Bewertung und Kritik zu

LAURA WAR HIER (5+) 
von Milena Baisch mit Liedtexten von Volker Ludwig
Regie: Rüdiger Wandel 
Premiere: 9. Februar 2017 
Grips Theater Berlin

Das ist gemein, Laura hat die Kellertür gar nicht offen gelassen! Aber als Hausmeister Käsefuß das behauptet, schimpft Mama mit Laura, anstatt sie zu verteidigen. Jetzt reicht es. Laura ist schon sechs und findet, sie kann mal in die Welt ziehen und ihr Glück suchen. Im Gegensatz zu ihrem Alleinerziehenden-Zweier-Haushalt muss das Glück nämlich eine große fröhliche Familie sein, so wie im Werbespot von Pizzafamosa. Also nimmt Laura ihr Fahrrad und zieht aus. Aber wohin?

Regie: Rüdiger Wandel
Musik: Caspar Hachfeld und Kaspar Föhres
Bühne: Jan A. Schroeder
Kostüme: Marie Landgraf
Musikalische Einstudierung: Bettina Koch
Dramaturgie: Ute Volknant
Theaterpädagogik: Anna-Sophia Fritsche

Dauer 2 Stunden (eine Pause)


 
Meinung der Presse zu „Laura war hier“ - Grips Theater


Zitty
★★★★☆

 

Bewertung und Theaterkritik Schreibe eine Kritik
4.3/5 Insgesamt 3 Bewertungen (2 mit Rezension)
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Das Gripstheater hat eine neue große Uraufführung vorgelegt
  · 18.07.17
Das Stück ist ein typisches Gripsstück, eines, das an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ansetzt und dann zeigt, dass sie zu überwinden ist. In der Angst, Traurigkeit, Sehnsucht gezeigt wird und deren Überwindung durch Aktivität.  Nach Brecht und Piscator die edelste Form der Theaterkunst. Sie soll nicht nur reproduzieren, sie soll überwinden und Mut machen.  Und das für Kinder ab der ersten Klasse. Übrigens ist das auch das Geheimnis des Erfolgs jeglicher Kunst, sie war historisch bisher immer nur dann erfolgreich, wenn sie geschafft hat, Bestehendes nicht nur zu hinterfragen, sondern auch im Neuen, im Antizipierenden, in dem, was geistig geschaffen wird, zu überwinden.

Kinder ermutigt und begeistert
Deshalb lachen die Kinder und Erwachsenen auf der Premiere nicht nur kurz und brav und wie gewollt und angestrengt, wie man es in konventionellen Kindervorführungen erleben kann, sondern befreit, laut aufschallend und echt. Und lang anhaltend. Und die Kinder, ermutigt und begeistert, die Mädchen, aus der Rosa-Mädchenrolle heraustretend, die Jungen, gemeinsam mit ihnen, spielen noch stundenlang den „Gorilla“ nach, den die Mutter der Laura von einem der neuen Nachbarsfreunde lernt, um ihr Kind auch ohne Papa gegen den meckernden Security-Mann im Treppenhaus besser beschützen zu können.

Einsamkeit, Lebensrealität
Das Stück ist aber nicht nur eine komische Sache, sie enthält viel Ernstes: Ungerechtigkeiten, Einsamkeit, Streits, Trauer, Ausgeschlossensein wegen Zappeligkeit, Pflegekindschicksal, schwierige Lebensrealität. Das aus konsequenter Kindersicht, den Erwachsenen zur Einsicht. Zur Wertschätzung kindlichen Fühlens werden die Probleme, die Angst, die Trauer, das Gefühl, wenn etwas Gemeines geschieht, gezeigt, zur Sprache gebracht, aufgedeckt und nicht verkleinert, verdeckt und veralbert. Nicht aus Bosheit wird ein Kind trotzig, zappelig, böse, gemein oder hinterhältig, sondern, weil es ein Problem hat. Nur kann man im Normalfall nicht in die Kinderseelen hineinsehen, sie verbergen es, Kinder sind Meister darin, hier aber werden die Seelen offengelegt, Einsicht in das Denken und Fühlen anderer wird möglich gemacht, Erklärungen kann sich der Zuschauer so selbst machen, warum sind Kinder oder Erwachsene so oder so oder so, woran es liegt, das wird hier verhandelt. Das ist gut, da freuen sich Kinder, das Gripstheater hilft ihnen, vertritt sie, zeigt ihr sie in ihrer eigenen Würde. Aber nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen werden „aufgedeckt“. Alleinerziehung ist das große Thema, wie auch die Isolation in einem großen Mietshaus.

Plädoyer für die Vielfalt von Familien
Inhaltlich ist das Stück ein Plädoyer für die Akzeptanz der Vielfalt von „Familien“-Entwürfen, Laura, der Werbung nachhängend, sehnt sich von der Einsamkeit ihrer alleinerziehenden Mutter weg in eine Werbefamilie aus der Pizza-Werbung. Sie verschwindet eines Tages auf Pantoffeln ins Treppenhaus und klingelt bei anderen „Familien“, dabei macht sie so ihre Erfahrungen. Bei einer Familie, wo zwei ältere Geschwister auf ihr Säuglingsgeschwisterchen aufpassen sollen, erzählen diese ihr von ihrer Sehnsucht danach, die Mutter oder ein Zimmer mal für sich zu haben. Diese Szene ist eine Fundgrube für Situationskomik und gleichzeitig ein dramaturgisches Meisterwerk, denn die antagonistischen Sehnsüchte werden in schnellen Dialogen passgenau gegeneinander gesetzt, was ausgesprochen echt und spannend wirkt.  Vielfalt möglicher menschlicher Probleme scheinen wie in einem Brennglas auf und Erkenntnis befreit sich bei groß und klein in wahren Lachsalven.

Wahlfamilie zusammenstellen
Laura, ein immerzu staunendes, ursprünglich ängstliches, noch ganz im magischen Denken verhaftetes Kind mit Kellerangst, gewinnt im Laufe des Stückes sowohl an Autonomie als auch an Selbstbewusstsein und Kraft. Sie läuft umher und sucht. Sie will eine „ganz normale Familie“, aber sie findet sie nicht, „in unserem Haus gibt es nur komische Familien“, ist ihr trauriges Resüme´, nachdem sie bei Justin anlangt, der zwei Väter hat. Da beschließen sie und Justin (Patrik Cieslik, wunderbar wild), der sich zu ihrem Zwillingsbruder macht,  sich eine Wahlfamilie im Haus aus lauter Einzelnen zusammenzustellen, am Ende ist das ganze Haus die Familie, was mit einer Treppen-Party endet.

Den Gorilla markieren
Vorher muss Yvonne Mackenbeck, die Mutter von Laura, aber noch ihre Angst vor dem Hausmeister (Security Manager) überwinden, die sie dazu veranlasst hat, zu lügen, nämlich dem verhassten Wesekus (genannt Käsefuß) freundlich gegenüberzutreten, obwohl sie ihn hasst, und ihr geliebtes Kind zu beschuldigen, obwohl sie weiß, dass es nichts getan hat. Eine starke Szene, in der die Mutter lernt, mittels Körpersprache und Turnübungen einen Gorilla zu markieren und Angst einzujagen.

Nicht wie für Kinder, sondern das eigene Kind spielen
Die Hauptperson, Amelie Köder (seit einiger Zeit neu beim Grips) schafft etwas ausgesprochen Erstaunliches, gleichzeitig sehr Gripstypisches, und das in bewundernswürdiger Art, nämlich, das eigene innere Kind mit solcher Sensibilität und Echtheit aus ihrem Erwachsenenleben herauszuklauben und in sich selbst hervorzuholen, dass man wirklich glaubt, sie sei kleiner als die anderen. Sie spielt die  Kinderrolle nicht so, wie sie sich ein Kind als Erwachsene denkt,  sondern sie spielt sich selbst als Kind. Es sieht nicht falsch aus, wenn die sie von ihrer Mutter hochgehoben, herumgeschleudert, auf den Schoß genommen wird, es wirkt eher seltsam, wenn man nach der Premiere gewahr wird, dass es sich um eine junge Frau von 20 Jahren handelt, die diese Rolle gespielt hat.  Sie kann auch das Alter des Kindes im Spiel so genau fokussieren, dass der Abstand zu den älteren Kindern, selbst wo dieser nur ein/zwei Jahre beträgt, so konkret fühlbar wird, als bestünde tatsächlich ein Größen-, Alters- und Reifeunterschied zwischen ihnen. Doch auch die Erwachsenenrollen sind sehr gelungen, vor allem in ihrer Widersprüchlichkeit, nie wird dabei nur ein Aspekt typisierend gestaltet: Der Hausmeister ist nicht nur böse, die Mutter nicht nur überfordert, die ältere Frau nicht nur alt, der Zappeljunge nicht nur zappelig. Alle Eigenschaften werden mehrfach gebrochen, aufgehoben, verändert, immer wieder passiert Unerwartetes.

Verbeugung vor alleinerziehenden Müttern
Inhalt, Dramatik, Form und Verdichtung bestens gelungen, ein Muss für alle Familienpolitiker, die sich danach für die Vielfalt verschiedener Familienformen einsetzen und alle diejenigen Hürden, die heutigen Menschen das Zusammenleben erschweren, (fehlende Kita-Plätze, Festhalten an traditionellem Familienbild, etc.) überwinden helfen könnten. Eine Verbeugung vor allen alleinerziehenden Müttern und deren Kindern. Für alle ab 5 Jahren! Kinder- und Erwachsenentheater! Ganz nach Volker Ludwig, mit wunderschönen neuen Liedern von ihm. Weiterlesen
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Ein echter Mutmacher-Abend
  · 29.06.17
''Der Regisseur Rüdiger Wandel hat den Text als musikalische Gaudi für die ganze Familie inszeniert – ein lustiges Stück mit ernstem Thema, das sich die neuen Rollenzuschreibungen in den unterschiedlichen Familienkonstellationen vornimmt. Die Mutmacher-Botschaft ist deutlich: Wenn die leibliche Familie nicht mehr komplett ist, gibt es immer noch die Wahlfamilie.'' schreibt Barbara Behrendt auf kulturradio.de
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3.8
Durchschnittsnote aller Stücke
5 9
4 9
3 7
2 4
1 0
Kritiken: 14
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