She She Pop: Hexploitation

Bewertung und Kritik zu

HEXPLOITATION
She She Pop
 
Premiere: 19. September 2019 
Hebbel am Ufer (HAU), Berlin 

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Zum Inhalt: In “Hexploitation” sperren She She Pop sich und ihr Publikum in einen Bühnenraum als düster-kitschiges Film-Set, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Live-Kamera dient ihnen als Vergrößerungsspiegel und intimes Untersuchungsinstrument. Mit ihrer Hilfe erforschen She She Pop als alternde psycho biddies eigene verstörende Makel und Obsessionen, sie spüren Tabus nach und untersuchen tradierte Hexendarstellungen. Dabei entdecken sie die Kamera auch als Zauberkasten, durch den sich der eigene Körper transzendieren lässt, um mit melodramatischem Ekel und komischer Lust immer neue befreiende Selbstbilder zu schaffen: “Mr. DeMille, I’m ready for my close-up!” (Norma Desmond in Sunset Boulevard, 1950).

Von und Mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf

Musik: Santiago Blaum
Video: Benjamin Krieg
Bühne: Sandra Fox
Kostüme: Lea Søvsø
Mitarbeit Kostüm: Lili Hillerich und Mads Dinesen
Künstlerische Mitarbeit: Laia Ribera Cañénguez
Sounddesign: Manuel Horstmann
Licht: Michael Lentner
Technische Leitung: Sven Nichterlein


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Die Beschwörung des weiblichen Körpers in der Menopause
  · 24.09.20
''Zum Teil tiefe Einblicke bieten sie von ihren Körperteilen, die via Livekamera auf die Bühnenrückwand projiziert werden. Es geht da in den schonungslosen Close-ups um nicht mehr ganz so frische Gesichtshaut, plötzlich schwabbelndes Bauchfett oder den sehr indiskreten Blick auf das Geschlechtsorgan, genau wie bei den vorgenannten Sheela-na-gig-Steinreliefs von weiblichen Figuren mit überdimensionaler Vulva aus frühchristlicher Zeit in Irland und Großbritannien. Sie haben eine sehr ambivalente Bedeutung, da sie einerseits weibliche Fruchtbarkeit und Leben symbolisieren, andererseits aber auch weibliche Lust als etwas Abstoßendes und Sündhaftes darstellen. Der Ekel vor der weiblichen Sexualität und dem Alter wird hier recht selbstironisch gebrochen. In Divenauftritten und Videoüberblendungen der Gesichter und Körperteile spielen die PerformerInnen mit dieser Angst.

Einen weiteren Bezugspunkt bildet das Film-Genre des Hagsploitation-Movie, in dem alternde, hässliche Frauen (Hag, auch für Hexe verwendet) dem Wahnsinn verfallen ihr Unwesen treiben. Ein Beispiel dafür ist der 1962 erschienene Horrortriller Whatever Happened to Baby Jane mit Bette Davis und Joan Crawford. Und auch im Film Sunset Boulevard aus dem Jahr 1950 geht es um eine alternde Diva, die realitätsverloren an ein Kino-Comeback als Salome glaubt und dem Wahn verfällt. Geradezu verstärkt wird noch dieser Realitätsverlust in dem 1944 mit Ingrid Bergmann verfilmten Theaterstück Gaslight (Das Haus der Lady Alquist), in dem ein Mann seine Frau bewusst in den Wahnsinn treibt. Diese Form der psychischen Beeinflussung von Frauen ist seitdem auch als „Gaslighting“ bekannt.'' schreibt Stefan Bock am 24. September 2020 auf KULTURA-EXTRA
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Eine selbstironische Mischung aus Horrorfilm und Hexenküche
  · 22.09.20
''She She Pop geben Anregungen, aber keine Antworten. Ihr kurzweiliger 70-minütiger Abend gleicht einer höchst selbstironischen Mischung aus Horrorfilm und Hexenküche. Verschiedene Live-Videobilder verschmelzen auf der Leinwand. Mal nimmt ein Performer Embryo-Stellung ein und schlüpft aus dem darüber projizierten Performerinnen-Körper, der längst nicht mehr blutet. Dann werden Brustwarzen zu Monsteraugen in einem schwarzen Gruselwald. Sebastian Bark, der einzige Mann im Team, kocht auf der Bühne Menstruationsblut nach Anleitung nach.

Der Ekel vor der Frau nach den Wechseljahren, das wird jedenfalls deutlich, ist nichts Frauengemachtes. Und so endet die angenehm lockere, ungeschliffene Inszenierung in einem emotionalen Finale mit den nackten Damen auf den Barrikaden. Nach Lana Del Rey singen sie: "Will you still love me, when I am no longer young and beautiful?" Um dann zu protestieren: "Nein, kein young, kein beautiful, kein you mehr, kein me. Du bist vergessen – und ich bin jetzt viele!" Kampf-Feminismus und Aktivismus bedient der Abend aber zum Glück nur am Rande. Es ist seine Intimität, die Unaufgeregtheit und der Humor, die einen erreichen.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Exhibitionstische Collage über das Älterwerden
  · 20.09.20
„Ich bin bereit zur Nahaufnahme“ tönt es leitmotivisch durch den Abend. So schonungslos exhibitionistisch haben wir das feministische Performance-Kollektiv „She She Pop“ noch nicht erlebt. In Großaufnahme werden Hautfalten und Schamlippen auf die Video-Leinwand projiziert und in schnoddrigem Ton gegenseitig kommentiert.

Vieles an den Dialogen wirkt noch skizzenhaft und unfertig, wie eine Materialsammlung aus dem Zettelkasten. Thematisch wird sehr viel angerissen, manches kommt nicht über alberne Gags hinaus, z.B. wenn Sebastian Bark in seiner Hexenküche daran scheitert, eine Menstruationsblut-Suppe anzurühren.

Die vielfältigen Referenzen und Assoziationen, die der Abend oft scheinbar beiläufig ausstreut, hätten eine tiefere Auseinandersetzung verdient, als She She Pop sie in den knapp 75 Minuten leisten können. Zu beliebig und sprunghaft wirken die Erzählstränge.

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