Bewertung und Kritik zu

VATER 
von Dietrich Brüggemann
Regie: Dietrich Brüggemann 
Premiere: 11. November 2017 (Uraufführung) 
Deutsches Theater Berlin

Zum Inhalt: Ein junger Mann am Sterbebett seines Vaters. Der Vater ist auf der Schwelle – noch da und schon weg. Man kann noch mit ihm reden, vielleicht hört er es noch, aber er wird nicht mehr antworten. Der junge Mann schaut zurück auf sein eigenes Leben, schaut zugleich in seine eigene Zukunft.
Die westliche Kulturgeschichte arbeitet sich seit Anbeginn an der Figur des Vaters ab. Das verwandtschaftliche Verhältnis dient dabei als Projektionsfläche für mal stabilisierende, mal erdrückende Autorität. Doch spätestens seit der Durchsetzung vergeschlechtlichter Arbeitsteilung in der frühen Industriegesellschaft sind die viel beschäftigten Väter vor allem eins: abwesend – ob auf Arbeit, im Krieg oder auf hoher See. 
Was aber bedeutet die drohende, sehr konkrete Abwesenheit im Moment des Sterbens für die Biografie der Nachkommen? Welche Fragen hätte man noch stellen wollen? Welche Antworten gehen mit dem Tod des Vaters für immer verloren? Und wie viele Geheimnisse nimmt der Mann, der einen großgezogen hat und der nun als Greis da im Bett liegt, eigentlich mit ins Grab? 

Mit Michael Gerber, Alexander Khuon

Regie: Dietrich Brüggemann
Ausstattung: Jana Valjarevic
Dramaturgie: Joshua Wicke


Bewertung und Theaterkritik Schreibe eine Kritik
4.0/5 Insgesamt 2 Bewertungen (2 mit Rezension)
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Desirée und Katja am Sterbebett
  · 11.11.17
Statt „Vater“ hätten Dietrich Brüggemann (in Personalunion Autor und Regisseur) und Alexander Khuon (Performer dieses 90minütigen Quasi-Monologs) den Abend auch „Desirée und Katja“ nennen können.
Denn um das neurotische Verhältnis der Hauptfigur Michael zu diesen beiden Frauen geht es. Als er die erste SMS von Nina bekommt, sind der Vater und sein Gehirntumor recht schnell vergessen. Michael kreist assoziativ um sein chaotisches Liebesleben, erwähnt ständig den besserwisserischen Sven, der mit Frau, Kindern und Häuschen scheinbar alles ganz wohlgeordnet im Griff hat, und den Uwe, einen noch armseligeren Tropf als Michael, einen Elektroingenieur, der den Studentinnen in der Kneipe auf den Hintern guckt, aber keine von ihnen jemals erreichen kann.
Was gehen uns dieser Michael und seine Neurosen an? Was interessieren die banalen Problemchen dieser Ninas, Katjas und Desireés oder wie all die beziehungsunfähigen Figuren heißen mögen? Die Stärke dieses Abends ist, dass sich diese Frage irgendwann gar nicht mehr stellt.
Dietrich Brüggemann ist ein Meister genauer Beobachtungen, die er in sarkastische Formulierungen gießt. Bei seinem Theater-Debüt merkt man ihm deutlich seine Herkunft vom Film an: die ständigen Sprünge und Rückblenden, die aus Michael wassserfallartig heraussprudeln, sind klug montiert und jede Szene für sich so genau beschrieben, dass der Zuschauer die Katjas, Desireés und Svens plastisch im Kopfkino vor Augen hat. Der lakonische Humor, die schrägen, auch manche Albernheit nicht scheuenden Pointen und die Montagetechnik der Szenen und Stimmen erinnern an Indie-Komödien aus Nordamerika von Noah Baumbach oder Jason Reitman.
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Gedankenstrom zwischen Kindheit und Gegenwart
  · 13.11.17
''Eine stringente Handlung gibt es nicht. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Dazwischen ist es ein Gedankenstrom: Der Sohn springt hin und her zwischen Kindheitserinnerungen und Ereignissen, die in letzten Jahren erlebt.

Diese nicht-lineare Erzählweise, die nicht auf Handlung fixiert ist, ist typisch fürs Theater. Im Film würde das nicht so gut funktionieren. Dietrich Brüggemann beherrscht diese Erzählweise in seinem ersten Theaterstück überraschend gut.

Kleinigkeiten kann man an dem Text aussetzen: Stellenweise geht es sehr viel darum, wer wie gut aussieht und deshalb welchen Partner abbekommt. Der eigene erotische Marktwert scheint ein großes Thema zu sein. Und das Ende ist nicht ganz frei von Kitsch.

Aber insgesamt ist das Stück ein liebenswertes Zwiegespräch darüber, wie man zu dem Menschen wird, der man ist. Und es ist sehr direktes, unmittelbares Theater, von dem man gern mehr sehen würde.'' Mounia Meiborg auf kulturradio.de
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