewertung und Kritik zu

JUGEND OHNE GOTT
von Ödön von Horváth
Regie: Thomas Ostermeier
Deutschland-Premiere: 7. September 2019
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 

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Zum Inhalt: Alltag an einem Provinzgymnasium in totalitären Zeiten. Die rechtsextreme Partei der »reichen Plebejer« hat die Macht übernommen und »zieht sich in den Turm der Diktatur zurück«. Die Bürger_innen werden auf einen kommenden Krieg eingeschworen, die Medien gleichgeschaltet, die Lehrpläne nationalistisch umgeschrieben. Mit einem Mal soll der Geschichtslehrer der Schule eine chauvinistische Ideologie lehren, die er zwar ablehnt, aus Angst und Antriebslosigkeit aber nicht kritisiert. Als der Lehrer es dennoch wagt, die hetzerisch-rassistischen Ausfälle in einem Aufsatz des Schülers N zu bemängeln, fallen die Schüler- und die Elternschaft über ihn her und fordern Disziplinarmaßnahmen wegen »Humanitätsduselei« und »Sabotage am Vaterland«. Bei einer Klassenfahrt – de facto einer militärischen Kampfausbildung mit bewaffneten Geländeübungen – kommt die täglich antrainierte Gewalt schließlich offen zum Ausbruch: in Form eines rätselhaften Mordes unter den Schülern. Neid, Konkurrenzkampf und eine heimliche Affäre des Schülers Z mit Eva, der Anführerin einer rebellischen Bande von Gesetzlosen, scheinen als Gründe für die Tat zusammenzuspielen. Der Gerichtsprozess, bei dem Richter wie Staatsanwaltschaft die Falschen vorverurteilen, wirft kein Licht auf den wahren Täter. Umso mehr dafür auf die Gesellschaft, die diesen hervorgebracht hat: ein Panorama der Rücksichtslosigkeit und Kälte, dessen bürgerliche Profiteure das reibungslose Funktionieren totalitärer Strukturen sichergestellt haben.

Mit: Bernardo Arias Porras, Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Jörg Hartmann, Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler, Lukas Turtur

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Angelika Götz
Video: Sébastien Dupouey
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Licht: Erich Schneider

Koproduktion mit den Salzburger Festspielen - Premiere bei den Salzburger Festspielen am 28. Juli 2019

TRAILER



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Opportunismus in der Diktatur
  · 13.09.19
''In der Schaubühne bestimmen schnelle Kostüm- und Rollenwechsel das Spiel. Auftritte und Abgänge durch den Bühnenwald rahmen die szenische Abfolge, wie sie die kurzen Kapitel des Romans vorgeben. Das bringt etwas Aktion in die sonst recht textlastige und didaktische Vorlage. Bernardo Arias Porras, Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg und Alina Stiegler geben die nur mit Buchstaben benannten Schüler, BDM-Mädchen und in weiteren Rollen auch Eltern, Feldwebel, Richter, Staatsanwalt und Polizisten. Zwei entscheidende Szenen für den Lehrer sind im Roman wie in der Inszenierung die Begegnungen mit dem ehemaligen Altphilologen Julius Cäsar, den Bernardo Arias Porras als wirren Hausierer mit Schlipsen gibt, und mit dem Dorfpfarrer (Laurenz Laufenberg) mit seiner nihilistischen Weisheit, die Kirche stehe immer auf der Seite des Staats, in dem auch immer die Reichen siegen. Sozusagen ein gottgewolltes System des Unrechts. Das von Julius Cäsar prophezeite seelenlose „Zeitalter der Fische“ und die Kapitulation der Kirche sind symptomatisch für den moralischen Werteverfall, dem sich der Lehrer anpasst.

Für den Zuschauer erfordert das Geschehen auf der Bühne mit paramilitärischem Zeltlager, Strammstehen, verschwitzten Raufereien und der eingewebten Kriminalgeschichte um den ermordeten Schüler M samt anschließender etwas überzeichneter Gerichtsverhandlung einiges an Geduld ab. Ostermeier lockert das mit auf Decken und Zeltwand projizierten Großaufnahmen der Gesichter der Schüler. Moritz Gottwalds Gesicht verschwimmt wie an einer gläsernen Aquariumswand. Immer wieder bewegt er als T den Mund wie ein atmender Fisch. Später hängt er dann als überführter Mörder im Wald. Etwas pubertär verschwitzt auch die Liebesgeschichte des Tagebuch schreibenden Z (Laurenz Laufenberg) und der wilden Wald-Eva (Veronika Bachfischer), denen der Lehrer hinterherspioniert. Ganz möchte Ostermeier der Erlösung des Lehrers mit dessen läuternde Fahrt zu den Afrikanern am Ende nicht glauben. Doch übermäßige Ironie hat er sich in dieser trocken-realistischen Inszenierung wie der Club der verschworenen Schüler im Roman streng verboten.'' schreibt Stefan Bock am 12. September 2019 auf KULTURA-EXTRA
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Fünf verschiedene Verkleidungen
  · 10.09.19
''Laurenz Laufenberg, der gerade für seine Rolle als Édouard in Ostermeiers Inszenierung "Im Herzen der Gewalt" als "bester Nachwuchsschauspieler" ausgezeichnet wurde, muss in "Jugend ohne Gott" in fünf verschiedene Verkleidungen schlüpfen. In zwei seiner Rollen wird er zum intellektuellen und emotionalen Gegenpart und wichtigsten Gegenspieler des Geschichtslehrers: Er ist der von seinen Gefühlen verwirrte Schüler Z, der sich lieber mit der rebellischen Eva im Wald vergnügt als mit seinen Kameraden zu exerzieren und völkische Lieder zu singen. Der Geschichtslehrer weiß nicht, was er von dem Jungen halten soll, diesem unberechenbaren Brausekopf, der seine Fantasien in ein Tagebuch schreibt, und den angepassten Lehrer womöglich mit ins Verderben treibt.

Und dann ist Laufenberg auch noch ein aasig lächelnder Pfarrer, der dem Lehrer jede religiöse Illusion raubt und ihm klarmacht, dass die Kirche immer auf Seiten der Reichen und der Macht stehen wird und für die Armen und Unterdrückten immer nur das Paradies im Jenseits übrig bleibt. Aber der Pfarrer ist es immerhin, der dem Lehrer einen Ausweg aus seinem Dilemma weist und ihm vorschlägt, ins Ausland zu gehen, nach Afrika, dorthin, wo die Menschen vielleicht nicht so "hinterlistig, feig und faul", sondern – vielleicht – noch offen sind für Vernunft und Humanismus.

Für den Lehrer gilt es erst einmal, zu überleben und zu hoffen, dass einige seiner zum Widerstand entschlossenen Schüler die Fackel der Wahrheit weitertragen. Ostermeiers Inszenierung wirkt, als fände alles nur im Kopf des Lehrers statt und sei alles nichts als ein böser Albtraum. Sie zeigt uns aber auch, was wir jetzt brauchen: klare Überzeugungen und eine deutliche Sprache, um die Lügen zu sezieren und die Wahrheiten auszusprechen.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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Werktreue Roman-Adaption
  · 07.09.19
Aus den 44 kurzen Kapitelchen des Romans werden ebenso kurze Spielszenen mit häufigen Rollenwechseln destilliert. Vor einer Waldkulisse, die an Peter Steins legendäre Tschechow-Inszenierung erinnert und ein besondere Duftnote verströmt, schieben die sieben Spieler*innen, die jeweils mehrere Nebenrollen übernehmen, die Tische im fliegenden Wechsel für die nächste Szene neu zurecht. Oft fungieren sie auch als innere Stimmen des Lehrers, die Jörg Hartmann etwas zuraunen oder mit ihm in Dialog treten.

Während der ersten Stunde hätte die Roman-Adaption einen beherzteren Zugriff und mehr Striche vertragen können. Auch Nebensächlichkeiten und kleine Abschweifungen aus dem Roman kommen fast 1:1 auf die Bühne. Die Werktreue hat den Nachteil, dass der Abend anfangs nur schwer vom Fleck kommt.

In der zweiten Hälfte, in der sich der Mord im paramilitärischen Zeltlager ereignet und eine Gerichtsverhandlung die Tat nur unzureichend aufklären kann, gewinnt der Abend deutlich an Dynamik und Konturen. Vor allem im letzten Drittel werden die Kapitel geschickter kombiniert und verdichtet.

Trotz vereinzelter Buhrufe für den regieführenden Intendanten Thomas Ostermeier ist ihm zu attestieren, dass „Jugend ohne Gott“ eine handwerklich gelungene Roman-Adaption ist. Sie verströmt zwar keinen großen Theaterzauber und ist vor allem für jene, die den Roman als Schullektüre oder zur Vorbereitung auf den Abend gelesen haben, arm an Überraschungen, kann aber mit einem gut eingespielten Ensemble und einem konsequent durchgehaltenen Erzählfluss punkten.

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