Der Sturm

Bewertung und Kritik zu

DER STURM 
von William Shakespeare
Regie: Jan Bosse 
Premiere: 23. Juli 2022 (Bregenzer Festspiele) 
Berlin-Premiere: 1. September 2022 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Auf einer einsamen Insel lebt Prospero, vormals Herzog von Mailand. Jahre zuvor war er durch eine Intrige seines Bruders Antonio vom Thron gestürzt und in einem Boot auf offener See ausgesetzt worden. Wie durch ein Wunder rettete er sich gemeinsam mit Tochter Miranda auf diese Insel. Hier hat er eine neue Welt aufgebaut und herrscht uneingeschränkt über Wesen und Geister – wie Caliban oder den Luftgeist Ariel, die Ureinwohner des Eilands. Eines Tages sichtet Prospero die Flotte des Königs von Neapel Alonso, der auch sein Bruder Antonio und Königssohn Ferdinand angehören. Mit Ariels Hilfe entfesselt er einen Sturm, der sie kentern und stranden lässt. Durch diesen inszenierten Schiffbruch ist nun Prospero zurück in der mächtigen Position, hat die Chance auf späte Rache oder Versöhnung und zieht alle Schicksalsfäden neu zusammen.

Der Sturm von 1611 ist eines der letzten Werke William Shakespeares und sein ultimativer Schöpfungsmythos, welcher das Theater als symbolische Insel der Möglichkeiten betrachtet. Die Ausnahmesituation wird zum Experiment eines Neuanfangs: Was würd' ich machen, wenn ich König wär'? Shakespeare streift dabei spielerisch Themenkomplexe wie Macht und Unterdrückung, Ausbeutung und Aneignung, Natur und Zivilisation.

Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme; Kathrin Plath
Musik und Sounddesign: Carolina Bigge, Arno Kraehahn
Licht: Marco Scherle
Dramaturgie: David Heiligers


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2 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Zähe Komödie mit dadaistischer Wort-für-Wort-Übersetzung
  · 02.09.22
Jan Bosse hat bewiesen, dass er auch aus einem so flachen Text wie PeterLichts Molière-Überschreibung „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ einen unterhaltsamen Sommertheater-Abend zaubern kann. Aber bei Jakob Noltes sperriger und dadaistischer Wort-für-Wort-Übersetzung will ihm dies nicht gelingen. Regisseur und Autor ernteten bei der Berlin-Premiere einige Buhs.

Das Ensemble kam nie richtig ins Spielen. Stargast Wolfram Koch, der nur hin und wieder in Berlin zu erleben ist, blieb als Prospero überraschend blass. Jeremy Mockridge im Glitzer-Höschen und Tamer Tahan mussten sich durch Knallchargen-
Rollen hampeln.

Besser erging es ihren Kolleginnen: Linn Reuse, Julia Windischbauer und vor allem Lorena Handschin als Ariel durften den Abend mit einigen Gesangs-Soli (live begleitet von Carolina Bigge) auflockern. Das waren die Lichtblicke eines zähen Abends, der als sommerliche Koproduktion des DT mit den Bregenzer Festspielen konzipiert war. Aber Spielfreude und Unterhaltungswert des Abends blieben hinter den Erwartungen zurück, selten wurde bei einer Komödie so wenig gelacht.

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Eine heitere, verspielte Inszenierung
  · 07.09.22
''Das äußere Handlungsgerüst tut in Jan Bosses heiterer, verspielter Inszenierung ohnehin wenig zur Sache. Bosse gibt dem Affen Zucker mit allerlei Slapstick-Szenen und Geblödel. Gute Schauspieler wie Jeremy Mockridge und Linn Reusse können das zum Glück tragen. Nur Wolfram Koch gibt dem Abend einen dunkleren Ton. Ohne seinen Prospero bestünde der Abend aus viel zu viel oberflächlichem Tand. Doch der abgehalfterte, zottelige Zauberer, dem die Tricks nicht mehr gelingen wollen, bringt eine Melancholie und Bitterkeit auf die Bühne, eine Altersweisheit und Ironie, die zum emotionalen Kern der Inszenierung wird.

Obwohl der Abend sehr auf Spielfreude, auf Theaterzauber setzt, was man wahrlich nicht alle Tage am Theater sieht, gibt es bei über zwei Stunden doch einige Leerstellen und zu glatt polierte Szenen. Doch wenn sich am Ende der alte Prospero über die Hintertür aus seiner Theater-Welt davonmacht und das Ensemble mit der Musikerin Carolina Bigge einen Song nach Shakespeare anstimmt, den Lorena Handschin schon den ganzen Abend über großartig performt, nämlich: "Die Hölle ist leer und all die Teufel sind hier", dann bekommt die Inszenierung, auch ohne vordergründige postkoloniale Aktualisierung, doch noch eine eigene Kraft und Tiefe.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Abgesang auf Raten
  · 05.09.22
''Aus dem Schnürboden fällt ein Wald aus dicken Schiffstauen (Bühne: Stéphane Laimé). Die lassen sich wunderbar verdrillen, verknoten und als Schaukeln und Lianen verwenden. Das ist dann aber fast schon alles an Bühnenzauber, den Jan Bosses Inszenierung versprüht. Nicht nur gefangen in Seilen, ist sie vor allem eingeschnürt ins Korsett einer infantilen Sprache der wortwörtlichen Übersetzung Jakob Noltes. „Tust du lieben mich?“ oder „Wir sind solches Zeug als Träume sind gemacht von.“ Diese Hirnknoten sollen als magische Kunstsprache durchgehen. Da tut der Traum bald aus sein. Die kauderwelschende Textfassung verursacht beim angestrengten Nachhören eine Müdigkeit, der man sich kaum entziehen kann. Darüber gehört höchstens noch der Mantel des Schweigens gehüllt.

Nicht viel besser ist das, was hier an Schauspielkunst geboten wird. Um Shakespeares ultimativen Schöpfungsmythos, das Theater als symbolische Insel der Möglichkeiten soll es laut Programmheft gehen. Möglich sind hier vor allem Slapstick und Albereien aller Art. Das übrige Ensemble wechselt in den Rollen der Schiffbrüchigen und der Inselbewohner wie den körperlich deformierten Hexen-Sohn und Sklaven Caliban oder Prosperos Tochter Miranda. Den Caliban gibt Julia Windischbauer als etwas linkisches aber wandelbares Fabelwesen. Die Miranda der Linn Reusse darf weiter die von der Männlichkeit des Königssohns Ferdinand (Jeremy Mockridge) angezogene Naive spielen. Alle Register des Chargierens ziehen Jeremy Mockridge und Tamer Tahan als Trinkkumpane Stephano und Trinculo. Das ist in der Darstellung alles andere als ein experimenteller Neuanfang.'' schreibt Stefan Bock am 2. September 2022 auf KULTURA-EXTRA
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