Platonow

Bewertung und Kritik zu

PLATONOW 
von Anton Tschechow
Regie: Timofej Kuljabin 
Premiere: 23. September 2022 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Ein Seniorenheim für gealterte Künstler irgendwo im Nirgendwo – an diesen letzten Rückzugsort für die Vergessenen und Ausgemusterten versetzt der exilrussische Regisseur Timofej Kuljabin das Ensemble seiner Platonow-Inszenierung. Hier verbringen Schauspielerinnen und Schauspieler, die keiner mehr sehen will, ihren sogenannten Lebensabend. Aber sie warten nicht auf den Tod, sondern ignorieren ihn und beschwören aufs Neue die großen Gefühle und Konflikte ihres Lebens herauf. Und so wird die Geschichte von Anton Tschechows erstem Theaterstück über die Liebeswirren um den desillusionierten Dorfschullehrer Platonow in der Endzeit der Todesnähe noch einmal lebendig.

Eine ultimative Komödie über die Zukunftslosen und Verlorenen, die noch einmal aufspielen zu einem letzten, makaber- melancholischen Tanz um das Verschwinden der Liebe, des Lebens und vielleicht auch der Kultur.

Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golowko
Kostüme: Vlada Pomirkovanaya
Dramaturgie: John von Düffel, Roman Dolzhanskij
Licht: Robert Grauel, Oleg Golowko


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Missglückte Tschechow-Kürzung in Senioren-WG
  · 23.09.22
Ein gelungener Regie-Einfall sind die Masken, hinter denen die DT-Ensemble-Spieler*innen und die beiden Gäste der koproduzierenden Luxemburger Bühne (Birgit Urhausen und Max Thommes) fast bis zur Unkenntlichkeit verschwinden. Timofej Kuljabin verlegt Anton Tschechows fast noch pubertären Erstling „Platonow“, der erst nach seinem Tod erschien, in eine russische Senioren-WG ehemaliger Künstler*innen. Vor allem die jüngeren Spieler*innen wie Enno Trebs und Linn Reusse sind so geschickt auf alt getrimmt, dass sie erst auf den zweiten Blick und vor allem an ihren Stimmen zu erkennen sind.

Doch leider war das bereits alles, was an dem Abend zu loben ist. Das größte Manko bleibt, dass Kuljabin und Roman Dolzhanskij (neben John von Düffel Dramaturg des Abends) für ihre gekürzte Fassung von Tschechows ausuferndem Frühwerk keine überzeugende Idee entwickeln. Vor allem die ersten knapp 75 Minuten sind eine Zumutung: die Dialoge der Spieler*innen klingen hohl und aufgesetzt. Dieser komödiantischere Teil des Abends entlockt einige Lacher im Publikum, wenn die abgehalfterten Diven und Ballerinen um die Gunst des Platonow (Alexander Khuon) buhlen, aber schleppt sich allzu zäh der ersehnten Pause entgegen.

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Gedankenlos
  · 24.09.22
''Das Deutsche Theater hätte sicher einige DarstellerInnen im passenden Alter gehabt, aber der Regisseur schickte sein Ensemble lieber in die Maske und lässt sie alte Menschen mimen mit all ihren Falten, Fettpolstern und Gebrechen. Die Idee somit eine Distanz zwischen den DarstellerInen und ihren Rollen zu schaffen, um Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit zu erreichen, verkehrt sich in ihr Gegenteil und wird zur nicht gewollten Parodie, was sich schon an den Lachern im Publikum ausmachen lässt. Dass alte Menschen im Heim meist auch isoliert sind, weiß man nicht erst seit Corona. Die Analogie zu KünstlerInnen in Russland, die sich gegen das Putin-Regime und den Ukrainekrieg stellen, ließe sich mit Tschechow auch ohne Altersheim darstellen.

So gibt sich das Ensemble um Alexander Khuon als angegrautem Verführer mit Bauchansatz und das Damenquartett Alexandra Iwanowna (Linn Reusse), Anna Petrowna (Katrin Wichmann), Sofia Jegorowna (Brigitte Urhausen) und Marja Jefimowna Grekowa (Birgit Unterweger) viel Mühe alt auszusehen und tut das dann leider auch. Würde scheint für Kuljabin ein Fremdwort zu sein. Man könnte das alles auch ziemlich gedankenlos nennen, wenn man nicht zumindest den guten Willen, dem Alter auch die Sehnsucht nach Liebe und Verlangen zubilligen zu wollen, anerkennen möchte. Die Angst vor Verlust und das Wissen um die Endlichkeit sind ein Thema, dem man sich auch entsprechend verantwortlich nähern sollte. Das hat man am Deutschen Theater wohl unterschätzt. Den Erfolg seiner Drei Schwestern in Gebärdensprache wird Kuljabin so nicht erreichen können.'' schreibt Stefan Bock am 24. September 2022 auf KULTURA-EXTRA
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